Obdachlosen angezündet

Weil das Opfer nicht schrie - Männer nahmen Tat nicht ernst

Das 45 Jahre alte obdachlose Opfer erlitt nach Auskunft von Seidel schwerste Verbrennungen an einem Bein und am Rücken.

Foto: Daniel Reinhardt / picture alliance / Daniel Reinha

Berlin.  Es soll eine heitere Stimmung geherrscht haben. Von Grölen und Klatschen ist vor einer Moabiter Strafkammer die Rede. Es scheint niemand gemerkt zu haben, was tatsächlich geschah: Ein Mensch wurde angezündet.

Wegen dieser Tat, die sich am 31. Mai dieses Jahres auf dem Alexanderplatz abspielte, müssen sich seit Donnerstag der 38-jährige Pawel S. und der 23-jährige Grzegorz R. verantworten. Beide kommen, wie das Opfer, - genannt Tomek - aus Polen. Staatsanwalt Sebastian Seidel ist zuständig für die Ermittlungsgruppe Alexanderplatz. Er wirft ihnen gefährliche und schwere Körperverletzung vor. Letztlich haben sie mit dieser Anklage noch Glück gehabt, es hätte auch Totschlag werden können.

Obdachloser erlitt schwere Verbrennungen

Das 45 Jahre alte obdachlose Opfer erlitt nach Auskunft von Seidel schwerste Verbrennungen an einem Bein und am Rücken. Zeitweise wurde von den Ärzten sogar erwogen, das verletzte Bein zu amputieren, sagte der Anklagevertreter.

Grzegorz R. wollte sich vor Gericht zu den Vorwürfen nicht äußern. Dafür der 15 Jahre ältere Pawel S. – der nun alles auf Grzegorz R. zu schieben versuchte. Er habe gesehen, sagte Pawel S., wie der Mitangeklagte mindestens zweimal zu dem schlafenden Landsmann gelaufen sei und ihm ein brennendes Feuerzeug an die Kleidung gehalten habe: erst an ein Hosenbein, später ans Hemd. Er selber habe dann ein Mal: „Hör auf“ gesagt und die glimmende Kleidung des Opfers mit Orangensaft aus einem Tetrapack zu löschen versucht. Tomek sei für ihn ein guter Freund gewesen, sagte Pawel S. Durch ihn habe er ja auch Grzegorz R. kennengelernt.

In der Situation auf dem Alexanderplatz habe er sich allein gefühlt, beantwortete Pawel S. die Frage, warum er nicht konsequenter eingeschritten sei. Alle anderen waren Freunde von Grzegorz R. Aber so richtig ernst habe auch er die Sache nicht genommen, sagte Pawel S. Tomek habe nicht geschrien. Alle drei waren stark angetrunken. Heute fühle er sich schuldig, „dass Tomek in meiner Gegenwart ein solches Leid zugefügt wurde“.

Nach eigenen Angaben leitete Pawel S. in Polen ein Fabrik für Möbelstoffe. Er habe aus einem regionalen Familienbetrieb den polnischen Marktführer gemacht. Später hätten ihn jedoch die Söhne des Eigentümers aus dem Unternehmen gedrängt. Enttäuscht sei er nach Deutschland gegangen, um sich hier ein neues Leben aufzubauen. Der Prozess wird am 13. Dezember fortgesetzt.

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