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Berliner FDP

Marcel Luthe: Wie ihn Jürgen Möllemann zur FDP brachte

Marcel Luthe ist ein rastloser Abgeordneter. Zuweilen drückt er zu sehr aufs Gas. Als könnte ihn seine Vergangenheit stets einholen.

Der FDP-Abgeordnete Marcel Luthe am Rüdesheimer Platz

Foto: Reto Klar

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Berlin. Es war kurz nach Mitternacht auf der A31. Ein dunkler 3er BMW schlittert, reißt eine Notfallsäule um, bleibt quer auf der Fahrbahn stehen. Drei Autos krachen in den BMW, stauchen ihn zu einem Würfel aus Blech. Der ist am Morgen darauf in der „Bild“-Zeitung zu sehen.

Beinahe hätte Marcel Luthe – damals 26 Jahre alt, Student der Wirtschaftswissenschaften, Insolvenzsanierer und Lokalpolitiker im Ruhrpott – jene Mittwochnacht auf der Autobahn im Münsterland nicht überlebt. Zwei Wochen lag er im Koma. Drei Rückenwirbel waren zertrümmert, die Lungenflügel kollabiert, Luthes Kopf skalpiert.

15 Jahre später bleiben eine rötliche Narbe auf der Stirn, chronische Kopfschmerzen, ein kaputtes Knie. Viele würden sich nach so einem Unfall fragen, ob sie das Richtige aus ihrer Zeit machen. Fragt man Luthe heute, was das mit ihm gemacht hat, sagt er: „Nichts.“ Ein Reifen sei geplatzt. Kann passieren. Sobald er halbwegs gehen konnte, habe er sich selbst aus der Klinik entlassen, einen Leihwagen bestellt und an die Arbeit gemacht. Gerne zitiert Luthe den ersten Satz aus dem „Bild“-Bericht: „Er führte ein Leben auf der Überholspur“.

Kaum ein Landespolitiker ist so oft in den Medien

Seit über zwei Jahren sitzt Marcel Luthe für die FDP im Berliner Abgeordnetenhaus. Nimmt man die Zahl der parlamentarischen Anfragen als Maßstab für Fleiß, dann arbeitet keiner so hart wie er. 1187 parlamentarische Anfragen stellte Luthe bislang, das ist mehr als doppelt so viel wie der zweitfleißigste Anfragensteller. Keiner kritisiert den Senat ausdauernder, verbissener. Kaum ein Landespolitiker ist so oft in den Medien.

Wollte man Kindern in einem Bilderbuch erklären, was ein Liberaler ist, man könnte Luthe reinmalen. Seine Anzüge sehen nach Erfolg aus, die Einstecktücher nach Anstand, der Siegelring nach Noblesse. Die FDP kann stolz auf ihn sein. Würde man denken.

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Aber letzten Dienstag zog sich Luthe von fast allen Funktionen im Parlament zurück. Aus gesundheitlichen Gründen, so seine Begründung. Aber schon lange ist er intern in der Kritik. Für politische Sacharbeit fehle ihm die Geduld, heißt es. FDP-Landeschef Christoph Meyer sagt, im Eifer schieße Luthe manchmal übers Ziel hinaus. Ein Parteikollege: „Wer permanent 60 Meter vor der Herde läuft, muss sich nicht wundern, wenn er irgendwann alleine dasteht.“

Das Leben auf der Überholspur. Es scheint an Luthe zu zehren. Und an seinem Umfeld. Fragt man in seiner Fraktion nach Gesprächen über ihn, macht sich Nervosität breit. Da wird zugesagt, dann wieder abgesagt. Niemand will reden.

Vielleicht muss man an den Anfang zurück, um diesen Politiker zu verstehen. Aber Luthe sagt, der Unfall habe seine Erinnerung getrübt, an die Jugend in Bottrop, an das Studium in Essen. Manches weiß er noch: Als Teenager ging er zur SPD. Auch aus Trotz gegen den Vater, Pommes-Großhändler und Christdemokrat. Später zog ihn die Freiheitsliebe zur FDP. Und zu Möllemann.

