Flüchtlinge

So lebt die syrische Familie Alaya sich in Berlin ein

Loris und Rafaat pauken fleißig Deutschvokabeln. Beide haben ein Ziel vor Augen: Sie will als Lehrerin arbeiten, er als Zahnarzt.

Flüchtlingsfamilie Alaya in ihrer Wohnung an der Kantstraße.

Flüchtlingsfamilie Alaya in ihrer Wohnung an der Kantstraße.

Foto: Reto Klar

Berlin. Den Kuchen und die selbst gemachte Pizza abzulehnen, weil man gerade gegessen hat, wird nicht mehr falsch verstanden. Man kennt sich mittlerweile gut genug, damit sich Loris Alaya nicht vor den Kopf gestoßen fühlt. Es sind die Reste von der Feier für die nun vierjährige Tochter Teresa. Mit Stuhlrücken und Ballons, Geschenken und Tütchen voller Süßigkeiten für jeden ihrer Gäste wurde am Vortag ihr neues Lebensjahr gefeiert. Ein Kindergeburtstag, wie man ihn hier kennt. Nicht aber in Syrien. Dort sieht das ganz anders aus, erzählt Loris gleich. Da wird zwar auch Essen zubereitet, aber der Fokus liegt nicht auf den Kindern, um die es an so einem Tag ja eigentlich geht, sondern vielmehr auf den Eltern. „Die Gesellschaft in unserer Heimat ist nicht besonders kinderfixiert“, sagt die 25-Jährige. Sie mag, dass es hier anders ist.

Auch dass sich Teresa über Kinderbücher freuen kann, die es in Syrien einfach nicht gibt. „Dort liest man seinen Kindern nichts vor – sie werden mehr wie Erwachsene behandelt.“ Müssen gehorsam sein und still am Esstisch. Loris will das so nicht mehr, weil sie nun anderes kennengelernt hat, nachdem sie mit ihrem Mann Rafaat (28) und Teresa vor knapp dreieinhalb Jahren nach Berlin gekommen war. Loris ist jetzt mit eigener Familie in einem Alter, wo sie darüber nachdenkt, wie ihre Kindheit war. Ihre Eltern leben heute in den USA. Sie erinnert sich daran, dass sie und ihre Schwester in Angst vor dem Vater erzogen wurden. Wenn er nach Hause kam, versteckten sie sich auf ihren Zimmern.

Loris denkt viel nach über das alte Leben und Rollenbilder

Und auch wenn sie Christen sind, waren Toleranz für ein individuelles Leben und Akzeptanz für Kleidung nicht unbedingt eine Basis in der Familie. Oft zeigte sich das nur an Kleinigkeiten. Loris macht auf ihre Sitzposition hier auf dem Sofa im Wohnzimmer aufmerksam (gemütlich angezogene Beine) und sagt dann: „So hätte ich zu Hause nie gesessen.“ Auch nicht so ungeschminkt und ungestylt, wie sie am liebsten herumläuft – ob sie krank sei, sei sie in der Heimat dann bloß gefragt worden.

Loris denkt derzeit viel über das nach, was war, stellt sich Fragen. Über Rollenbilder – Frau, Mann, Kind. Oder über die sehr verschiedenen Gesprächskulturen. Hier habe sie gelernt, sagt Loris, aufmerksam zuzuhören, bis jemand einen Satz zu Ende gesprochen hat. In Syrien dagegen würde man eher gleichzeitig reden und nur wenig auf sein Gegenüber eingehen. Vielleicht liege das auch an der Grammatik, mutmaßt sie. Im Arabischen beginnt man einen Satz meist mit dem Verb.

Die junge Frau macht sich auch Gedanken darüber, wie Rafaat und sie es anders, es besser als die eigenen Eltern machen können. Das fange übrigens schon damit an, wie man mit Kindern redet, findet sie: „Ich hocke mich jedes Mal hin, damit wir auf Augenhöhe sind.“ Ein bewusster Erziehungsstil zeigt sich da bei den jungen Eltern. Wenn man sie im Umgang mit Teresa und ihrem Bruder Josef (2) beobachtet, sieht man vor allem eins: Geduld, ob an einem regnerischen Nachmittag zu Hause oder an einem sonnigen Sonnabendvormittag auf dem Spielplatz.

