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Todesraser von Charlottenburg

Unfalltod: Wie Johannas Familie mit dem Unfassbaren lebt

Johanna Hahn wurde im Juni in Charlottenburg von einem Raser erfasst und starb. Ihre Familie über den Schicksalstag und das Leben heute

Mehrmals in der Woche fahren Johannas Mutter Susanne Hahn (r.) und ihre Schwester Katharina an die Unfallstelle in Charlottenburg. Ein Feuerzeug haben sie immer dabei: „Hanni hat Kerzen so geliebt.“

Foto: Maurizio Gambarini

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Freitag Nachmittag, das war die Zeit, die Susanne Hahn immer besonders gemocht hat. Vorfreude aufs Wochenende, Entspannung. Oft kam dann auch ihre jüngere Tochter Johanna vorbei. Heute fehlt diese Leichtigkeit. Heute, wenn die Ablenkungen der Woche hinter ihr liegen, wird ihr besonders schmerzlich bewusst, dass nichts mehr so ist, wie es einmal war.

Jetzt fährt die 51-Jährige jeden Freitagnachmittag nach Charlottenburg, in die Windscheidstraße, Ecke Kantstraße. Sie richtet die Blumen, zündet Kerzen an. Und sie hält Zwiesprache mit Hanni, wie sie ihre Tochter liebevoll nannte. Seit einem halben Jahr macht sie das so, seit einem halben Jahr hat sie immer Feuerzeuge im Auto liegen. Das Licht soll nicht erlöschen an diesem Ort. Es ist ein Ort, an dem sie ihrer Tochter ganz nah sein kann, erzählt sie, während sie ihre Hände an einem großen Glas Milchkaffee im Café „Glücklich“ wärmt. Vom Fenster des kleinen Cafés aus hat sie das Kerzenmeer im Blick.

Vor einem halben Jahr, am Abend des 6. Juni, starb Johanna Hahn genau an dieser Stelle. Es war Mittwoch, 21.30 Uhr, noch fast hell, ein lauer Sommerabend, die 22-Jährige war unterwegs, wollte mit einem Freund irgendwo etwas trinken und quatschen. Sie schob ihr Fahrrad auf die Ampel zu. Ihre Mutter ist sich sicher: „Sie war fröhlich in diesem Moment, vielleicht hat sie gelacht.“ Eine Minute später war sie tot.

Ein Auto, ein silberner Audi A 6, raste auf die Kreuzung zu, die drei Männer im Fahrzeug waren nach einem Diebstahl auf der Flucht vor der Polizei. Die Ampel zeigte Rot, aber der Fahrer drückte weiter aufs Gas. Tempo 160 soll der Tacho gezeigt haben. Auf der Kreuzung rammte der Audi zwei andere Autos, dann erfasste er Johanna. Sie wurde durch die Luft geschleudert, schlug auf dem Gehweg auf und starb noch an der Unfallstelle. Die Kreuzung glich danach einem Trümmerfeld. Und auch das Leben der Familie Hahn lag in Trümmern. Aber davon wusste Susanne Hahn in diesem Moment noch nichts.

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Geschwister sollten es nicht über Facebook erfahren

Sie war zu diesem Zeitpunkt schon auf dem Weg ins Bett. Morgens muss sie früh raus, sie ist Heilpädagogin und arbeitet in einer Förderschule. Um vier Uhr wurde sie aus dem Schlaf gerissen. Es klingelte an der Tür. Drei Beamte standen davor: „Wir müssen Ihnen mitteilen, …“ Susanne Hahn sah es in ihren Gesichtern: Es war das Schlimmste passiert. „Aber ich habe zuerst an Kathi gedacht“, die ältere Tochter, „sie studiert in Holland, war so weit weg, viel unterwegs. Hanni war doch in Berlin, sie war doch sicher. Ich fühlte mich wie im falschen Film.“

Die Beamten wollten Susanne Hahn nicht allein lassen, „aber ich wollte nicht, dass sie bleiben. Ich konnte doch jetzt nicht auf dem Sofa sitzen, ich musste etwas tun.“ Sie wollte sofort zu ihren beiden anderen Kindern, Johannas älteren Geschwistern Katharina (24) und Alexander (26), sie sollten es von ihr persönlich hören, nicht übers Telefon, nicht über Facebook oder durch andere.