Luthe spricht voller Bewunderung von einer Rede seines politischen Ziehvaters vor Gewerkschaftern. Einer wie Jürgen Möllemann, der blühte erst auf, wenn der ganze Saal gegen ihn war, sagt er. Für Luthe heißt liberal sein kämpfen. Von links und rechts beschimpft werden – und trotzdem die Freiheit verteidigen.

Auch Luthe war Teil von Projekt 18

Es dürfte schwerfallen, jemanden in der FDP zu finden, der so unkritisch über Möllemann redet wie Luthe. Für die meisten steht der Name für Größenwahn. Als Parteivorsitzender brachte er die FDP dazu, 2002 mit dem Wahlziel 18 Prozent anzutreten. Als das Projekt 18 zu floppen drohte, mobilisierte Möllemann alles – auch Schwarzgelder und antisemitische Ressentiments. Ohne Erfolg. Die Partei wendete sich ab. Möllemann stürzte sich aus einer Propellermaschine in den Tod.

Redet man mit Luthe über dieses Drama, man hört mehr Enttäuschung über die Partei als über Möllemann. Auch Luthe war Teil von Projekt 18. Er kandidierte vergeblich im Wahlkreis Bottrop-Recklinghausen II. Nach dem Unfall zog er sich aus der Politik zurück, widmete sich einem unternehmerischen Projekt in Berlin. Er sollte das legendäre Café Einstein vor der Insolvenz retten.

In der FDP munkelt man über diese Zeit, sie könnte ihn noch einholen. Und arbeitet man sich durch die Gerichtsakten von damals, dann findet sich darin Stoff für einen Thriller: Es geht um geplünderte Kassen, verratene Freundschaft und um einen Jaguar.

Acht Jahre, nachdem dieser Streit zu den Akten gelegt wurde, steuert Luthe seinen Volvo SUV in Richtung Abgeordnetenhaus. Er kreist um die Siegessäule, biegt ab. Ein Blick in den Block des Journalisten. Notiert der, ob man blinkt?

Luthe, der Vertreter des kleinen Mannes

Einfahrt zum Abgeordnetenhaus. Der Schlagbaum hebt sich. Den Pförtner grüßt er mit zwei Fingern an der Schläfe. Er bringe den Wachleuten auch mal Fischbrötchen vom Markt mit, sagt er. Marcel Luthe, der Vertreter des kleinen Mannes. Es will so gar nicht zu seinem Äußeren passen. Aber geht man mit ihm durch seinen Lieblingskiez rund um den Rüdesheimer Platz, dann grüßen ihn Handwerker. Die Bedienung im Café fragt nach seinen Kindern.

Im ersten Stock des Abgeordnetenhauses setzt sich Luthe in einen roten Ledersessel. Vor ihm, auf dem Teppichboden, rutschen 21 Drittklässler auf Sitzkissen herum. Berliner Vorlesetage. Macht und Ohnmacht lautet das Motto in diesem Jahr. „Fragt Fragen, Kinder!“, sagt Luthe, nachdem er das Märchen von den sieben Raben gelesen hat. Wie die Kinder zu Raben wurden, will ein Junge wissen. Ein Fluch, vermutet Luthe.

Was offenbar kein Kind wissen will, fragt eine Betreuerin: Was macht denn ein Abgeordneter? Luthe erklärt: Seine Macht in der Opposition beschränke sich im Wesentlichen auf sein Recht, den Mächtigen Fragen zu stellen.

Zum Abschied singen die Kinder ein Ständchen für Luthe. „Berlin, das ist ne schöne Stadt, juppheidi, juppheida“, geht das. Es ist ein Loblied auf das Berliner Chaos. Da steht der Polizist am Gartenzaun und hilft den Kindern Äpfel klauen. Luthe wippt mit den Lederstiefeln, klatscht, sagt: „Und das Verrückte ist, irgendwie stimmt das alles!“

Fragerecht der Abgeordneten als eine Art Wettbewerb

Luthe will Missstände aufdecken. Dafür schätzen ihn auch seine politischen Gegnern. Der Innenexperte der Grünen Benedikt Lux sagt: „Er ist ein Querkopf. Das belebt das Geschäft.“ Es war Luthe, der einen Ex-Polizeiführer als Referenten in den Untersuchungsausschuss zum Attentat auf den Breitscheidplatz geholt hat. Ein echter Coup bei der Aufklärung der Ermittlungsfehler. In der Affäre um die angeblich vergifteten Schießstände der Polizei ist Luthe einer der entschlossensten Verteidiger erkrankter Beamten.

