Dieter Puhl

Der Berliner des Jahres ist ein Lobbyist der Schwachen

Dieter Puhl ist der Leiter der Bahnhofsmission am Zoo. Die Morgenpost-Jury hat sich für ihn als Berliner des Jahres entschieden.

Ein Leben für Obdachlose: Dieter Puhl

Ein Leben für Obdachlose: Dieter Puhl

Foto: Reto Klar

Berlin. „My home ist my castle“ steht an der verglasten Bürotür von Dieter Puhl. Gemessen an dem Ort, an dem der 61-Jährige arbeitet, der Bahnhofmission am Zoo, braucht man einen Moment, um das zu verstehen. Puhls fensterloses Büro ist winzig und liegt unter den Gleisen des Bahnhofes. Die Wände zittern im Takt der Züge. Und hier wohnt natürlich auch niemand. Weder die Gäste – täglich werden bis zu 600 Bedürftige hier mit Essen, Getränken, Rat und Hilfe versorgt, nicht wenige leben auf der Straße – noch Dieter Puhl wohnt hier. Auch wenn der Sozialarbeiter sich in seinen mittlerweile zehn Dienstjahren hier schon gewissermaßen eingerichtet hat.

Dass seine Einrichtung heute zu den Vorzeigeprojekten gehört, die Senat, Deutsche Bahn und auch der Träger, die Berliner Stadtmission, gern erwähnen, wenn es um die Arbeit mit Obdachlosen geht, ist Puhls Verdienst. Unter seiner Führung wurde und wird das Angebot ständig erweitert. Neben Essen und Kleiderspenden gibt es seit 2015 auch Duschen, ein Waschcenter und soziale Einzelfallhilfe, die Betroffene auf dem schwierigen Weg zurück „ins System“ begleitet. Und, was mindestens genauso wichtig ist: Seit Puhl hier ist, erfährt auch die Öffentlichkeit von der Arbeit. Und von der Situation jener Menschen, die sonst oft niemanden mehr haben, weder Familie noch Fürsprecher – von den 6000 bis 8000 Obdachlosen, die auf Berlins Straßen, in Parks und auf Brachen überleben.

Dieter Puhl ist heute ein gefragter Experte

Wer Dieter Puhl besucht, bekommt als Erstes einen guten Kaffee – das gilt für alle Gäste. Dass jemand obdachlos ist, findet Puhl, ist kein Grund, ihn mit dünnem Tee abzuspeisen. Kaffee sei überhaupt der beste Wegbereiter für eine gute Kommunikation. Wer möchte, bekommt dann tatsächlich eine Art „Schlossführung“ durch die Bahnhofsmission. Und Antworten – auch auf Fragen, die niemand laut stellt.

Dieter Puhl, geboren 1957 in einem Dorf bei Kiel, kam mit 17 Jahren aus Norddeutschland zur Ausbildung und zum Studium nach Berlin, wurde Sozialarbeiter und evangelischer Diakon. Heute ist er ein gefragter Experte in Sachen Obdachlosigkeit. Wer ihn besucht, den führt er entweder hinaus auf die Straße, wenn es um Umstände und Ursachen geht. Oder, wenn die Frage gestellt wird, was denn getan werden kann, ins Innere des Bahnhofs Zoo.

Die häufigste nicht gestellte Frage lautet: Wie fühlt es sich an, auf der Straße zu leben? Puhl bittet seinen Besuch auf die Straße und dann ganz schlicht, sich doch mal selbst kurz auf den Boden zu setzen. Die Erkenntnis, „ganz unten“ zu sein, zu jedem aufschauen zu müssen, der da kommt, mit guten Ratschlägen oder auch bösen Blicken, kommt meist blitzschnell. Puhl spricht von der steigenden Zahl psychischer Erkrankungen seiner Gäste. Von immer mehr Rentnern, Familien mit Kindern, die auf der Straße stranden. Manchmal spricht er auch davon, wie sehr ihn Vorurteile ermüden – etwa, dass Obdachlose selbst irgendwie schuld an ihrem Schicksal seien.

