Der Hauptstadtbrief

Ein Weckruf aus dem Widerstand

Als Sozialdemokratin 1933 verfolgt und aus Deutschland geflüchtet, war Tony Sender eine deutsche Stimme für Menschenrechte.

Tony Sender – eine deutsche Sozialdemokratin, deren Stimme in der Allgemeinen Menschenrechtserklärung vom 10. Dezember 1948 anklingt.

Tony Sender – eine deutsche Sozialdemokratin, deren Stimme in der Allgemeinen Menschenrechtserklärung vom 10. Dezember 1948 anklingt.

Foto: Picture Alliance / dpa

Wenn die Menschen des Denkens müde werden, kann Schreckliches geschehen, auch und besonders durch Menschen an Menschen. An diesen Umstand zu erinnern, ist ein Datum wie kaum ein anderes geeignet: der 10. Dezember. An diesem Montag des Jahres 2018 jährt es sich zum 70. Mal, dass die Generalversammlung der Vereinten Nationen in Paris die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, auch als UN-Menschenrechtscharta bekannt, verkündete.

Die Menschenrechtscharta, wie könnte es anders sein, wurde von Menschen geschaffen. Eine von ihnen war die jüdische Deutsche Tony Sender. „Und wenn Sie fragen, wie ein kultiviertes Volk wie das deutsche solch ein Regime akzeptieren kann“, sagte sie 1936 im amerikanischen Exil, „antworte ich, dasselbe kann auch hier passieren, wenn die Menschen des Denkens müde werden.“

Tony Sender war zu diesem Zeitpunkt 47 Jahre alt und seit drei Jahren Emigrantin. Doch fangen wir von vorne an. Geboren wird sie am 29. November 1888 in Biebrich, heute ein Ortsbezirk von Wiesbaden. 1910 tritt sie in die SPD ein. Zu ihren zentralen politischen Themen gehören Frieden, soziale Gerechtigkeit und der Einsatz für Frauenrechte, und sie wird zu einer Expertin für Wirtschafts- und Außenpolitik. 1917 ist sie Mitbegründerin der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD). Sie arbeitet zunächst als Journalistin, ab 1920 sitzt sie für die USPD, ab 1922 für die SPD als Abgeordnete im Reichstag. 1927 wird sie in den Beirat der Deutschen Liga für Menschenrechte gewählt, die 1933 verboten wird.

Sehr früh bezieht Tony Sender engagiert Stellung gegen den aufkommenden Nationalsozialismus. Als eine lange Reihe von Anfeindungen und Bedrohungen schließlich im März 1933 zur offenen Morddrohung wird, flieht sie – nur mit dem, was sie am Leib trägt – zunächst in die Tschechoslowakei, dann nach Belgien und 1935 schließlich in die USA, wo sie den Kampf für die Freiheit und gegen die nationalsozialistische Regierung mit den Mitteln des Journalismus und durch ihre Mitwirkung in Ausschüssen und Initiativen wie der sozialistisch-demokratischen Association of Free Germans weiterführt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg ist sie Gewerkschaftsvertreterin beim Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen. 1947 nimmt sie gemeinsam mit Eleanor Roosevelt, selbst Menschenrechtsaktivistin und als Ehefrau von Franklin D. Roosevelt bis 1945 First Lady der USA, an der Sitzung der UN-Menschenrechtskommission in Genf teil – und ist damit direkt beteiligt am Entwurf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die am 10. Dezember 1948 verabschiedet wird.

Das Wirken ebenso wie die Biographie von Tony Sender machen deutlich, wie eng ihr Engagement für Demokratie und Menschenrechte mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus verknüpft war. Ein weiteres Zitat mag das verdeutlichen: „Was war unser Verbrechen? Die Freiheit zu sehr geliebt zu haben. Aber wie hätte ich anders gekonnt? War nicht mein ganzes Leben ein Kampf um mehr Freiheit gewesen – um gesellschaftliche Bedingungen, unter denen jedes Individuum die Bedürfnisse empfinden und befriedigen kann, die uns erst zum Menschen machen?“

Katharina Klasen ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Für den HAUPTSTADTBRIEF erinnert sie an eine deutsche Stimme, die in der Allgemeinen Menschenrechtserklärung vom 10. Dezember 1948 anklingt.