Terroranschlag

Breitscheidplatz Er wollte helfen und wurde zum Opfer

Ali D. wollte nach dem Anschlag verletzten Opfern helfen. Er verhinderte eine weitere Katastrophe und verunglückte selbst schwer.

Ali D. in seiner neuen, rollstuhlgerechten Wohnung in Lichtenberg. Die Berliner Morgenpost half ihm bei der Suche.

Ali D. in seiner neuen, rollstuhlgerechten Wohnung in Lichtenberg. Die Berliner Morgenpost half ihm bei der Suche.

Foto: Michael Mielke

Berlin. Er ist jetzt ein anderer. Zumindest auf den ersten Blick. Vor einem Jahr – bei der ersten Begegnung mit dem Reporter der Berliner Morgenpost – war Ali D.* noch ein total verunsicherter Mann, er sprach leise und schwer verständlich, entschuldigte sich nach jedem zweiten Satz, obwohl es dafür nicht den geringsten Grund gab. Als er sich an den 19. Dezember 2016 zu erinnern versuchte, begann er stark zu zittern und brach am Ende regelrecht zusammen.

Dieser 19. Dezember 2016 hat sein Leben verändert. Der Tag, an dem der islamistische Terrorist Anis Amri um 20.02 Uhr mit einem Sattelzug in eine Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche raste. Durch die Kollision mit dem Lkw starben elf Besucher des Weihnachtsmarktes, weitere 55 Menschen wurden verletzt.

Das zwölfte Todesopfer war der polnische Speditionsfahrer des Lkw; er starb im Führerhaus, erschossen vom Attentäter. Der 24-jährige Tunesier Amri wurde nach seiner Flucht am 23. Dezember 2016 bei einer Routinekontrolle im italienischen Sesto San Giovanni nahe Mailand von einer Polizeistreife erschossen.

Opfer suchte verzweifelt eine rollstuhlgerechte Wohnung

Es gab einige Menschen, die unmittelbar nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz verletzten Menschen halfen; heldenhaft, ohne dabei an sich selbst zu denken. Einer von ihnen war der damals 41-jährige Ali D. Er verhinderte eine weitere Katastrophe und verunglückte dabei selbst schwer.

Vor einem Jahr, bei dem ersten Gespräch mit dem Reporter, hielt sich Ali D. noch in Biesdorf in einem Fachkrankenhaus auf. Er war verzweifelt, suchte dringend eine behindertengerechte Wohnung, um wieder außerhalb der Krankenhausmauern leben zu können. Seine damalige Wohnung befand sich im dritten Stock, und es gab keinen Fahrstuhl. Die Berliner Morgenpost half bei der Suche. Seit einigen Wochen wohnt Ali D. in Lichtenberg in einer Neubauwohnung. Sie ist rollstuhlgerecht und verkehrsgünstig gelegen – gleich in der Nähe ist eine U-Bahnstation.

Auch sonst hat sich für den 43-Jährigen viel geändert – zum Positiven. Viele haben ihm geholfen. Ali B. nennt immer wieder den Namen des Berliner Opferbeauftragten Roland Weber, auch Kurt Beck wird oft erwähnt. Der SPD-Politiker war bis März 2017 Beauftragter der Bundesregierung für die Opfer und Hinterbliebenen des Terroranschlags auf dem Breitscheidplatz. „Er ist mehrmals zu mir ins Krankenhaus gekommen und hat mit mir geredet“, erinnert sich Ali D.

Es habe auch Begegnungen mit Altbundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel gegeben, zuletzt im Oktober dieses Jahres im Bundeskanzleramt. Ali D. zeigt stolz ein Selfie: er und Angela Merkel, Schulter an Schulter. Beide lächeln.

Er sah die Flamme an einer Propangasflasche

Wenn er an den 19. Dezember 2016 denke, sagt Ali D., werde ihm auch heute noch schlecht. Er weiß noch, wie er bei Karstadt ein Weihnachtsgeschenk für seinen zwölfjährigen Sohn kaufte und anschließend zum Breitscheidplatz lief. Dort war er mit einem Freund verabredet. Zu diesem Treffen kam es jedoch nicht mehr. Er hörte plötzlich „ein lautes Rumsen“, schrak zusammen, sah noch, „wie ein Lkw zwischen den Weihnachtsmarktbuden zum Stehen kam“. Die Stromleitung wurde dabei offenbar gekappt, jedenfalls war es auf dem Platz schlagartig dunkel.