Und er hört nicht auf zu betonen, dass in der Bahnhofsmission alle willkommen sind, egal warum und woher sie kommen. Vielleicht schildert er dann den Fall einer jungen Frau, die in einer wilden Latrinen-Ecke nahe dem Bahnhof schläft. Dort, wo sich andere Obdachlose erleichtern. Möglicherweise tue sie das, um sich vor Vergewaltigungen zu schützen. „An einen solchen Menschen heranzukommen, sein Vertrauen zu gewinnen, um ihm zu helfen, das kann Monate oder Jahre dauern“, sagt Puhl und schweigt einen Moment, „wenn es überhaupt gelingt.“

„Ein bisschen verrückt“ nennt Puhl diese Idee

Seine Antwort auf die Frage, was getan werden kann, ist, neben Spendenaufrufen und der Einladung zur ehrenamtlichen Mitarbeit, ein Plan. Eine Skizze vom Inneren des Bahnhofs. „Ein bisschen verrückt“ nennt Puhl die Idee, aus den 500 Quadratmetern, die die Deutsche Bahn zur Verfügung stellt, ein Beratungs- und Bildungszentrum zum Thema Obdachlosigkeit zu machen. Auf der einen Seite eine weiterführende soziale und psychiatrische Beratung für die bisherigen Besucher der Bahnhofsmission geben. Auf der anderen Seite Seminarräume für Vorträge und Veranstaltungen.

Hier sollen sich all jene treffen, die auch jetzt schon fast täglich in der Bahnhofsmission mithelfen: von Schulklassen über Mitarbeitende aus Firmen und öffentlichem Dienst bis zu Wissenschaftlern, Entscheidern aus Wirtschaft und Politik. Auch ein Gemeinderaum ist geplant – für eine besondere, laut Puhl gern auch „ein bisschen verrückte“ Gemeinde.

Als Dieter Puhl vor zehn Jahren die Bahnhofsmission übernahm, hätte man es wohl auch für eine verrückte Vorstellung gehalten, dass die Deutsche Bahn sechsstellige Summen für die Arbeit der Bahnhofsmission geben würde. Oder dass der Bahnchef – damals Rüdiger Grube, heute Richard Lutz – regelmäßig vorbeikommen und selbst Essen ausgeben würden. Oder dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Entertainer Thomas Gottschalk, Schauspielerin Barbara Schöne, Ex-Fußballspieler Thomas Häßler und andere „Promis“ vorbeikommen und mit anpacken würden. Sie alle saßen dieses Jahr in Dieter Puhls kleinem Büro bei Kaffee, hörten zu – und gingen als Freunde. „My home is my castle“ am Bahnhof Zoo.

Puhls verrücktester Traum ist aber dieser: Er wünscht sich einen Besuch von Papst Franziskus, der sich als Papst der Armen sieht. 2017 reiste Puhl mit Mitstreitern sogar persönlich nach Rom, um die Einladung zu überbringen. Ob Franziskus tatsächlich kommt, ist zwar offen. Immerhin soll 2019 der Bau des neuen Beratungszentrums am Zoo beginnen, auch wenn die Finanzierung noch immer nicht komplett steht. Und wenn die Berliner Politik heute von der „Bekämpfung“ von Obdachlosigkeit schreibt, sondern Lösungen sucht, dann gehört auch das zu den vielen Verdiensten des unermüdlichen Mahners vom Bahnhof Zoo.

Die Begründung der Jury

Dieter Puhl ist ein Lobbyist der Obdachlosen – im besten Sinne. Er ist Vordenker, wenn es darum geht, wie man obdachlosen Menschen über eine bloße Spende von Geld oder Kleidung hinaus helfen kann. Und er ist ein hervorragender Netzwerker. Zu seinen regelmäßigen Gästen zählen nicht nur 600 Bedürftige pro Tag, sondern auch prominente Politiker, Wirtschaftsgrößen, Künstler und Journalisten. Puhls unermüdlicher Aufforderung, über das Tabu Obdachlosigkeit auch öffentlich zu sprechen – sein Aufruf, den Schwächsten auf der Straße zu helfen, statt sie zu vertreiben – ist es wesentlich mit zu verdanken, dass die Stadt heute ein breit angelegtes Hilfeprogramm für Obdachlose hat. Er selbst bleibt dabei bescheiden. Er meidet die große Bühne und lädt lieber an seinen Arbeitsplatz ein, um seinem Herzensthema Nachdruck zu verleihen. 2017 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. 2018 ist er unser Berliner des Jahres.

Und sie kamen in die engere Auswahl: