"Zug fällt aus!"

Wie Berliner Fahrgäste den Bahnstreik am Montag erlebten

Streik bei der Bahn: Nicht nur im Fernverkehr, auch bei der S-Bahn fallen am Montagmorgen viele Züge aus. Die BVG wird überrascht.

Reisende stehen im Berliner Hauptbahnhof und werden über den Streik informiert.

Reisende stehen im Berliner Hauptbahnhof und werden über den Streik informiert.

Foto: Kay Nietfeld / dpa

Berlin.  „Zug fällt aus!“, „Zug fällt aus!“, „Zug fällt aus!“ – der Blick auf die Anzeigetafel im Berliner Hauptbahnhof verhieß am Montagmorgen nichts Gutes. Berlin am Morgen mit der Bahn verlassen? Keine Chance. Entsprechend ratlos schauen sich die Reisenden um. Schnell bildeten sich vor den Info-Schaltern bis zu 30 Meter lange Schlangen gestrandeter Fahrgäste, um von Bahn-Mitarbeitern doch meist nur dieselbe vertröstende Antwort zu hören: „Nach 9 Uhr wird der Zugverkehr wieder aufgenommen. Bis dahin müssen Sie warten.“

Das durch die Streiks der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) erwartete Chaos bei der Deutschen Bahn ist am Montagmorgen eingetreten. Betroffen waren nicht nur der Fern- und Regionalverkehr. Auch die Berliner S-Bahn wurde überraschend bestreikt. In der Folge hielten die als Ausweichmöglichkeiten genutzten Tram-, U-Bahn- und Bus-Linien der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) dem Fahrgastansturm nicht immer stand.

Um die unfreiwillig Wartenden am Hauptbahnhof zu besänftigen, verteilte die Deutsche Bahn kostenlos Wasser und Kaffee. Zudem stellte das Unternehmen einen ICE zum Aufhalten bereit. Hier konnten sich die Reisenden aufwärmen. Auch an Ostbahnhof und Südkreuz standen solche Züge bereit. Nicht alle Fahrgäste stimmte das milde. Der Zug von Michael Gellert hätte eigentlich um 7.54 Uhr nach Hannover abfahren sollen. Doch auch er wartete zunächst vergeblich am Hauptbahnhof. „Natürlich ist es ärgerlich“, sagte der Berufspendler. „Aber was mich am meisten ärgert, ist die Informationspolitik der Bahn.“ Noch am Morgen habe die App der Deutschen Bahn ihm angezeigt, dass sein Zug fahre. Erst später sei dort vom Ausfall zu lesen gewesen. Zu dem Zeitpunkt war er bereits am Bahnhof. „Dabei wurde die App am Sonntag von der Bahn noch angepriesen, um sich zu informieren“, sagte er. Hätte er am Vorabend schon vom Ausfall gewusst, wäre er erst später zum Bahnhof gekommen.

Innerhalb des S-Bahn-Rings fährt keine Bahn

Auch Ulrike K. saß am Hauptbahnhof fest. Sie musste am Morgen eigentlich beruflich nach Halle fahren. Doch schon der Weg von Pankow nach Mitte gestaltete sich für sie kompliziert. Weil die S-Bahn nicht fuhr, musste sie auf die Tram ausweichen. Die kam viel zu spät und war dann überfüllt. „Es war eine Tortur, hier überhaupt hinzukommen“, sagte die Reisende. „Selbst wenn mein Zug gefahren wäre, hätte ich ihn nicht rechtzeitig erreicht.“

K. wurde wie viele andere Berliner vom nicht angekündigten Streik bei der S-Bahn überrascht. Bei der Bahn-Tochter gab es nur noch etwa ein Drittel des normalen Angebotes. In der Innenstadt fuhren überhaupt keine Züge mehr. Auf einigen Außenästen habe die S-Bahn den Verkehr aufrechterhalten können, sagte Unternehmenssprecherin Sandra Spieker – wenn auch nur auf Teilstrecken. So sei beispielsweise die S25 zwischen Teltow-Stadt und Südkreuz sowie Hennigsdorf und Bornholmer Straße gefahren, die S47 zwischen Spindlersfeld und Schöneweide, die S8 zwischen Birkenwerder und Bornholmer Straße. Die S5, S7 und S75 endeten in Lichtenberg.

