Ausbildung

Das sind Berlins beste Azubis

8100 Lehrlinge haben in diesem Jahr ihre Prüfung abgelegt, 77 davon mit Auszeichnung. Die Morgenpost stellt drei von ihnen vor.

Christin Pinzer studierte Geschichte und Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität. Heute arbeitet sie beim Bühnenservice Berlin.

Christin Pinzer studierte Geschichte und Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität. Heute arbeitet sie beim Bühnenservice Berlin.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Tim Elske, Silvia Warnke und Christin Pinzer zählen in diesem Jahr zu einem erlesenen Kreis: Die drei Berliner gehören zu den besten Auszubildenden in der deutschen Hauptstadt. 8100 Frauen und Männer haben 2018 Lehrlings-Prüfungen abgelegt, 77 davon erreichten mindestens 92 von 100 Punkten in der Abschlussprüfung. Diese jungen Menschen seien Botschafter für das Modell duale Ausbildung, sagte Paul Kündiger, Vorstand der Wirtschaftsjunioren und Prüfer der Industrie- und Handelskammer. „In Zeiten des Fachkräftemangels haben Berlins beste Azubis auch die besten Aussichten auf eine glänzende berufliche Karriere“, so Kündiger. Die Berliner Morgenpost stellt drei der besten Lehrlinge vor.

Vom Bauernhof in den Brunnenbau

Tausende Autos rasen jeden Tag an dem Arbeitsplatz von Tim Elske vorbei. Der junge Brunnenbauer steht auf einer Wiese neben der Autobahn 100 am Funkturm. „Hier müssen wir 40 Meter runter“, sagt Elske und deutet auf die schwere Maschine neben ihm. Mithilfe des Bohrers entnimmt Elske Bodenproben. Das Gerät steuert er dabei ganz entspannt mit einer Fernbedienung. 26-mal muss sich der junge Brandenburger, der für das Berliner Unternehmen Henning & Quade arbeitet, an verschiedenen Stellen in den Acker neben der Autobahn bohren.

Das Land Berlin will in den nächsten Jahren das Autobahn-Dreieck sanieren. Tim Elske schafft dafür die Grundlage. Er findet heraus, ob der Untergrund überhaupt die Belastung der geplanten Bauwerke aushalten würde. „Sonst fällt die Brücke zusammen. Das will ja keiner“, sagt Elske nüchtern.

Der Brunnenbauer hat im Sommer seine Prüfung abgelegt und mit 96 von 100 Punkten bestanden. Mit dem Ergebnis ist er nicht nur in Berlin, sondern auch deutschlandweit der Beste. Tim Elske zuckt mit den Schultern. „Ich hab in der Berufsschule aufgepasst und musste dann nicht mehr so viel lernen“, erklärt er.

Wie ein Erfolgsgeheimnis klingt das nicht. Bei Elske liegt das Talent aber in der Familie. Auch sein Vater arbeitet bei Henning & Quade als Brunnenbauer. Elske junior, mittlerweile 26 Jahre alt, hatte aber zunächst Landwirt in seiner brandenburgischen Heimat gelernt. Danach arbeitete er drei Jahre auf dem Geflügelhof. Irgendwann ließ er den Trecker dann stehen. „Ich hatte einfach Lust, etwas anderes zu machen“, erklärt Elske.

Jetzt entnimmt der junge Mann nicht nur Bodenproben, sondern baut in der Tiefe Feuerlöschbrunnen oder auch Absenkbrunnen, mit denen in Baugruben etwa das Grundwasser besser abfließen kann. Tim Elske macht die Arbeit Spaß. Demnächst will er noch seinen Meister machen.

Eine nicht ganz typische Auszubildende

Andere Azubis hielten Silvia Warnke auf der Berufsschule zunächst für die Lehrerin. „Da wurde mir bewusst, dass ich nicht wie eine typische Auszubildende aussehe“, sagt Warnke und lässt sich in den Sessel fallen, der in der Buchhandlung Born im Berliner U-Bahnhof Onkel Toms Hütte steht. Inmitten Hunderter Bücher fühlt sich Warnke endlich angekommen. „Ich wollte schon immer Buchhändlerin werden“, erzählt die Frau, die fraglos heraussticht aus der Masse der Azubis in Berlin. Denn Warnke ist 49 Jahre alt.

