Hacker-Attacke

Grütters und fast die ganze Berliner Linksfraktion gehackt

Das Leck stammt aber nicht von den Servern im Abgeordnetenhaus. Vorliegende Informationen deuten auf gehackte Adressbücher hin.

Kulturstaatsministerin und Berlins CDU-Chefin Monika Grütters.

Kulturstaatsministerin und Berlins CDU-Chefin Monika Grütters.

Foto: dpa

Berlin. Auch Berliner Politiker sind am Freitagvormittag mit der unangenehmen Nachricht konfrontiert worden, dass Unbekannte Informationen über sie offenbar gehackt und im Internet veröffentlicht haben. Im Roten Rathaus war man zunächst höchst alarmiert. Bei der Durchsicht der Listen mit Betroffenen wurde aber schnell klar, dass die Regierungszentrale der Hauptstadt offenbar nicht im Fokus der Täter stand. Anders als bei anderen Politikern finden sich zu Berliner Politikern auch keine Chats, Familienfotos oder andere sensible private Daten.

Während die Privatadresse von Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) veröffentlicht wurde, steht Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) nicht auf der Liste, ebenso wenig wie Mitglieder des rot-rot-grünen Senats. Dagegen finden sich Privatadresse und Mobilnummer der Kulturstaatsministerin und Berliner CDU-Vorsitzenden Monika Grütters. Auch die Handynummer von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) taucht auf, wobei die Information offenbar noch aus ihrer Zeit als Neuköllner Bezirksbürgermeisterin stammt.

Mobilnummer von Raed Saleh im Netz

Als hochrangigster Berliner Landespolitiker von dem Datenleck betroffen ist SPD-Fraktionschef Raed Saleh, dessen Mobilnummer nun im Netz zu finden ist. Die SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus ließ gleich am Morgen den Server überprüfen und stellte nach Angaben einer Sprecherin keine Pannen fest. Ebenso verhält es sich bei der Berliner Linksfraktion. „Unsere eigene IT-Infrastruktur scheint nicht betroffen zu sein“, sagte ein Fraktionssprecher. Dennoch ist die hohe Anzahl linker Landespolitiker auf der Liste der Betroffenenauffällig. Mindestens 17 der 27 Linken-Parlamentarier tauchen unter den Namen auf, wobei die Fraktionschefs jedoch fehlen. In fast allen Fällen ist aber nur die offizielle Büro-Telefonnummer im Abgeordnetenhaus aufgeführt, bisweilen auch die Mobilnummer. Der Innenexperte Sebastian Schlüsselburg kündigte an, Anzeige stellen zu wollen.

Prominente Bundestagsabgeordnete gehackt

Aus Sicht der Linken sieht es derzeit so aus, als habe jemand eine Kontakt-Datei geknackt und die dort enthaltenen Informationen verwendet. Denn auch einige prominente Bundestagsabgeordnete der Linken wie Gregor Gysi, Gesine Lötzsch und Stefan Liebich sind Opfer der Attacke. Einziger betroffener Bezirksbürgermeister ist der Linke Michael Grunst aus Lichtenberg.

In einem Fall sei der Facebook-Account eines Berliner Abgeordneten gehackt worden, sagte der Fraktionssprecher. Das sei aber schon vor einiger Zeit aufgefallen. Dabei sei es auch um dessen Aktivitäten gegen Rechtsextreme gegangen. An der Grünen-Fraktion ging der Angriff weitgehend vorbei. Opfer sind aus Berlin die Bundestagsabgeordnete Lisa Paus und auch der frühere Berliner Fraktionsvorsitzende Volker Ratzmann, der heute Bevollmächtigter des Landes Baden-Württemberg in Berlin ist.

Personalausweis von Gräff online gestellt

Aus der CDU sind neben dem Tempelhof-Schöneberger Bundestagsabgeordneten Jan-Marco Luczak der frühere Sozialsenator und heutige Fraktionsvize Mario Czaja unter den Geschädigten. Von dem Wirtschaftsexperten Christian Gräff wurde ein Personalausweis ins Netz gestellt. Dieser sei aber inzwischen abgelaufen, so der Parlamentarier.