Aber das Fragerecht der Abgeordneten scheint für Luthe eine Art Wettbewerb zu sein. Im Innenausschuss etwa bittet er schon mal um das Wort, um dann klar zu machen, wer hier die meisten Fragen im Raum hat. Der Ausschuss sei ja da, um Antworten zu liefern, sagt er. Dann rattert er los, verliest 86 Fragen zu allem, was irgendwie mit dem Attentäter Anis Amri zu tun haben könnte, und sagt: „Das dürfte fürs Erste reichen.“ Den Senat löchert er mit Anfragen zum Nichtraucherschutzgesetz, zu Baustellen, Wohnheimen, Betriebshöfen der BVG, Weinfesten, Kindertagesstätten, Hundeauslaufgebieten, Burkinis. In den Senatsverwaltungen und in seiner Fraktion fragen sie sich, was Luthe mit seiner Fragewut eigentlich will.

Anerkennung lässt sich Luthe auch etwas kosten. Für mindestens 1000 Euro ließ er sich in eine monatliche Meinungsumfrage aufnehmen. Das Institut veröffentlichte dann nicht nur – wie gewohnt – den Bekanntheitsgrad von Senatoren und Fraktionsvorsitzenden, sondern auch den von Marcel Luthe. Er will beeindrucken. Aber da ist auch immer die Angst, etwas könnte gegen ihn ausgelegt werden. Ein Porträt über ihn? Ja, das will er. Aber Luthe verlangt größtmögliche Kontrolle.

Beim ersten Telefonat mit dem Reporter nennt Luthe ein neues Gesetz, das parlamentarische Anfragen reguliert, die „Lex Luthe“. Ein beiläufiger Kommentar, aber letztlich behauptet er, eine Mehrheit des Parlaments hätte sich verschworen – gegen ihn persönlich. Gegen Luthe ermittelt die Staatsanwaltschaft in zwei Fällen. Auch wegen des Verdachts, er unterschlage Unterhalt für seine Kinder. Luthe bestreitet das. Fragt man ihn, warum ermittelt wird, nennt er den Namen des Justizsenators. Später fühlt er sich falsch verstanden – will nur in der Presse gelesen haben, dass über eine Einflussnahme spekuliert wird.
Luthe scheint überall Verrat zu wittert. Vielleicht, weil er Erfahrungen damit hat. Auch um das zu verstehen, hilft ein Rückblick.

Der Weg in die Zeit im Café Einstein führt über eine Wendeltreppe. Philipp Hasse-Pratje, ein hagerer Mann mit Ziegenbart und heute Geschäftsführer des Kaffeehauses, steigt in sein Aktenlager hinab. Er zieht eine Schublade aus dem Aktenschrank, randvoll, deutet auf Ikea-Taschen voller Aktenordner. „Das ist alles Luthe“, sagt er, „der gibt nie auf.“ Hasse-Pratje sagt, mit Luthe habe er seinen besten Freund zum Geschäftsführer gemacht. Dienstwagen: ein anthrazitfarbener Jaguar. Luthe sollte das herunter- gewirtschaftete Café sanieren. Später habe Hasse-Pratje von Kellnern gehört, Luthe schüchtere sie ein. Er selbst habe sich gerühmt, im Einstein ein „Terrorregime“ errichtet zu haben.

