Terroranschlag

Berlin trotzt der Angst

Vor zwei Jahren starben bei dem Terroranschlag am Breitscheidplatz zwölf Menschen. Ein Leitartikel von Hajo Schumacher.

Eine Frau steht auf dem Breitscheidplatz vor dem Mahnmal für die Opfer des Attentats vom 19. Dezember 2016. Blumen und Kerzen erinnern an die Menschen, die damals starben.

Eine Frau steht auf dem Breitscheidplatz vor dem Mahnmal für die Opfer des Attentats vom 19. Dezember 2016. Blumen und Kerzen erinnern an die Menschen, die damals starben.

Foto: Christoph Soeder / dpa

Berlin. Vielleicht ist es die aufreizende Normalität, die sich so gespenstisch anfühlt, wenn man dieser Tage am Breitscheidplatz entlangläuft. Der Todeslaster, die Schreie, die schockstarre Stadt – der Schrecken scheint ewig lange her zu sein. Gewohnte Berliner Geschäftigkeit, die traditionell mit rot-weiß markierten Straßensperrungen einhergeht.

Eine neue Berliner Mauer wurde rund um die Gedächtniskirche hochgezogen, mit allem, was die Abwehrtechnologie an schwerem Blockadegerät zu bieten hat: „Super-Poller“ und „truckbloc“, engmaschige Drahtzäune, Zementblöcke. Der Weihnachtsmarkt ist eine Festung nach außen, um drinnen die Illusion friedlichen Miteinanders der roten Mützen und lustigen Plastikgeweihe zu sichern.

Der Zyniker sagt: „Jetzt isses zu spät“; der Realist entgegnet: „Immerhin“; der Abgebrühte klagt: „Nur Show.“ Und alle haben recht. Zwei Jahre nach dem Attentat mit zwölf Toten, 100 Verletzten und zahllosen verzweifelten Hinterbliebenen illustriert der Weihnachtsmarkt die Dilemmata der offenen Gesellschaft mit ihren zahllosen Bedürfnissen und Empfindlichkeiten, deren Facetten zwischen liberal und scheißegal nirgendwo offener zu beobachten sind als in der deutschen Hauptstadt. Es gehört zu den unauflöslichen Widersprüchen Berlins, dass die Freiheit notfalls mit Beton zu schützen ist, der die gefühlte Sicherheit erhöht, aber zugleich Beklommenheit fördert.

Perfektion bleibt in Berlin eine Illusion

Wo also stehen wir zwei Jahre nach dem Breitscheidplatz mit unserem Berlin? Da war die pannenreiche Jagd nach dem Attentäter Anis Amri, die Klagen der Angehörigen über unwürdige Behandlung, das unklare Treiben der Dienste, all das europäische Durcheinander, was Kriminellen das Abtauchen zu leicht macht. Inzwischen werden Renten gezahlt, ein Mahnmal ist errichtet, manche Weihnachtsmärkte sind verpollert – wie immer zu langsam, bisweilen gedankenlos oder nur unter immensem öffentlichen Druck.

Aber ist die Stadt wirklich von Grund auf verkommen und dysfunktional, wie süddeutsche Regionalpolitiker behaupten? Nein. Zur Ehrlichkeit gehört, dass Perfektion für ein historisch und kulturell hochkomplexes Arrangement namens Berlin ewig eine Illusion bleiben wird.

Vielleicht werden Historiker eines Tages feststellen, dass es angesichts der widrigen Umstände schon eine Leistung gewesen ist, den zweifellos gewaltigen Abstand zwischen Realität und Idealzustand halbwegs konstant zu halten. Sogar möglich, dass eine als chaotisch wahrgenommene Hauptstadt, die zu Pomp unfähig ist, die international allenthalben wachsende Kluft zwischen Land und Stadt nicht allzu arg aufreißen lässt. Paradox, aber wahr: Allein die drei Buchstaben BER sorgen dafür, dass man den Berlinern viel vorwerfen kann, aber Arroganz eher nicht.

Grassiert in Frankreich, Großbritannien, Italien oder den USA der Groll gegen eine als allmächtige Krake wahrgenommene Hauptstadt, hat sich die Bundesrepublik mit dem Management by Löcherstopfen abgefunden. Berlin war nie Bullerbü, wird es nie werden, weil das Systematische zuverlässig dem Zufälligen unterliegt. Spott ersetzt die Aggressionen. Besser so.