CDU-Generalsekretär Stefan Evers, ebenfalls selber auf der Liste, stand am Freitag im engen Austausch mit den betroffenen Christdemokraten. „Wir legen Wert auf konsequente Ermittlungen“, sagte Evers. Der Fall müsse „sehr ernst genommen“ werden. Er demotiviere Menschen, politische Verantwortung zu übernehmen.

Vertreter der Berliner FDP tauchen auf den geleakten Listen nicht auf. Dennoch meldete sich der Digitalisierungs- und Datenschutzexperte der Fraktion, Bernd Schlömer, zu Wort. „Die Widerstandsfähigkeit unserer informationstechnischen Systeme steht infrage, wenn es gelingt, so einen breiten Angriff auf zum Teil sehr persönliche Informationen aus unterschiedlichen politischen Parteien und Gliederungen zu fahren“; sagte Schlömer. Sollte der Angriff noch im Zusammenhang mit der Attacke auf den Bundestag 2015 stehen, stehe infrage, ob die Bundespolitik das Bewusstsein für die mit Cyberkriminalität und Cyberangriffen verbundenen Risiken insbesondere bei sich selber geschärft habe.

Auch K.I.Z., Sido, Casper und LeFloid betroffen

Auch Berliner Prominente sind von dem Daten-Klau betroffen. Dazu zählen Veröffentlichungen von Privatadressen der drei Mitglieder der Berliner Hip-Hop-Formation K.I.Z., der Rapper Sido und Casper und des YouTube-Stars LeFloid.

Zu den Opfern des Hacker-Angriffs zählen auch Abgeordnete des Brandenburger Landtags. So wurden Daten von zahlreichen Abgeordneten der CDU-Fraktion im Internet veröffentlicht, wie Fraktionssprecher Martin Burmeister am Freitag sagte. „Darunter sind allerdings viele entweder bekannte oder bereits veraltete Angaben wie Adressen, Telefonnummern pder Email-Adressen“, sagte Burmeister.

Bei dem CDU-Landtagsabgeordneten Rainer Genilke wurde allerdings auch der Facebook-Account gehackt. „Das ist mir im Oktober aufgefallen, weil der Account nicht mehr nutzbar war“, sagte Genilke am Freitag der Deutschen Presse-Agentur. „Daraufhin habe ich einen neuen Account angelegt und der ist jetzt safe.“

Von den Hacker-Angriffen sind auch Politiker der Fraktionen von SPD, Linke und Grünen im Brandenburger Landtag betroffen. Die einzige Ausnahme bildet die AfD-Fraktion.

„Der Vorfall zeigt, wie wichtig Datensicherheit im digitalen Zeitalter ist“

Wer für den Online-Angriff verantwortlich ist und welche Motivation dahintersteckt, war zunächst noch unklar. Auch ob alle Daten authentisch sind, war zunächst offen. Der Inhaber des genannten und inzwischen gesperrten Twitter-Accounts beschreibt sich selbst mit Begriffen wie Security Researching, Künstler, Satire und Ironie.

„Die Widerstandsfähigkeit unserer informationstechnischen Systeme steht in Frage, wenn es gelingt, so einen breiten Angriff auf zum Teil sehr persönliche Informationen aus unterschiedlichen politischen Parteien und Gliederungen zu fahren“, sagte der Berliner FDP-Netzpolitiker Bernd Schlömer.

„Der Vorfall zeigt, wie wichtig Datensicherheit im digitalen Zeitalter ist“, sagte Grünen-Fraktionschefin Silke Gebel der dpa. Die Fraktionsspitze nehme ihn zum Anlass, alle Abgeordneten erneut für das Thema zu sensibilisieren. (mit dpa)

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