Teresa, ein selbstbewusstes Mädchen, das laut Kindergärtnerin besser Deutsch spreche als viele deutsche Kinder in ihrem Alter, darf ihrer Mutter demnach ständig Löcher in den Bauch fragen. Jeder, der Kinder hat, kennt diese endlosen Warum-Frageketten. Loris hat sich fest vorgenommen, jede davon ernst zu nehmen. Genau wie jede Gefühlsregung des Nachwuchses. Ehemann Rafaat geht mit Josef, wenn er traurig ist, zum Beispiel für eine Weile zum S-Bahnhof, um sich dort die ein- und ausfahrenden Züge anzugucken. Bis er wieder lacht. „Ich weiß nicht, wieso er davon so begeistert ist“, sagt Loris. Man merkt ihr an, dass sie froh über Rafaat ist, diesen nahbaren und liebenden Vater.

Loris’ beste Freundin, Juliana aus Syrien, die kürzlich für ein Auslandssemester in Architektur nach Cottbus kam und ab und zu in Berlin zu Besuch ist, sagte erst neulich, dass sie sich regelrecht darüber wundere, wie sie mit ihren Kindern umgehen. Ein Moment, in dem der Familie Alaya klar wurde, dass sie spätestens jetzt zwei Wurzeln in sich zu tragen scheinen: die, woher sie kommen, und jene, wohin sie heute gehören wollen.

Bilder von Krieg und Flucht - und Heimweh

Trotzdem schießen ihr natürlich Tränen in die Augen, wenn sie zurückdenkt. Immer noch sind da all die Bilder von Krieg und Flucht im Kopf. Manchmal auch Heimweh. Doch wenn Loris von ihrem „alten“ Leben erzählt, scheint es, als sei es wahnsinnig weit weg. Eben auch weil sie sich mittlerweile fast nahtlos in Berlin eingelebt haben. Um bald schon richtig dazuzugehören, verfolgen sie und Rafaat ihren Plan weiterhin mit Akribie. Oberstes Ziel: Sie will als Lehrerin arbeiten, er als Zahnarzt. Deutschland etwas zurückgeben, wie sie sagen. Beide machen nun die Prüfung mit dem Sprachlevel C1. Im Februar wird Loris einen speziellen Test machen, um danach ihr Studium in englischer Literatur wiederaufzunehmen.

Rafaat wartet noch immer auf eine Antwort der Charité. Dort möchte er einen sechsmonatigen Kurs machen, um später als Assistenzzahnarzt zu arbeiten. Noch immer hofft er darauf, dass er einen vielleicht pensionierten Zahnarzt kennenlernt, eine Art Mentor, der Lust und Zeit hat, sich mit ihm darauf vorzubereiten.

Familie Alayas Sachbearbeiterin vom Jobcenter hat sie regelrecht dazu ermutigt, ihre in Syrien eingeschlagenen Berufswege weiter zu verfolgen. Aufgrund ihrer guten Ausbildung und ihres Fleißes in Sachen deutscher Sprache sieht sie in ihnen das Potenzial, sich nicht nur mit Gelegenheitsjobs durchschlagen zu müssen. Auch wenn der Prozess bis zum Ziel dadurch deutlich langwieriger ist. Natürlich würden Loris und Rafaat, statt Vokabeln zu pauken, viel lieber schon arbeiten. Doch der Wille nach einer Zukunft mit Perspektive ist stärker.

Seit drei Jahren berichtet die Morgenpost in regelmäßigen Abständen über das Schicksal der syrischen Familie Alaya, die in Berlin eine neue Heimat gefunden hat. Lesen Sie weitere Teile der Serie hier:

Immer wieder Danke

Flüchtlingsfamilie Alaya: Etwas Halt im neuen Leben

Flüchtlinge aus Syrien: „Wir leben uns immer mehr ein“

Bei Familie Alaya überschattet Trauer das Glück

Manchmal klingt Deutsch merkwürdig

Die seltsame Sache mit dem Spargel

Wie eine Flüchtlingsfamilie in Berlin ankommt

Endlich wieder Weihnachten ohne Krieg

Wie Flüchtlingsfamilie Alaya am Lageso auf eine Akte wartet