Hauptstadtbrief - Kolumne

Nur für Alleinherrscher geht es nicht

Günter Bannas begründet, warum eine „Arbeitsteilung“ zwischen dem Bundeskanzler und dem Parteivorsitzenden zu Unrecht einen schlechten Ruf hat.

Annegret Kramp-Karrenbauer und Angela Merkel

Annegret Kramp-Karrenbauer und Angela Merkel

Foto: Thomas Lohnes / Getty Images

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren Verzicht auf den CDU-Parteivorsitz bekannt gab, hat auch ihr Vorgänger Gerhard Schröder seine Sicht der Dinge dargelegt. In der SPD könne es möglich sein, eine „Arbeitsteilung“ zwischen dem Bundeskanzler und dem Parteivorsitzenden herzustellen. In der CDU sei das anders. Merkwürdigerweise hat die Trennung der beiden Ämter in Deutschland einen schlechten Ruf, was auch an den bis zuletzt wiederholten Bemerkungen Merkels liegt, beide Ämter gehörten in eine Hand – bei Schröder habe man ja gesehen, was aus ihm geworden sei, nachdem er auf den SPD-Vorsitz verzichtet habe.

Tatsächlich aber machte die SPD vergleichsweise gute Erfahrungen mit dieser Art der Arbeitsteilung. Zwanzig Jahre lang hat sie seit 1949 den Bundeskanzler gestellt – von 1969 bis 1982 mit Willy Brandt und Helmut Schmidt, von 1998 bis 2005 mit Gerhard Schröder. Mehr als die Hälfte dieser Zeit herrschte die Arbeitsteilung zwischen Regierungschef und Kanzler. Politisch schiefgegangen ist es nur sechs Monate. Als Schröder 1998 ins Bonner Kanzleramt einzog, war Oskar Lafontaine SPD-Chef. Doch beide wollten die Nummer eins sein. Als auch noch politische Differenzen dazu kamen, zog sich Lafontaine ein halbes Jahr später konsequenterweise zurück.

Schröder wurde sein Nachfolger an der Parteispitze. Sein Problem: Er wollte Alleinherrscher sein. Die Partei aber wollte einen Alleinherrscher nicht ertragen. Schröder gab – unfreiwillig – sein Parteiamt an Franz Müntefering ab. Eineinhalb Jahre funktionierte ihre Zusammenarbeit. Warum? Müntefering hatte keine Ambitionen auf das Kanzleramt, und er unterstützte Schröders Agenda-2010-Politik vorbehaltlos.

Es heißt, Helmut Schmidt habe es bedauert, dass er in seiner Zeit als Bundeskanzler nicht zugleich SPD-Vorsitzender gewesen sei. Willy Brandt war 1974 als Bundeskanzler zurückgetreten, Parteivorsitzender aber geblieben. Spannungen blieben nicht aus. Sehr unterschiedlich waren die Charaktere der beiden – Schmidt immer zupackend, Brandt oft zögernd mit einem Hauch von Selbstzweifeln. Doch ihre Kooperation war erfolgreich: Acht Jahre lang funktionierte sie. Dass sich am Ende die FDP aus der sozialliberalen Koalition löste, lag nicht an Brandt, sondern an einer innerparteilichen Entwicklung, die nicht einmal ein SPD-Vorsitzender Schmidt hätte aufhalten können. Später hat er das auch eingesehen.

Günter Bannas ist Kolumnist des Hauptstadtbriefs. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.