Lehrer-Verfolgung

Neue Studie über „Gleichschaltung“ an Berliner Schulen

468 Lehrer von Oberschulen der Stadt mussten in der NS-Zeit Repressionen erleiden.

Der politische Zeitgeist: Kinder einer Volksschule grüßen ihre Lehrerin mit dem Hitler-Gruß, die grüßt zurück. Das Foto entstand vermutlich um 1935.

Der politische Zeitgeist: Kinder einer Volksschule grüßen ihre Lehrerin mit dem Hitler-Gruß, die grüßt zurück. Das Foto entstand vermutlich um 1935.

Foto: dpa Picture-Alliance / Austrian Archives / picture alliance / IMAGNO/Austri

Berlin. Alle Besucher des Ernst-Abbe-Gymnasiums werden an diesem Morgen von Oberstufenschülern freundlich mit Handschlag begrüßt. „Willkommen“, sagen sie und führen danach den Gast über den Schulhof des alten Gebäudes in das Hinterhaus und dort hoch in den Zeichensaal. Alles sieht gut aus, frisch saniert. Das ist ihre Schule, hier lernen sie, hier sind ihre Freunde, hier sind ihre Lehrer. Und genau hier, einem Ort, an dem heute Schüler glücklich aufwachsen können, bekam man sofort zu Beginn der NS-Zeit, im Februar 1933, hart zu spüren, was „Gleichschaltung“ hieß.

Am 21. Februar wurde der damalige Oberstudiendirektor Fritz Karsen abgesetzt, einen Tag später durfte er seine Schule, die damals Karl-Marx-Schule hieß und im reformpädagogischen Sinne die erste Gesamtschule Deutschlands war, nicht mehr betreten. „Nie wieder Karl-Marx-Schule!“, lautete der Schlachtruf der Nazis. Einige Lehrer werden „zwangsbeurlaubt“, weil sie als nicht-arisch gelten, andere werden zwangsversetzt, als „national unzuverlässig“ entlassen oder zwangspensioniert. Die berühmte Gesamtschule wird zerschlagen. „Kulturbolschewistisch!“

Sie spüre die Nähe, wird die Zwölftklässlerin Melisa wenig später oben im Zeichensaal vor Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) und anderen Gästen sagen. „Ich bin in dieser Schule, und in dieser Schule ist so etwas passiert.“ Plötzlich sei der Nationalsozialismus und seine Verfolgung viel reeller für sie. Und auch Samuel – genauso wie Melisa im Leistungskurs Politikwissenschaft – meint: „Man braucht manchmal etwas, was einen wachrüttelt.“

Systematischer Überblick über Verfolgung von Lehrern in NS-Zeit

Das hat jetzt eine Studie getan, die einen langen, eher trocknen Titel trägt: „Der Prozess der ,Gleichschaltung’ der Lehrerverbände sowie die Diskriminierung und Verfolgung Berliner Lehrkräfte im Nationalsozialismus“. Die beiden Historiker Hans Bergemann und Simone Ladwig-Winters haben aus Berliner Archiven einen ersten systematischen Überblick über die Verfolgung von Lehrern in der NS-Zeit zusammengetragen. Wichtigste Grundlage dafür waren Personalblätter und das „Philologen-Jahrbuch für die höheren Schulen Preußens“. Ihr Ergebnis: 468 Lehrerinnen und Lehrer kriegten in der NS-Zeit Repressionen zu spüren – von 3786 Lehrkräften insgesamt. Bislang lagen die Schätzungen bei lediglich 150. Allerdings sprechen wir hier nur über die höheren Schulen. Bei Volksschulen fehlen die Unterlagen.

Die Studie, die vom Verlag der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) herausgegeben wurde – mit Unterstützung der Senatsbildungsverwaltung –, ist ausdrücklich so gemacht, dass weiterführende Schulen damit arbeiten können. Alle Oberschulen der damaligen Zeit sind aufgelistet, man sieht, wie viele Lehrer jeweils aufgrund welchen Paragraphens gehen mussten oder andere Folgen spürten. Da viele Schulen heute anders heißen, hilft im Anhang eine Liste mit Namen – wie hieß die Schule 1933, wie heute? Und noch wichtiger: es gibt Kurzbiographien der 468 Lehrer, die sich dem NS-System widersetzten oder wegen ihres jüdischen Hintergrunds verfolgt wurden. Kurze Sätze, die einen trotzdem berühren. Dr. Emil Behrens nimmt sich im Juli 1933 das Leben, Ludwig Collm kann untertauchen und überlebt, der Widerständler Julius Philippson wird ab 1937 inhaftiert und 1943 in Auschwitz ermordet.

Doch auch die Frage, wie sich die Lehrerverbände verhielten, wird in der Studie behandelt. Genauso wie die jüdischen Schulen, die zwangsläufig nach 1933 entstanden. Lesenswert!

Das Buch über die Gleichschaltung der Lehrerverbände und Verfolgung Berliner Lehrkräfte wird an alle weiterführenden Berliner Schulen verschickt. Weitere Exemplare können bei der GEW Berlin oder der Senatsbildungverwaltung erhalten werden.

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