Ali D. weiß noch, dass er an seinem Handy die Lampe einschaltete. Der Lichtkegel fiel auf Bretter und wenig später auf Körper, die in einer von dem Lkw gerammten, schief stehende Weihnachtsbude lagen. Zwei Menschen waren tot, das sah er sofort. „Ich habe im Libanon den Krieg erlebt“, sagt er leise. Eine dritte Person – er weiß nicht mehr, ob Mann oder Frau – schleppte er nach draußen. Und dann sah er diese zuckende Flamme, direkt an einer Propangasflasche. „Es war wie ein Automatismus.“

Ihm sei klar gewesen, dass er hinrennen und die Flasche zudrehen musste, „weil das Ding sonst wie eine Bombe hochgegangen wäre“. Er schaffte es auch noch, das Ventil zuzudrehen, verbrannte sich dabei die Hände, wollte die Bude verlassen – kam aber nur bis zur Tür, dann brach alles über ihm zusammen. Ein Balken bohrte sich in seinen Rücken.

Mehrere Tage im Koma

Ali D. lag tagelang im Krankenhaus im Koma. Boulevardjournalisten spürten ihn auf. Er ist heute noch fassungslos, dass sie ihn – als er hilflos im Koma lag – einfach fotografiert haben und das Foto im Internet veröffentlichten. Er hat davon noch immer einen Screenshot in seinem Handy, den zeigt er empört. Später wollten sie mit ihm sprechen, seine Geschichte erzählen, er habe das abgelehnt, sagt er.

Vor ihm auf dem Tisch liegen mehrere Hefter mit Briefen und Formularen. Derzeit macht ihm zu schaffen, dass die Krankenkasse die Kosten für Implantate nicht übernehmen will, obwohl er, wie er sagt, seine Zähne infolge der Verletzungen auf dem Breitscheidplatz verloren habe. Aber auch hier kann er mit Hilfe rechnen. Mitarbeiterinnen des Sozialverbandes VDK Berlin-Brandenburg unterstützten ihn zuvor schon bei verschiedensten Antragsverfahren.

Seine Anerkennung als Schwerbehinderter ist erfolgreich abgeschlossen. Bei ihm wurde eine Behinderung von 90 Prozent anerkannt, und er bekam die Pflegestufe 2. Das ermöglicht auch, dass fast jeden Tag für einige Stunden eine junge Frau in Ali D.s Wohnung kommt und ihm bei der Arbeit im Haushalt hilft.

Ali D. hat Angst, für immer behindert zu bleiben

Inzwischen kann er an guten Tagen an Krücken laufen und muss nicht ständig im Rollstuhl sitzen. Für Ali D. ist es nur ein kleiner Erfolg. Er muss immer noch täglich starke Schmerzmittel nehmen, leidet immer wieder unter Depressionen. „Ich habe früher viel Sport getrieben“, sagt er und zeigt ein Foto: er mit freiem Oberkörper, sehr muskulös und durchtrainiert wirkend. Sein nächstes Ziel ist eine Rehabilitationsmaßnahme.

„Ich habe keine Angst zu sterben, ich habe Angst, behindert zu bleiben“, sagt er. Dass die körperlichen Einschränkungen völlig verschwinden, kann ihm niemand versprechen. Er weiß das. Ärzte sprechen in solchen Fällen von einer „traumabedingten Lähmung“. Die Zeit läuft gegen ihn. Je mehr Tage vergehen, umso unwahrscheinlicher ist es, dass die Lähmung vollständig zurückgeht.

Vor einem Jahr sagte Ali D. bei dem Gespräch mit der Berliner Morgenpost, dass er sehr gern deutscher Staatsbürger werden würde. Er kam 1997 als Kriegsflüchtling aus dem Libanon nach Berlin, hatte eine sogenannte Duldung, was sich als „vorübergehende Aussetzung der Abschiebung“ übersetzen lässt. Er arbeitete als Bürokraft bei einem Steuerberater, half bei einem Verwandten auf dessen Autoplatz aus. Zuletzt führte Ali D. ein eigenes kleines Geschäft, mit dem er mehr schlecht als recht über die Runden kam. Davon ist nach seinem Krankenhausaufenthalt nichts geblieben.

