Die Kolumne am Sonntag

Dem Zeitgeist hinterherlaufen

Die Kolumne im wöchentlichen Hauptstadtbrief der Berliner Morgenpost.

Foto: Jens Schlueter / Getty Images

Man darf gespannt sein, ob auf dem garantiert historisch genannten CDU-Parteitag am kommenden Freitag und Samstag jemand Ernst Jandl und sein Gedicht „Lichtung“ zitieren wird. Das geht so: „manche meinen – lechts und rinks – kann man nicht velwechsern – werch ein illtum.“ 1966 war es, als der Lyriker aus Österreich es veröffentlicht hat, zu einer Zeit also, als noch klare Verhältnisse herrschten. Links und rechts waren nicht zu verwechseln: Die CDU war rechts, die SPD war links. Oder schien das nur so?

Konrad Adenauer hatte die die Rechte der Arbeitnehmer stärkende „Montanmitbestimmung“ durchgesetzt, was aus Sicht der Arbeitgeber ein linkes Projekt war. Die SPD war früher eine Befürworterin der Kernenergie, was Jahre später als rechte Form der Energiegewinnung galt. Angela Merkel wiederum war ehedem auch dafür, also rechts, dann dagegen, also grün-sozialdemokratisch. Als Merkel nach der Katastrophe von Fukushima 2011 den Plan zum Ausstieg durchsetzte, war in der CDU kaum Widerstand.

Ähnlich war das mit der Aussetzung (sprich: Abschaffung) der Wehrpflicht. Die hat nicht Merkel, sondern ihr damaliger Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg in den Unionsparteien popularisiert. Guttenberg ist CSU-Mitglied, den niemand als links bezeichnen würde. Merkels Kritiker aber sagen, Merkel sei es gewesen, die mit der Wehrpflicht einen der Markenkerne der CDU abgeschafft habe. Zum CDU-Wortschatz gehört, weil er von Helmut Kohl stammt, auch der Spruch: „Wir dürfen dem Zeitgeist nicht hinterherlaufen.“ In den innerparteilichen Debatten über die Flüchtlingskrise ist Merkel zweifellos die Politikerin in der CDU, die dem Zeitgeist am wenigsten hinterherläuft. Nicht einmal der konservative „Berliner Kreis“ von Unionspolitikern konnte sich darauf verständigen, was im Konkreten der Politik konservativ und was links ist: Atomenergie? Wehrpflicht? Ehe für gleichgeschlechtliche Paare?

Über alle diese Themen sei in der Partei zu wenig diskutiert worden, sagen die Kandidaten für Merkels Nachfolge an der Parteispitze. So war das immer, wenn – wie nun am 7. und 8. Dezember auf dem CDU-Parteitag – Personalveränderungen bevorstanden. Ursula von der Leyen sagte bereits vor Jahren: „Jede Generation in Deutschland hat einen Kanzler. Aus meiner Generation ist das Angela Merkel.“ Zur Erinnerung: Merkel wurde 1954, Friedrich Merz 1955 geboren, Annegret Kramp-Karrenbauer 1962 und Jens Spahn 1980.

Günter Bannas ist Kolumnist des HAUPTSTADTBRIEFS. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Hier blickt er auf eine Zeit der klaren Verhältnisse zurück – und voraus auf den CDU-Parteitag.