DDR-Unrecht

Wie in der DDR zwangsadoptiere Kinder um ihr Recht kämpfen

Eine Studie erforscht die Hintergründe von Zwangsadoptionen in der DDR. Betroffene kämpfen lange um ihre Rechte.

Katrin Behr kam in der DDR nach der Festnahme ihrer Mutter zu Adoptiveltern. Heute kämpft sie für die Rechte aller Opfer von Zwangsadoptionen.

Katrin Behr kam in der DDR nach der Festnahme ihrer Mutter zu Adoptiveltern. Heute kämpft sie für die Rechte aller Opfer von Zwangsadoptionen.

Foto: Anikka Bauer

Potsdam.  Es ist ein kalter Morgen, als die Männer kommen und die Mutter abholen. Sie sei am Abend wieder da, ruft die Mutter den beiden Kindern noch zu. Doch aus wenigen Stunden wurden 19 Jahre. Katrin Behr war 1972 vier Jahre alt, als die Stasi die Mutter festnahm. Zusammen mit ihrem siebenjährigen Bruder kam sie zunächst ins Heim, später zu Adoptiveltern. Heute kämpft Katrin Behr darum, als in der DDR zwangsadoptiertes Kind anerkannt zu werden. Denn die Mutter hatte damals nichts verbrochen, außer von der Ausreise in den Westen zu reden. Es gehört zweifellos zu den dunkleren Kapiteln der DDR-Geschichte: Der Regierung unliebsamen Eltern wurden die Kinder entzogen. Wie viele Kinder das gleiche Schicksal wie Katrin Behr teilten, ist unbekannt. Bis heute fehlt eine systematische Aufarbeitung.

Das soll sich jetzt ändern. Nach jahrelangem Drängen von Betroffenen hat das Zentrum für Zeithistorische Forschungen in Potsdam eine Vorstudie zum Thema erstellt. Die Fragestellung lautete, ob es realistisch ist, aus den Akten konkrete Erkenntnisse über das Ausmaß politisch motivierter Zwangsadoptionen zu erlangen. „Politisch motivierte Adoptionen sind vorgekommen“, heißt es in der Studie.

Aber auch: „Sie sind unter den herkömmlichen Bedingungen zeithistorisch-wissenschaftlichen Arbeitens nur sehr schwer erforsch- und nachweisbar.“ Denn in allen bekannten Fällen sind die Mütter – es handelte sich fast ausschließlich um alleinerziehende Mütter – nach dem berüchtigten Paragrafen 249 des DDR-Strafrechts verurteilt worden, der den „Täterinnen“ eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung unterstellte. Hier zwischen politischen und nicht politischen Hintergründen zu unterscheiden, bedarf einer umfassenden Untersuchung der Adoptionsakten und Unterlagen der Jugendbehörden.

Dennoch soll jetzt eine Hauptuntersuchung dem Phänomen auf den Grund gehen. Die Autoren der Untersuchung sprechen von mehreren Hundert Fällen, in denen Kinder in der DDR ihren Eltern aus politischen Gründen entzogen wurden. Katrin Behr vermutet andere Zahlen. „Ich gehe von 10.000 betroffenen Menschen aus“, sagt sie. „Denn es wurden nicht nur die Kinder traumatisiert, sondern ganze Familien.“

Von der Studie erhofft sie sich klare Erkenntnisse über das Ausmaß der grausamen DDR-Praxis. Unterstützung erhält sie von Brandenburgs Jugendministerin Britta Ernst (SPD). „Es ist mir ein wichtiges Anliegen, dass dieses Kapitel der DDR-Geschichte umfassend aufgeklärt wird“, sagte Ernst, die schon die Vorstudie mitfinanziert hat. „Deshalb befürworte ich die Erarbeitung einer Hauptstudie, die uns vertiefte Erkenntnisse bringt.“

In der DDR habe der Staat in die enge Beziehung von Eltern und ihren Kindern eingegriffen, als Mittel der Repression und Willkür, mit schlimmen Folgen für die Betroffenen bis heute. „Unsere Aufgabe ist es, die Betroffenen bei der Aufklärung ihres Schicksals mit allen Mitteln zu unterstützen und dieses Unrecht der DDR-Vergangenheit aufzuarbeiten“, sagte Ernst. Auch Christian Hirte, der Beauftragte der Bundesregierung für die neuen Bundesländer unterstützt weitergehende Untersuchungen. „Nicht zuletzt das Fehlen einer unabhängigen Justiz und einer kritischen Öffentlichkeit in der ehemaligen DDR eröffnete einen Raum für eventuelle politische Einflussnahmen auf Adoptionsverfahren“, sagte Hirte.

Schicksal von Heimkindern im Einheitsvertrag vergessen

Der Vorschlag zur Gesetzesänderung für Kinder von politisch Verfolgten liegt jetzt im Bundestag. Doch es geht nicht recht voran. „Wir warten jetzt seit Jahren“, sagt Behr. Der Antrag mit dem Titel „Wiedergutmachung für DDR-Heimkinder von politisch Verfolgten“ liegt auf den Tischen der Abgeordneten. „Wenn sich weiter nichts tut, muss man Wiedergutmachung durch Traumatisierung ersetzen“, klagt Behr.

Erschwert wird die Aufarbeitung dadurch, dass die Situation von DDR-Heimkindern politisch verfolgter Eltern 1990 im Einheitsvertrag schlichtweg vergessen wurde. So sind die Mütter nach ihrer Rehabilitierung anerkannte Opfer des DDR-Regimes, die ins Heim abgeschobenen Kinder dagegen müssen weiter um ihr Recht kämpfen. Dazu hat Behr den Verein für Opfer von DDR-Zwangsadoptionen (OvZ-DDR) gegründet und ihre Biografie veröffentlicht. Für sie hat sich immerhin im Privatleben vieles zum Guten gewendet. 1991 – 19 Jahre nach dem brutalen Riss für die Familie – traf sie ihren Bruder und ihre Mutter wieder. 2016 ihren Vater. „Jetzt fühle ich mich wieder komplett“, sagt Behr.