Kurt Beck hat ihn wegen der Einbürgerung unterstützt. Es ist ein komplizierter Vorgang, noch immer nicht abgeschlossen. Inzwischen kümmert sich Edgar Franke darum, der SPD-Politiker ist seit April dieses Jahres Beauftragter der Bundesregierung für die Anliegen der Opfer und Hinterbliebenen terroristischer Straftaten im Inland. Er hat auch schon mit Ali D. gesprochen, hat ihm Mut gemacht. In einem Schreiben Frankes an einen für Ali D. zuständigen Juristen heißt es: „In dem Gespräch mit Herrn D. wurde deutlich, wie sehr ihn die ungeklärte aufenthaltsrechtliche Situation weiterhin belastet.“

Auf dem Platz lagen Tote und viele Verletzte

Ein Mann, der nach dem Terroranschlag ähnlich beherzt wie Ali D. eingriff, ist Peter Albers. Der 64-Jährige ist Ärztlicher Direktor im Tempelhofer Wenckebach-Klinikum und war damals leitender Notarzt. Er kann sich vor allem an die Ruhe erinnern, die nach dem Anschlag am Breitscheidplatz herrschte. Trotz der vielen Polizisten und Rettungskräfte sei es sehr still gewesen, sagt er. Für so eine große Einsatzstelle sei das ungewöhnlich. „Rückblickend unterscheidet das den Einsatz auch von anderen“, sagt Albers heute.

Der Arzt war zu Hause, als ihn die Nachricht über seinen Pieper erreichte, dass am Breitscheidplatz etwas Größeres passiert sein muss. Die erste Alarmierung lautete auf „Verkehrsunfall“ und wenig später auf „Massenanfall von Verletzten“. Minütlich gingen Meldungen ein. Den ersten Einsatzkräften vor Ort war schnell klar, dass es sich um einen Anschlag handeln muss. Auch Albers wusste das. Das, was man nach den Anschlägen in Frankreich schon so oft geübt hatte, wurde plötzlich in Berlin Realität. „Auf dem Weg zum Anschlagsort läuft im Kopf schon die Planung des Einsatzes“, sagt Albers. Knapp 30 Minuten nach dem Attentat sei er vor Ort gewesen und habe den Einsatz übernommen.

Was sich den ersten Helfern bot, war ein Bild des Grauens: eine 60 Meter lange Strecke mit Toten und Verletzten. Die ersten Minuten waren für die Ärzte besonders hart. In der Anfangsphase geht es nur darum, die Patienten zu sichten. Das heißt: Die Ärzte müssen einschätzen, wer wie schwer verletzt ist. Mediziner schritten die Opfer ab und markierten sie nach der Schwere der Verletzungen, damit die nachfolgenden Rettungskräfte wussten, wer wie schnell behandelt werden muss. Das ist für Ärzte eine belastende Situation.

Notsituation: "In der Anfangsphase braucht man einen Tunnelblick"

Denn eigentlich ist die Versorgung darauf ausgelegt, jedem Patienten sofort zu helfen. „Bei solchen Einsätzen braucht man in der Anfangsphase einen Tunnelblick“, sagt Albers. Konkret heißt das: Hat ein Patient etwa ein Bein verloren, reicht es zunächst, die Wunde abzubinden, um sich dann um weitere Opfer zu kümmern. Der Patient wird die Verletzung trotz der Schwere überleben. Die Sichtung der Patienten, das Feststellen, ob bei einem anderen akute Lebensgefahr besteht, hat oberste Priorität.

Was den Einsatz auch von anderen unterschied, war der Lastwagen, von dem eine Unsicherheit ausging, erinnert sich Albers. Nachdem klar war, dass es sich um einen Anschlag handeln muss, wussten die Rettungskräfte nicht, mit was für einem Szenario sie es hier zu tun haben. Eine Einschätzung war schwierig. Eine konkrete Befürchtung war ein „second hit“, ein zweiter Anschlag, etwa durch Sprengstoff.

Überlegt wurde, ob man eine Versorgungsstelle einen Kilometer entfernt einrichten muss. Das wäre aber fatal gewesen, denn an dem Abend war es windig und kühl, was die Versorgung der Patienten zusätzlich noch erschwerte. Letztlich entschied man sich dagegen, weil Feuerwehrleute in das Innere des Lkw geschaut und gesehen hatten, dass von dem Auflieger keine Gefahr ausgeht.

Nach dem Anschlag am Breitscheidplatz hat Berlin Rettungsrucksäcke angeschafft, mit denen mittlerweile auch die Polizei und die Feuerwehr ausgestattet sind. Diese Rettungsrucksäcke sind genau für die ersten Momente nach so einem Anschlag gedacht. Die Idee dahinter: Ersthelfer müssen natürlich eine Ausrüstung haben, aber sie sollen mit möglichst wenig Ballast die Lage sichten und Patienten aus dem Gefahrenbereich bringen können. Erst in einem zweiten Schritt werden die Behandlungskapazitäten geschaffen und die Opfer versorgt. Am Breitscheidplatz waren alle Opfer größtenteils Traumapatienten, also solche mit schwersten Verletzungen.