Susanne Hahn rief den Vater ihrer drei Kinder an, die beiden leben getrennt in Berlin. Sie setzten sich sofort ins Auto, fuhren los, direkt nach Holland. „Hanni und Kathi waren wie siamesische Zwillinge.“ Sechs Stunden fuhren sie, Katharina studiert in der Nähe von Amsterdam. Auf dem Weg riefen sie bei ihr an: „Wir kommen zum Kaffee“, die Tochter hatte gelacht: „Ihr macht Witze“. Es sei nicht ihre Art, gleich Schlimmes zu denken, erzählt die 24-Jährige jetzt im Café „Glücklich“. Auch sie hält ihre Hände warm am Pfefferminztee. Als sie ihre Eltern dann vor sich sah, wusste sie, dass es kein Witz war. „Ich wollte sofort zurück nach Berlin, in Hannis Nähe sein, so weit weg konnte ich das alles nicht glauben.“ Also brachen sie sofort wieder auf. In der Eile hat Katharina nicht mal an ihren Ausweis gedacht.

Es war gut, dass sie den Tag über nicht zu Hause waren, denn da hatten schon Kameraleute und Fotografen an der Tür geklingelt. Etwas mehr Zurückhaltung und Rücksichtnahme hätte sie sich gewünscht. Auch, als die Familie in der Zeitung lesen musste, dass Johanna schwanger gewesen sein soll, tat das sehr weh. „Als wäre es nicht schon schlimm genug, was passiert ist, da muss man doch nicht noch was draufsetzen, was gar nicht stimmt“, sagt Katharina Hahn.

Sie fuhren schweigend zur Unfallstelle

Nachts waren die drei zurück in Berlin. Nach ein paar Stunden wollten sie sich wieder aufmachen, nach Halle, wo Alexander, der älteste der Geschwister studiert. Aber es war schon zu spät. Als sie losfahren wollten, hatte er die schreckliche Nachricht mit einem Foto seiner Schwester schon im Internet gesehen.

In Berlin mussten sie erst einmal zur Polizei, um Johannas persönliche Dinge entgegenzunehmen. Die Handtasche, ihre Jacke. Die trägt jetzt Hugo, ein riesengroßer Teddy, den die Mutter Katharina zum Studium nach Holland mitgegeben hatte, als Beschützer.

Schweigend fuhren sie dann zur Unfallstelle. Der Familie, in der gern jeder gleichzeitig redet, die Johanna deshalb auch so gern „unsere verrückte Familie“ genannt hat, fehlten in diesem Moment die Worte. Das Unfassbare war nicht mit Worten zu fassen, aber im Kopf kreisten die Gedanken wie wild.

Was hatte sich Susanne Hahn noch ein paar Wochen zuvor für Sorgen um ihre Hanni gemacht. Ihr jüngstes Kind war allein in Neuseeland mit dem Auto unterwegs gewesen, hatte nur selten Internet, war kaum erreichbar. Aber es war alles gut gegangen. Jetzt war sie wieder zurück in Berlin, hatte ein Zimmer im Studentenwohnheim in Westend, studierte wieder, Soziale Arbeit an der Alice Salomon Hochschule, im Sommer hätte sie ihr Bachelorstudium abgeschlossen, und dann wollte sie nach Heidelberg, einen Master in Musiktherapie machen. Das konnte doch jetzt nicht alles zerstört sein? All diese Pläne, Träume, dieses junge Leben? Wie sollte es nur weitergehen?