Erst mit einer Verzögerung von gut 30 Jahren ist es der Berlinerin gelungen, den Weg zu ihrem Traumberuf einzuschlagen. Zwar wollte Silvia Warnke auch schon nach ihrem Abitur eine Ausbildung zur Buchhändlerin beginnen. Eine Stelle fand sie allerdings nicht, studierte stattdessen Biologie.

Doch weil sie dann ihre zwei Kinder großzog, verzichtete sie auf eine berufliche Karriere. Erst als der Nachwuchs größer war, fiel Warnke ihr Berufswunsch von einst wieder ein. „Ich konnte nie an Buchläden vorbeigehen“, sagt sie. Dann nimmt Silvia Warnke ein Buch in die Hand und streicht über den Bucheinband. Das muss Liebe sein.

Warnke zählte lange zu den Stammkunden der Buchhandlung Born und kam irgendwann mit Besitzerin Juliane Kaiser ins Gespräch. Eine Zeit lang arbeitete die Bücherliebhaberin dann als Praktikantin in dem Betrieb, dann bot ihr Kaiser eine Ausbildungsstelle an. Silvia Wagner nahm an.

In der Berufsschule fiel Warnke nicht nur wegen ihres Alters auf, sondern auch wegen ihrer Leistung. Im Sommer legte sie die Prüfung zur Buchhändlerin mit 96 von 100 möglichen Punkten ab. Damit zählt sie nicht nur zu Berlins Besten, sondern auch zur bundesweiten Spitze der Buchhandel-Azubis. „Ich war begeistert über die Chance und deswegen wohl besonders motiviert“, sagt Warnke.

Etwas überrascht über ihr gutes Abschneiden sei sie allerdings schon gewesen, so die Neu-Buchhändlerin. „Andere aus meiner Klasse waren auch sehr gut“, ergänzt sie. Ihr Erfolgsgeheimnis ist übrigens fast so alt wie ihr Berufswunsch: Warnke hat mithilfe von Karteikarten gelernt. So wie auch schon vor nahezu 30 Jahren während des Biologie-Studiums.

Ein gutes Auge und eine ruhige Hand

Auch die junge Berlinerin Christin Pinzer (großes Foto) hat vor ihrer Ausbildung eine akademische Laufbahn eingeschlagen, studierte Geschichte und Kunstgeschichte an der Humboldt-Universität. Heute arbeitet die 32 Jahre alte Frau im Malsaal des Bühnenservice Berlin in Friedrichshain.

Jedes Jahr stellt das Tochterunternehmen der Stiftung Oper in Berlin für rund 70 Produktionen von drei Opernhäusern, Staatsballett und Deutschem Theater in der Stadt Ausstattungen und Bühnenbilder her. Christin Pinzer hat im Sommer ihrer Ausbildung zur Bühnenbildnerin abgeschlossen, gehörte ebenfalls zu Berlins besten Azubis.

In der Theaterwelt hilft der jungen Frau die hohe Punktzahl im Abschlusstest zunächst kaum. Derzeit hat Pinzer nur eine befristete Stelle als Elternzeitvertretung. Mögliche Jobs gibt es aber auch in der Filmbranche oder im Messebau. Vielleicht zieht es Christin Pinzer auch erneut ins Ausland: Bereits während der drei Jahre andauernden Ausbildung arbeitete sie zeitweise in Island.

In jedem Fall braucht Christin Pinzer für ihre Arbeit eine ruhige Hand und ein gutes Auge. Um zu zeigen, was sie in ihren drei Jahren als Azubi gelernt hat, deutet sie an die Wand des Malsaals. Ein großes Porträt von Sophie Scholl in Schwarz-Weiß hängt dort, auch eine Malerei des nahezu abgerissenen Palasts der Repu­blik ist zu sehen. Beide Werke hat Pinzer ausgehend von Fotografien reproduziert. „Bis zu drei Wochen Arbeit stecken darin“, sagt sie.

Derzeit bemalt die ehemalige Auszubildende Leinwände für die Oper „Violetter Schnee“, die im Januar an der Staatsoper Premiere feiert. Etwas verbraucht und ein wenig wie Rauputz sollen die Materialien aussehen, die später auf der Bühne Teil eines Treppenhauses sein werden. „Jedes Projekt ist anders und eine neue Herausforderung“, erklärt Pinzer.

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