Medizinische Versorgung sei gut gelaufen

„Wichtig ist auch die Planung vor Ort, wohin die Verletzten gebracht werden sollen“, sagt Albers. Denn die Rettungskräfte können nicht wahllos Krankenhäuser belegen. „Das ist wichtig, falls es etwa zu einem zweiten Anschlag kommen würde.“

Rückblickend schätzt er ein, dass der Einsatz auf dem Breitscheidplatz aus medizinischer Sicht gut gelaufen sei. „Uns ist es gelungen, die Verletzten so zu versorgen, dass wir keine zusätzlichen Opfer zu beklagen hatten“, sagt Albers. Das heißt: Niemand ist damals gestorben, weil die Behandlung zu lange gedauert hat. Das hätten auch Untersuchungen ergeben. „Die Zusammenarbeit der polizeilichen und rettungsdienstlichen Kräfte war erstklassig“, so Albers. Bemerkenswert sei auch die Hilfe vor Ort gewesen. Ein kleines Beispiel: Das Hotel Waldorf Astoria stellte Toiletten für die Rettungskräfte zur Verfügung. „Das sind die kleinen Dinge, die einem erst später auffallen, wenn der Einsatz vorbei ist“, sagt Albers.

Es gibt aber auch Dinge, die man heute anders machen würde. Die Registrierung der Ersthelfer ist so eine Sache. Die habe vor zwei Jahren nicht funktioniert. Jeder habe sich auf den anderen verlassen, und eine Erfassung der Ersthelfer sei nicht erfolgt. „Das haben wir geändert“, sagt Albers. Es müsse klar sein, wer wo tätig gewesen ist, das sei zum Beispiel wichtig, wenn es um Nachbehandlungen gehe. Was ist, wenn Patienten vor Ort ansteckende Krankheiten haben? Oder wenn Ersthelfer unter der extremen psychischen Belastung des Einsatzes leiden? Um das zu klären, muss man aber erst einmal wissen, wer vor Ort war und geholfen hat.

"Die Bedrohungslage vor Ort war auch für erfahrene Einsatzkräfte außergewöhnlich“

Albers ist als leitender Notarzt mental auf so ein Ereignis vorbereitet. Als er zur Einsatzstelle fuhr, wusste er in etwa, was ihn erwartet. Immer und immer wieder hat er sich darauf vorbereitet – auch im Austausch mit Kollegen aus Frankreich und Israel. „Die Anblicke und die Bedrohungslage vor Ort waren aber auch für erfahrene Einsatzkräfte außergewöhnlich“, sagt er. Noch heute, zwei Jahre nach dem Einsatz, haben Feuerwehrleute und Polizisten mit den Bildern von damals zu kämpfen. Die psychosoziale Nachsorge habe zwar gut funktioniert, diese Angebote müssten aber noch besser bekannt gemacht werden, gerade im Kollegenkreis.

In Berlin, sagt Albers, sei seit dem Anschlag viel gemacht worden. Die Ausrüstung wurde verbessert, Mitarbeiter wurden geschult und Großübungen wie zuletzt im Wenckebach-Klinikum abgehalten – hier wurde das Verhalten bei einem Anschlag in einem Krankenhaus trainiert. Das alles könne aber nur funktionieren, wenn die Grundstrukturen nicht vernachlässigt werden, so der erfahrene Arzt. Dass das derzeit aber doch geschehe, sehe man an dem Protest der Feuerwehrleute. Wenn eine Behörde heruntergespart werde, gehe es irgendwann an die Substanz.

„Wir brauchen vor allem junge Menschen bei Polizei, Feuerwehr und in den Krankenhäusern. Sie sind das Fachpersonal von morgen“, sagt Albers, der sich auch ehrenamtlich im Rettungswesen engagiert. „Ich persönlich wünsche mir auch mehr gesellschaftliches Engagement. Die Bereitschaft zur Hilfe lässt nach“, so Albers. Rückblickend auf den 19. Dezember 2016 sagt er aber auch, dass er neben all dem Leid, das der Tag gebracht habe, auch stolz auf Berlin sei: „Die Stadt ist nicht stehen geblieben, sondern hat weiter funktioniert. Das Ziel von Terrorismus ist Staatsverdrossenheit, das haben die Terroristen nicht geschafft.“

*Name geändert

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