Es war ein banger Moment, als Susanne Hahn an diesem Freitagnachmittag, am 8. Juni, zum ersten Mal an die Unfallstelle kam. Ein Stromkasten lag noch in Trümmern, Absperrband flatterte im Wind. Ein Meer von Blumen empfing sie. „In diesem Moment war das alles zu viel“, erinnert sie sich, „aber im Nachhinein berührt es mich immer noch, wie viele Menschen hier ihre Anteilnahme zum Ausdruck gebracht haben.“ Bis heute legen hier Tag für Tag nicht nur Angehörige und Freunde, sondern auch Anwohner und Passanten, die die junge Frau gar nicht kannten, Blumen nieder, zünden Kerzen an und wechseln auch mal die Batterie einer Lichterkette.

Die Unfallstelle ist ein Ort der Begegnung geworden. Ein Ort, an dem die Verstorbene immer präsent ist. Und ein Ort, an dem die Familie erfahren hat, dass Johanna wohl in den letzten Sekunden ihres Lebens nicht mehr gelitten hat, dass sie sofort professionelle Hilfe hatte. „Ein Arzt wohnt gleich hier oben“, erzählt Katharina. Als er den Knall hörte, habe er sich seinen Arztkoffer geschnappt und sei sofort runtergelaufen. Johannas Puls konnte er wohl noch fühlen, helfen konnte er nicht mehr. Es war sofort vorbei. „Das ist wenigstens beruhigend“, sagt die Schwester. Ihre Augen füllen sich mit Tränen.

An diesem Sonntag findet Konzert für Johanna statt

Die Tränen, sie kommen immer wieder, wenn Mutter und Schwester von den schwersten Stunden in ihrem Leben, wenn sie über Hanni sprechen. Aber dann schauen sie sich an und in die Tränen mischt sich ein Lachen: „Na toll, das wollten wir doch gerade nicht.“ Die Nähe zwischen den beiden ist groß, vielleicht ist sie noch ein Stück gewachsen durch den Verlust.

Wenn sie beschreiben sollen, was Johanna ausgemacht hat, wissen sie gar nicht, wo sie anfangen sollen. Johanna lachte gern, sie war offen, hatte viele Freunde, reiste viel, machte Musik, machte sich über alles Gedanken, hatte gerade das Klettern für sich entdeckt. Sie wollte immer alles und alle zusammenhalten. „Das war schon im Kindergarten so. Wenn sie eingeladen hat, dann immer alle“, erzählt die Mutter. Johanna hat sich für Flüchtlinge in Berlin engagiert, für Waisenkinder in Kenia. Für Johanna hätte der Tag wohl mehr als 24 Stunden haben müssen. Und sie hatte etwas Unbeschwertes. „Hakuna Matata“, dieses Lied aus dem Disney-Film „König der Löwen“, was so viel heißt wie „Die Sorgen bleiben dir immer fern“, das hat sie als Lebensmotto in die Familie und in die Welt getragen.

„Hanni hinterlässt so ein großes Loch“, sagt die Mutter. Sie wollen sie nicht einfach verschwinden lassen, sie wollen, dass die Erinnerung an sie in der Welt bleibt. Darum fand auch an der Unfallstelle zu ihrem 23. Geburtstag Anfang Oktober eine öffentliche Gedenkstunde statt. Angehörige, Freunde, der Bezirksbürgermeister, Anwohner waren da. Mehr als 100 Menschen kamen, klebten Fotos auf Staffeleien, brachten frische Blumen, fassten sich an den Händen, hörten zu, als Marius Dierberg, ein Freund von Johanna, auf seiner Gitarre ein Lied anstimmt: „Halte die Zeit an“.

Marius Dierberg wird auch an diesem Sonntag wieder singen. Bei einem Adventskonzert, das die Familie in der St.-Thomas-von-Aquin-Kirche in der Charlottenburger Schillerstraße organisiert hat. Auch die Gemeinde hat einen schweren Verlust zu tragen, Anfang des Jahres wurde ihr Pfarrer umgebracht. Das Konzert haben vor allem Bruder und Schwester auf die Beine gestellt. Und sie wollen dabei auch auf ein weiteres Projekt aufmerksam machen: Katharina und Alexander Hahn haben gerade einen Verein gegründet, „Lichterschatten“ (lichterschatten.de), um Angehörigen von plötzlich verstorbenen jungen Menschen zur Seite zu stehen. Sie wollen Trauerbegleitung leisten, eine Trauergruppe anbieten und professionelle Hilfe vermitteln. „Es ist so schwer, und man ist so hilflos in so einer Situation, das haben wir ja selbst erlebt“, erklärt Katharina Hahn, „aber wir wissen jetzt, welche Schritte wichtig sind, das möchten wir weitergeben.“ Sicher ist es schwer, dabei dann immer wieder an die eigene Trauer zu stoßen, aber für die Geschwister ist es auch ein Weg, um bei ihrer Schwester zu sein. „Sie hat sich so engagiert, jetzt wollen wir uns auch engagieren.“