Womöglich Schlimmeres verhindert

Damit geht unter, dass Berliner Beamte womöglich Schlimmeres verhindert haben. Denn etwa zwei Monate vor dem Anschlag klingelten zwei Polizisten an einer Wohnung in einem ehemaligen Schwesternwohnheim in Buch. Die Beamten waren zu einer sogenannten Gefährderansprache erschienen, zu einer letzten Warnung, dass der Angesprochene, ein Russe, unter verschärfter Beobachtung stehe.

Was die Polizisten nicht wussten: In der unscheinbaren Wohnung am Stadtrand wurden offenbar größere Mengen eines tückischen Sprengstoffs hergestellt, mit dem Amri in Berlin ursprünglich ein weitaus verheerenderes Attentat begehen sollte. Was den realitätsgestählten Beamten wie eine sinnlose Lästigkeit vorgekommen sein mag, hat dafür gesorgt, dass die Sprengstoffmischer panisch untertauchten, weshalb der radikalisierte Amri auf sich allein gestellt blieb.

Nein, hier soll nicht relativiert, schon gar nichts beschönigt werden, aber: Terror und der Kampf dagegen wird oftmals von Zufällen bestimmt. Zufällige Konstellationen führen zum zufälligen Verhindern oder Auslösen von Kata­strophen. Das Böse findet seinen Weg. Und Berlin immer wieder seinen Umgang damit, mal trotzig, zuweilen verbittert, weil das verdichtete Mit-, Gegen- und Durcheinander von Millionen Egos scheinbar nicht zu steuern ist. Am Ende aber siegt oft doch der Herzenswille, sich nicht unterzukriegen zu lassen.

Diese Stadt hat aus ihrer Geschichte die einzigartige Fähigkeit entwickelt, sich zu schütteln und nach vorn zu schauen, anstatt ihre Seele von den vielen gestrigen oder aktuell lauernden Gespenstern zernagen zu lassen. Es ist weniger Gleichgültigkeit als vielmehr eine historisch gelernte Gelassenheit, mit jener permanenten Unsicherheit klarzukommen, die wir Leben nennen. Eine bei aller Aufgeregtheit im Kern doch stoische Stadt, die Nazis, Zerstörung, Teilung, Luftbrücke und das Eingemauertsein überstanden hat, will durch den Nebel des alltäglichen Chaos hindurch den Funken der Hoffnung entdecken und nimmt dem Terror so ein wenig von seinem langfristig wirkenden Gift.

Die Berliner lassen sich nicht unterkriegen

Denn Attentate sollen nicht nur Menschen töten, sondern langfristig die Erosion einer Gesellschaft bewirken, das Ersticken an Angst, atemlosen Schuldzuweisungen und schließlich den immensen Aufwendungen für immer mehr Sicherheit. Geradezu trotzig verweigert sich Berlin den Verlockungen der kopflosen Empörung, den wüsten Verschwörungstheorien, dem gärenden Misstrauen, das in anderen Metropolen den öffentlichen Raum durchsetzt: Paris qualmt, London wankt, Rom ächzt, Washington ist zerrissen. Überall auf der Welt brodeln Unsicherheit, Angst und Wut, die denen zugutekommen, die demokratische Errungenschaften missbrauchen, um sie abzuschaffen.

Es ist schon faszinierend, was sich die Bürger dieser Stadt hier täglich zumuten und zumuten lassen, um den Alltag zu bewältigen. Berechtigt sind all die Fragen, warum Integration oft nicht funktioniert, warum dem krakenhaften Ausbreiten der Clans erst nach Jahrzehnten begegnet wird, warum Gotteshäuser missbraucht werden, um eine liberale Gesellschaft zu attackieren. Es braucht Kraft, die Widersprüche des Großstadtlebens auszuhalten, ohne zu verzweifeln. Gäbe es ein Verzagtheits- und Verzweiflungs-Ranking, stünde Berlin im internationalen Vergleich überraschend stabil da.

In einer globalisierten Beschleunigungs­gesellschaft werden Unsicherheit, Alltagsfurcht, das ständig Unvollständige eher zunehmen. Wer sich mit Berlin zu arrangieren versteht, ist gewappnet für diese Zukunft. Gut möglich, dass wir in ein, zwei Jahrzehnten zurückblicken, fest davon überzeugt, dass diese Jahre, bei allen Problemen, gar nicht so schlecht waren.

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