Beginn eines jahrelangen Rechtstreits

Die Freundschaft geriet ins Wanken. Hasse-Pratje will erfahren haben, dass seine damalige Verlobte eine Affäre mit Luthe habe. Sie habe ihm von den vielen Geschenken aus dem Luxus-Modehaus Hermés erzählt, davon, dass Luthes Ausgaben sein Einkommen weit überstiegen. Bei einem Blick in die Geschäftszahlen habe sich der Verdacht erhärtet: Luthe soll Kellner dazu gezwungen haben, über Stornierungen Geld für ihn aus der Kasse zu holen. Hasse-Pratje warf Luthe hinaus. Luthe klagte. Ein fünf Jahre langer Rechtsstreit begann.

Luthe sagt: „Ich habe keinen finanziellen Schaden zugefügt“, er sei hintergangen, massiv geschädigt worden. Deshalb sei er vor Gericht gezogen. Eine Verlobte von Hasse-Pratje will er nie gekannt haben, eine Affäre habe es nie gegeben. „Richtig ist,“ so Luthe, „dass eine damalige Bekannte von ihm allerlei unwahre Behauptungen aufgestellt hat.“ Ein Terrorregime? Er habe Anweisungen gegeben, deren Umsetzung überwacht, Schwarzgeschäfte unterbunden. Man habe ihn um die Früchte seiner Arbeit bringen wollen. Warum? Luthe deutet an, die Kellner, hätten das Geld womöglich selbst gestohlen – man habe ihn zum Sündenbock gemacht.

Terrorregime oder ein Komplott der Oberkellner?

Nur: Seiner Version eines erkauften Komplotts dreier Oberkellner, einer Buchhalterin, Hasse-Pratjes Rechtsanwältin und einer Zeugin hat ein Gericht damals nicht geglaubt. Vor dem wollte sich Luthe per Einstweiliger Verfügung seine Rechte als Geschäftsführer zurückholen. Das Zivilgericht wies das ab. Begründung: Man halte es für glaubhaft, dass Luthe „Geld aus der Kasse der Antragsgegnerin in Höhe von mindestens 63.539,88 Euro entnommen und zu eigenen Zwecken verwendet hat.“

Luthe streitet das bis heute ab. Was für ihn spricht: Es hat nie eine Strafanzeige wegen des vermeintlichen Stornobetrugs gegeben. Luthe sagt, Ermittler des Finanzamtes hätten damals keinen Anfangsverdacht feststellen können. Überprüfen lässt sich das heute nicht mehr. Im Zivilverfahren hielt es die Kammer für Handelssachen später für unerheblich, ob Hasse-Pratjes Vorwürfe stimmen, denn sein Rauswurf sei insgesamt wirksam, die „Vertrauensbasis endgültig und irreparabel zerstört“.

Mehrfach forderte Luthe vor Gericht ein, weiter den Jaguar fahren zu dürfen. Und einige Urteile gaben ihm recht. Hasse-Pratje scheint er damit zur Weißglut getrieben zu haben. Er brach eines Nachts die Nummernschilder heraus. Luthe zeigte ihn an. Nach Jahren und einem weiteren Gerichtsurteil gab Luthe den Jaguar heraus.

Luthe wie Hasse-Pratje sagen, der Prozessmarathon habe sie ans Äußerste getrieben – finanziell und psychisch. 2010 wollten beide Ruhe. Hasse-Pratje sagt, für eine Strafanzeige fehlte ihm die Lust. Sie einigten sich außergerichtlich. Alle Anzeigen und Luthes Berufung gegen seinen Rauswurf wurden zurückgezogen. Die wahre Geschichte über den Verrat im Einstein – das deuten die Aktenberge in Hasse-Pratjes Keller an – ist wohl noch viel komplizierter.

Für Luthe jedenfalls hat heute alles einen Sinn. Der Gerichtsmarathon um das Café Einstein zeige, dass die Berliner Justiz reformiert gehöre: Überlastete Gerichte, jahrelanges Warten auf Verfahren. Die Justiz brauche Investitionen – und jemanden, der die Verwaltungen wie ein Unternehmen saniert. Klingt nach jemandem wie Marcel Luthe. Der arbeitet an einem Grundsatzpapier zur inneren Sicherheit. Es brauche einen agilen Rechtsstaat, nicht ständig schärfere Gesetze, steht da. Seiner Fraktion hat Luthe das Papier nicht gezeigt.

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