Das Engagement hilft auch, wieder ins Leben zurückzufinden, auch wenn das nach einem halben Jahr noch kaum möglich scheint. Susanne Hahn geht wieder in die Schule, die Geschwister studieren weiter, „aber manchmal ist der Alltag unerträglich“, sagt die Mutter. Und die Schwester denkt an den Song „Everglow“ von Coldplay, den sie mal zusammen mit ihrer Schwester gespielt hat, der auch bei der Trauerfeier gespielt wurde und der gut wiedergibt, was in ihr vorgeht. „Wie kann das sein, dass alles weitergeht, dass die Autos nicht langsamer werden, wenn es sich doch anfühlt, wie das Ende meiner Welt?“, heißt es darin.

Gerade hat der Prozess gegen den Todesraser begonnen

Gerade in diesen Tagen wird der Tod von Johanna wieder sehr präsent. Vor einer Woche begann der Prozess gegen den Mann, der sie totgerast hat. Die Staatsanwaltschaft hat Anklage wegen Mordes erhoben. Die Familie tritt als Nebenkläger auf, vertreten wird sie durch Gregor Gysi, dessen Tochter Anna mit Johanna befreundet war. „Noch nie vorher in meinem Leben hatte ich mit einem Gericht zu tun“, sagt Susanne Hahn, und es war nicht leicht, den Gerichtssaal zu betreten, sagt sie nach dem ersten Prozesstag. Aber es war ihr wichtig, selbst dabei zu sein. „Mit unserer Anwesenheit wollen wir auch zeigen, was hier angerichtet wurde. Das hat ja nicht nur Folgen für kurze Zeit, sondern ein Leben lang bleibt eine Familie durch so einen Verlust betroffen.“ Sie holt tief Luft: „Es geht doch um Hanni.“

Als im Gerichtssaal die Anklageschrift verlesen wurde, weinte Katharina Hahn. Dabei hatten sie sich die schon zu Hause durchgelesen, um darauf vorbereitet zu sein. „Aber wenn man das dann alles hört, tut es noch mal mehr weh“, sagt die Mutter, auch in ihr sei am ersten Prozesstag ein „Gefühlschaos“ gewesen. Zum ersten Mal sah sie im Gerichtssaal auch den Angeklagten und sie weiß: „Wenn es diesen Menschen nicht gäbe, dann wäre Hanni noch da.“ Was er durch seinen Dolmetscher verlesen ließ, war für sie auch schwer zu ertragen. Dass er die junge Frau nicht gesehen haben will, dass er nicht gemerkt haben will, dass er sie mit dem Auto erfasste, dass sie durch den Aufprall durch die Luft geschleudert wurde. Dieses Leugnen hat Susanne Hahn auch wütend gemacht. Sie sagt: „Wenn das Urteil im Februar gesprochen wird, soll er die Strafe bekommen, die nach dem Gesetz möglich ist.“

Doch Johanna wird das nicht zurückbringen. Die Traurigkeit bleibt. Gerade jetzt, so kurz vor Weihnachten wird das besonders schmerzlich bewusst. „Hanni hat Kerzen so geliebt, sie mochte Weihnachten“, erzählt die Mutter. Die ganze Familie kam an Weihnachten immer in Berlin zusammen. In diesem Jahr fahren sie alle zusammen zum ersten Mal weg. Johanna nehmen sie mit, in ihren Herzen und in vielen Erinnerungen.

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