Hauptstadtbrief

Kolumne am Sonntag: Vorbei – ein gutes Wort

Günter Bannas ist Kolumnist des HAUPTSTADTBRIEFS. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Hier blickt er auf das Chaos in den Parteien 2018 zurück.

Der politische Betrieb in Berlin atmet auf: Gott sei Dank, es herrschen Weihnachtsferien, und Gott sei Dank, dieses Jahr ist vorüber. 2018 war – vor allem für die Parteien, die noch den Anspruch erheben, Volksparteien zu sein, für CDU, CSU und SPD also – ein schreckliches Jahr. Ein „Annus horribilis“, um das Wort von Königin Elisabeth II. über das Jahr 1992 zu benutzen, als Windsor Castle brannte und Ehen ihrer Kinder in die Brüche gingen. Im Berliner Regierungsviertel brannte es 2018 lichterloh.

Reihenweise gingen Karrieren in die Brüche. Ausreichend Stoff für (mindestens) zwei Jahre ist das gewesen, was in den vergangenen zwölf Monaten geschah. Es begann mit dem Sturz von Martin Schulz, dem SPD-Vorsitzenden, wobei noch zu klären ist, ob er stürzte oder gestürzt wurde. Schulz scheint beides widerfahren zu sein. Dass seine Nachfolgerin, Andrea Nahles, davon profitierte, wird niemand behaupten. Aber nicht, dass die Sozialdemokraten sich sagten, nun sei es einmal gut mit den ständigen Wechseln an der Parteispitze. Statt dessen begannen sie vielmehr gleich nach der Nahles-Wahl darüber zu reden, ob sie wirklich die richtige Wahl getroffen hätten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wiederum hatte seit Sommer berechtigterweise den Verdacht, dass Horst Seehofer (CSU) sie aus dem Amt treiben wolle. Nicht einmal die Ausrede konnte ihr helfen, dass Seehofer selbst in Gefahr war, von seinen Parteifreunden gestürzt zu werden, und sich deshalb an der Kanzlerin abarbeitete. Dass Wolfgang Schäuble im Hintergrund gegen Merkel stichelte, kam hinzu. Zwischendurch wurde noch Volker Kauder, als CDU/CSU-Fraktionschef Merkels wichtigste Stütze, gestürzt. Merkel und Seehofer hatten Ballast abzuwerfen. Sie verzichteten „freiwillig“ auf ihre Parteiämter. Keine leichte Sache ist das.

Ob es ihre Nachfolger leichter haben werden? Friedrich Merz, der unterlegene Kandidat um den CDU-Vorsitz, hob schon einmal den Finger: Er traue sich ein Ministeramt zu, sagte er der FAZ, was zugleich die Kanzlerin und die siegreiche Annegret Kramp-Karrenbauer unter Druck setzte. Auch Markus Söder, Seehofers Nachfolger, bekam sein Fett weg. Söder reiche „an das Format eines Franz Josef Strauß´ oder Theo Waigels“ längst nicht heran, war das harsche Urteil seines CSU-Parteifreunds Karl-Theodor zu Guttenberg. Bringen sich da etwa zwei frühere CDU/CSU-Lichtgestalten in Stellung? Gott sei Dank, 2018 ist vorbei