Viele Berliner waren deshalb auf U-Bahnen, Busse und Trams umgestiegen. Schon kam es auch dort zu erheblichen Problemen. Denn die BVG wurde vom Bahnstreik überrascht. Es habe keine Vorwarnung gegeben, sagte Sprecherin Petra Reetz. Am frühen Morgen habe es die ersten Meldungen gegeben, um 6.10 Uhr „wurde es dann richtig heftig“, beschrieb Reetz die Situation auf den Bahnsteigen. Besonders voll sei es in Lichtenberg gewesen, „da haben wir ein bisschen Tokio gespielt“. Wie auf vielen Bahnhöfen der japanischen Hauptstadt üblich, hätten Mitarbeiter beim Einsteigen in die Züge geholfen. „Da muss dann auch mal einer sagen: Hier kommt jetzt wirklich keiner mehr hinein“, so Reetz.

Nach BVG-Angaben konnten aber am Morgen „fast überall stabile und regelmäßige Takte“ angeboten werden. Besonders voll sei es auf den Linien U5 zwischen Lichtenberg und Alexanderplatz sowie U7 zwischen Spandau und Neukölln gewesen. Dort und an zentralen Umsteigebahnhöfen wie Alexanderplatz und Zoologischer Garten hätten Fahrgäste zum Teil eine oder mehrere Bahnen fahren lassen müssen, bevor sie einsteigen konnten. Auch Züge der U9 waren schon an der Starthaltestelle am Rathaus Steglitz so voll, dass an der Folgestation Schloßstraße kaum noch ein Fahrgast zusteigen konnte. Alternativen zu suchen, war nicht leicht: Die App der BVG war am Morgen drei Stunden lang nur schlecht zu erreichen.

Zudem standen viele Busse im Stau: Wer sonst aus dem Umland mit der S-Bahn in die Stadt fährt, nahm am Montag eher das Auto, weil auch viele Regionalbahnstrecken bestreikt wurden. Die Brandenburger, die sich dennoch auf öffentliche Verkehrsmittel verließen, mussten flexibel sein, wie ein Pendler aus Templin berichtete: Als er um 7.36 Uhr in die RB12 der Niederbarnimer Eisenbahn stieg, sei am Bahnsteig das Fahrtziel Ostkreuz angezeigt worden. „In Oranienburg kam die Durchsage: ,Auf unbestimmte Zeit keine Weiterfahrt‘.“ Von Oranienburg fuhr er mit der S1, die aber schon an der Bornholmer Straße endete, weshalb viele Fahrgäste vorher in die U8 umstiegen. Eine halbe Stunde länger habe er bis in die Innenstadt gebraucht, sagte der Pendler, „aber immerhin: angekommen“.

Mittags meldete S-Bahn stabiles Angebot auf allen Strecken

Weniger gelassen nahm Berlins ehemaliger Kulturstaatssekretär Tim Renner (SPD) den Bahnstreik: „Wenn Deutschlands dreisteste Gewerkschaften auf das unfähigste Krisenmanagement trifft ...“ – mit diesem Satz beschwerte er sich auf Facebook unter dem Foto einer Anzeigetafel, auf dem ein ICE vom Frankfurt Flughafen nach München Hauptbahnhof angekündigt wird. Die für 6.52 Uhr geplante Abfahrt sollte erst um 11.57 Uhr stattfinden. Renner berichtete: „Der Zug fährt ob Überfüllung nicht weiter und blockiert somit alle nachkommenden Züge ... Einzelne Passagiere ohne Sitzplatz steigen aus, andere sofort nach.“

Nach dem Ende des Streiks um 9 Uhr beruhigte sich die Situation nach und nach. Der Bahnverkehr lief wieder an. Auch die S-Bahnen fuhren wieder. Auf der S3 sei der Verkehr schnell wieder gelaufen, berichtete eine Berlinerin, die um 9.30 Uhr auf den Bahnsteig in Fried­richshagen kam: „Eine Viertelstunde später fuhr schon eine Bahn Richtung Spandau. In der Gegenrichtung waren in der Zwischenzeit zwei Bahnen durchgefahren. Das ging wirklich fix, dass auf der Strecke wieder Züge unterwegs waren.“

Um 13.35 Uhr meldete die S-Bahn ein stabiles Angebot auf allen Strecken, auch wenn es weiter zu einzelnen Ausfällen und Verspätungen kam, wie Sprecherin Spieker mitteilte. „Schon lange vorher“ habe die S-Bahn auf fast allen Strecken einen 20-Minuten-Takt anbieten können, auf dem Ring sei sie sogar im 10-Minuten-Takt gefahren. Die S-Bahn erwartete, noch im Laufe des Tages wieder nach Fahrplan zu fahren.

Einer immerhin hat sich über den Streik gefreut: Der 14 Jahre alte Elias aus Charlottenburg berichtete, er selbst habe es gerade noch rechtzeitig in die Schule geschafft. Unterricht aber gab es dort nicht überall: „Bei uns sind 28 Lehrer zu spät gekommen!“

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