Schuldneratlas

Jeder achte Berliner kann seine Schulden nicht bezahlen

Nur in Sachsen-Anhalt und Bremen gibt es mehr Schuldner als in der Hauptstadt. In diesen Berliner Bezirken ist die Rate besonders hoch.

 Die Karte zeigt, wo die meisten überschuldeten Berliner leben.

Die Karte zeigt, wo die meisten überschuldeten Berliner leben.

Foto: BM

Berlin. Die Zahl der überschuldeten Berliner ist im laufenden Jahr leicht gesunken. Konnten im Jahr 2017 noch 373.875 Berliner ihre Kredite nicht bedienen, sind es aktuell 371.988. Das entspricht einem Rückgang von 0,5 Prozent, wie das Inkassounternehmen Creditreform anhand seines jährlichen Schuldneratlas nun vorrechnet. Rückläufig ist damit auch die Schuldnerquote, die die Anzahl der Überschuldeten ins Verhältnis zur Gesamtbevölkerung setzt. Weil zusätzlich zur geringeren Zahl der Überschuldungsfälle mehr Menschen hergezogen sind, sank die Quote in der Hauptstadt auf 12,4 Prozent (2017: 12,6 Prozent).

„Damit ist jeder achte Berliner über 18 Jahre überschuldet“, sagte Creditreform-Chef Jochen Wolfram am Dienstag. Verglichen mit den anderen Bundesländern liege Berlin auf dem drittletzten Platz, nur in Sachsen-Anhalt und Bremen ist der Anteil der Überschuldeten an der Bevölkerung höher. „Positiv ist allerdings, dass die Zahl der Schuldner in Berlin sinkt, während sie im Bundesschnitt zuletzt um 19.000 Menschen auf insgesamt 6,93 Millionen anstieg.“

Als überschuldet gilt nach Definition von Creditreform jeder, der seine Zahlungsverpflichtungen über einen längeren Zeitraum mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr bedienen kann. Unterschieden wird zwischen sogenannter harter und weicher Überschuldung: Bei Ersterer befindet sich der Schuldner bereits in juristischen Auseinandersetzungen mit seinen Kreditgebern, eine Inkassofirma ist eingeschaltet, es kommt zu Pfändungen. Bei weicher Überschuldung treffen diese Merkmale per definitionem nicht zeitgleich zu, der Schuldner kann sich leichter aus dem Schuldensumpf befreien. Wolfram: „Die Zahl harter Überschuldungsfälle ist 2018 um 3,7 Prozent gesunken, die weicher derweil um knapp 4,7 Prozent gestiegen.“

Große Unterschiede in der Schuldnerstatistik ergeben sich demnach ferner für Berlins Bezirke, für die Geschlechterverteilung sowie die Altersstruktur der Betroffenen (siehe Grafik). Wie in den vergangenen Jahren ist die Schuldnerquote in Spandau am höchsten: Hier sind 15,9 Prozent der Einwohner überschuldet (2017: 16,0 Prozent). Damit ist die Quote fast doppelt so hoch wie in Steglitz-Zehlendorf, der Bezirk mit dem geringsten Anteil überschuldeter Menschen. Dort stecken nur 8,0 Prozent der Einwohner in der Kreditfalle (2017: 8,1 Prozent). „Wir haben in allen Bezirken rückläufige Schuldnerquoten ermittelt“, sagte Wolfram. „Den größten Rückgang in Prozentpunkten gab es mit einer Abweichung von minus 0,38 Punkten in Marzahn-Hellersdorf.“

Frauen haben laut Statistik immer häufiger Geldprobleme

Traditionell sind es eher Männer, die ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Berlinweit sind im laufenden Jahr 16,1 Prozent der Männer über 18 von Überschuldung betroffen, unter den weiblichen Berlinern liegt der Anteil bei nur 8,8 Prozent. Die neuen Zahlen zeigen aber auch, dass sich das ändern könnte: Während die Schuldnerquote der Männer in sämtlichen Bezirken fiel, stieg die der Frauen in vier Bezirken leicht an, etwa in Reinickendorf und Charlottenburg-Wilmersdorf.

„Die Gründe dafür sind, dass immer mehr Frauen unter der finanziellen Belastung als alleinstehende Mütter leiden. Auch steigende Konsumausgaben, die nicht gedeckt sind, spielen eine Rolle“, so Wolfram. Sorge bereite ihm auch, dass vergleichsweise viele Berliner im Alter zwischen 50 und 59 Jahren ihre Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen können. Während bundesweit 8,9 Prozent der Menschen dieser Altersklasse von Überschuldung betroffen sind, liegt der Anteil in Berlin bei 15,1 Prozent. „Diese Menschen stehen noch im Arbeitsleben“, so Wolfram. „Gelingt es ihnen schon jetzt nicht mehr, ihre Kredite abzubezahlen, wird es im Rentenalter umso schwieriger.“ Altersarmut könne die Folge sein.

Hauptgrund für eine Überschuldung ist der Verlust der Arbeit. In jedem fünften Fall rutschen die Betroffenen deshalb in den Schuldenstrudel, weil sie unter Einkommenseinbußen leiden. Wichtiger wird inzwischen aber auch der Faktor Krankheit, Sucht und Unfall: Laut Creditreform waren die Folgen in jedem fünften Fall der Hauptauslöser für die Überschuldung, 2011 galt das noch für jeden achten Fall. „In Berlin spielen auch die steigendenden Mieten eine Rolle, da braucht es Entlastungen“, so Wolfram. Grundsätzlicher Schlüssel zur Bekämpfung der Überschuldung sei Bildung und Beratung – am besten schon präventiv.

Diese Einschätzung teilt auch Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke). „Die Schuldnerberatung in den Bezirken erreicht inzwischen mehr Menschen“, sagte sie der Morgenpost. „Fest steht, wir müssen noch besser werden.“

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