Identitätsdiebstahl

Wie Online-Betrüger in Berlin abkassieren

Kriminelle bestellen online – und geben als Rechnungsadresse die von arglosen Bürgern an, die dann den Ärger haben.

Ein Mitarbeiter von DHL in der Berliner Zustellbasis bei der Bearbeitung von Paketen (Archivbild).

Ein Mitarbeiter von DHL in der Berliner Zustellbasis bei der Bearbeitung von Paketen (Archivbild).

Foto: Hannibal Hanschke / dpa

Berlin. In dem Schreiben heißt es, man habe im Internet diesen Kopfhörer bestellt – und nun möge man bitte die Rechnung begleichen. Und zwar bitte schnell. Sonst würden Mahngebühren fällig. Wer die in Rechnung gestellte Ware tatsächlich geordert hat, wird den geforderten Betrag natürlich überweisen. Nicht selten lösen solche Schreiben bei den Empfängern aber erst Stirnrunzeln, dann Ärger und im schlimmsten Fall Panik hervor. Denn die teuren Geräte – es kann auch Parfüm oder ein Kleidungsstück sein – sind von den Personen, die dafür bezahlen sollen, oft nicht bestellt und auch nicht in Empfang genommen worden.

Schätzungen zufolge werden in der Vorweihnachtszeit rund 330 Millionen Pakete verschickt. In etwa einem Prozent der Fälle, so die vorsichtige Schätzung der Sicherheitsbehörden, steht dahinter ein Warenbetrug im Internet.

Die Daten der Opfer haben meist Hacker gestohlen

Eine der vielfältigen Maschen: Der Betrüger bestellt unter falschem Namen einen oder mehrere Artikel im Internet. Die persönlichen Angaben dafür bezieht er aus einem Datendiebstahl von Hackern. Dann verfolgt er die Warensendung mit einem Ortungssystem des Warenanbieters („Tracking“). Wenn der Zusteller das Päckchen an der Lieferadresse abgeben will, hält sich ein Mitglied der Betrügerbande im Treppenhaus auf und gibt sich gegenüber dem Boten als der rechtmäßige Empfänger aus – den Namen kennt er ja. Die Rechnung geht wenige Tage später an die Person, deren Anschrift für den Betrug missbraucht wurde. Die Ware ist zu diesem Zeitpunkt längst weiterverkauft worden.

Justiz- und Verbraucherschutzsenator Dirk Behrendt (Grüne) nannte Warenbetrug in der jüngsten Sitzung des Rechtsausschusses einen „ausgesprochen ärgerlichen Vorgang“. Rechnungsempfänger müssten sich mit Mahnbescheiden herumplagen, einen Schufa-Eintrag und im schlimmsten Falle sogar einen Haftbefehl fürchten.

Das Problem sei, dass die meisten Menschen mit ihren Daten „sehr nachlässig“ umgingen, sagte Thomas Simros, Leiter der für Internetkriminalität zuständigen Abteilung des Landeskriminalamtes (LKA). Kreditkartendaten würden gehackt und weiter verkauft, erleichtert werde der Datenklau, weil viele Internet-Nutzer für Anwendungen und Internetseiten stets dasselbe Passwort nutzten. „Im Internet können Sie über fast jeden Menschen fast alles herausfinden“, sagte Simros.

Der Täter kann auch im Ausland leben

Bei den Tätern handele es mal um Banden, mal um Jugendliche aus dem Umfeld der Geschädigten. „Oft werden die Sachen auf dem Schulhof vertickt“, sagte Simros. Der Warenbetrug werde sich angesichts der wachsenden Bedeutung des Internet-Shoppings ausweiten. Internetkriminalität sei ein „Moloch“, sagte Simros. Manchmal würden Betrüger als Lieferadresse die Anschrift eines vermeintlichen „Nachbarn“ angeben und die Waren dort unter Nennung des bei der Bestellung angegebenen Namens selbst abholen.

Oberstaatsanwalt Thomas Linke räumte ein, dass Polizei und Justiz kaum wirksame Ermittlungsansätze hätten. Die sogenannten Vorratsdatenspeicherung dürfe in Deutschland bei weniger schweren Delikten nicht angewandt werden. „Die Folge ist, dass wir unterhalb der Schwelle von gewerbsmäßiger und bandenmäßiger Geldwäsche blind sind“, sagte Linke. Manchmal würden Ermittler in verschiedenen Bundesländern am selben Fall arbeiten, ohne von den anderen Ermittlungen zu wissen. „Der Täter eines Betruges zu Lasten einer älteren Dame in Berlin-Schöneberg kann außerdem durchaus auf den Malediven sitzen oder sich in der Sonne Indonesiens aalen“, sagte Linke. Die deutschen Behörden würden dann mit Rechtshilfeersuchen „hinterherrennen“.

Eine Vertreterin der Verbraucherzentrale sagte, dass von einem Warenbetrug betroffene Personen glaubhaft machen müssten, dass sie die in Rechnung gestellten Waren nie bestellt hätten – am besten durch eine Anzeige bei der Polizei. LKA-Abteilungsleiter Simros verwies darauf, dass Anzeigen auch über die Online-Wache gestellt werden können. Bei dauerhaften Inkasso-Forderungen bliebe „letztlich nur der Weg zum Anwalt“, sagte Simros.

Meist hilft den Opfern eine Anzeige

Die einhellige Meinung der Experten: Internetversandhäuser würden den Warenbetrug leicht machen – zum Beispiel, wenn Waren auch im Nachhinein bezahlt und an eine von der Lieferadresse abweichende Anschrift geschickt werden können. Betrüger könnten die Waren dann in einer eigens dafür genutzten Wohnung empfangen und dann verschwinden. Die Rechnung ginge an eine Anschrift aus einem Datendiebstahl.

Betroffene eines Warenbetrugs können – etwa durch Anzeige bei der Polizei – in der Regel glaubhaft machen, die Ware weder bestellt noch empfangen zu haben. Der Warenanbieter verzichtet dann meistens auf das Eintreiben der Rechnungssumme. Diesen Ausfall würden die Firmen einpreisen. Bei größeren Summen sei allerdings oft eine Schmerzgrenze erreicht. „Dann behelligen sie uns mit schludrig verfassten Anzeigen“, sagte Oberstaatsanwalt Linke. Statt nach dem Staat zu rufen, müssten die Firmen ihre Bestellwege im Internet besser vor Betrügern schützen.

Die Aufklärungsquote für Warenbetrug liegt in Berlin übrigens bei nur 25 Prozent. Der LKA-Experte Simros räumte ein: „Wir sind von allen Bundesländern am schlechtesten.“