Von Aurich nach Berlin

Jasmin Kassid wechselt vom kleinsten zum größten Gericht

Die Staatsanwältin Jasmin Kassid kommt aus Aurich in Ostfriesland nach Berlin. In der Hauptstadt wartet viel Arbeit auf die 30-Jährige.

Staatsanwältin Jasmin Kassid

Staatsanwältin Jasmin Kassid

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. In Filmen ist die Arbeit von Staatsanwälten immer spannend und nie eintönig. Das stundenlange Wälzen von Akten kommt selten darin vor. Im Büro von Jasmin Kassid stapeln sich gleich mehrere Umzugskisten mit Leitz-Ordnern. „Ich beschäftige mich gerade mit einem Großverfahren“, sagt die 30-Jährige und wirkt dabei so fröhlich, als wäre das normalste der Welt. Dabei bedeutet dieses Aktenstudium: Man muss jede einzelne Zeile in jedem Ordner aus jeder Umzugskisten lesen und bewerten. Das ist Schwerstarbeit.

Harte Arbeit muss auch die Justizverwaltung leisten, um junge Topjuristen wie Jasmin Kassid nach Berlin zu lotsen. Berlin wächst, und die Behörde arbeitet am Limit. Im Schnitt muss jeder Staatsanwalt und jede Staatsanwältin im Jahr mehr als 600 Verfahren bearbeiten. Immer seltener kommt es zur Anklageerhebung. Das liege auch daran, dass nicht genügend Zeit bleibe, um sich in die Akten einzuarbeiten, heißt es. Nur mit zusätzlichem Personal könne die Situation verbessert werden. Doch das ist nicht einfach. Berlins Justizverwaltung konkurriert mit der Wirtschaft und den anderen Bundesländern. Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) will die Arbeitsbedingungen verbessern, die Digitalisierung vorantreiben und jedem einzelnen Staatsanwalt ein eigenes Büro geben.

Den Staatsanwälten geht es damit wie den Polizisten und Feuerwehrleuten. Berlin ist schlechter ausgestattet als die Konkurrenz und zahlt weniger als andere Bundesländer. Wer aber viel und abwechslungsreiche Arbeit sucht, findet kein besseres Bundesland. In der Hauptstadt werden die Prozesse geführt, über die das Land spricht.

Beim Strafrecht kommt man an Berlin nicht vorbei

Auch Jasmin Kassid muss sich ihr Büro mit einer Kollegin teilen. „Alles halb so wild“, sagt sie. Stress und eine hohe Arbeitsbelastung gebe es schließlich überall. Kassid kommt aus Hannover. Seit sie einmal ein Praktikum bei einer Strafverteidigerin machte, wollte sie Jura studieren und auch schon immer nach Berlin. Wer sich für Strafrecht interessiert, kommt an der Hauptstadt mit dem Justizpalast in Moabit, einem der größten Gerichte Europas, nicht vorbei. Einer ihrer Professoren an der Gottfried Wilhelm Leibniz Universität in Hannover war der heutige Bundesverfassungsrichter Henning Radtke. „Er hat uns für Strafrecht begeistert“, sagt Jasmin Kassid. Strafrecht, das sei die volle Bandbreite und stelle das pralle Leben dar. „Ein Schwerpunkt in meinem Studium war aber auch das Sozialrecht, weil mich schon immer die gesellschaftlichen Zusammenhängen interessiert haben“, sagt sie.

Dennoch kam Jasmin Kassid erst über Umwege in die Hauptstadt. Die erste Zusage nach dem zweiten Staatsexamen im Jahr 2016 kam nämlich aus Niedersachsen, wo sie am Sozialgericht in Hannover als Richterin anfing. Von dort ging Kassid als Schwangerschaftsvertretung an eines der kleinsten Gerichte Deutschlands: an das Sozialgericht in Aurich in Ostfriesland.

Egal ob Aurich oder Hannover – Sozialgericht bedeutet vor allem eins: Hartz IV-Verfahren und viele Eilanträge. Das ist auch der Grund, warum Aktenberge wie die in dem Berliner Großverfahren die junge Staatsanwältin nicht wirklich abschrecken. Jasmin Kassid berichtet von Fällen wie dem einer jungen und mittellosen Mutter, die kurz vor Weihnachten mit ausgefallener Heizung und leerem Kühlschrank nicht mehr übers Wochenende kam. „Das können Sie dann auch nicht auf die lange Bank schieben.“ Justiz sei einfach kein Rosengarten. „Man muss überall viel arbeiten. Besonders als Berufsanfänger“, sagt sie. Besonders wichtig sei ihr, dass zwischen all den Paragrafen noch Platz für Menschlichkeit bleibe. „Justiz darf nicht im Geheimen stattfinden“, sagt Kassid.

Im August 2017 klingelte bei ihr schließlich das Telefon. Die Berliner Staatsanwaltschaft würde sie gern kennenlernen. Im Oktober fuhr sie in die Hauptstadt. „Ich war natürlich aufgeregt. Aber hätte mir jemand Akten in die Hand gedrückt, hätte ich sofort mit der Arbeit begonnen“, sagt sie. Im November kam schließlich die Zusage. Seit Mai dieses Jahres ist Jasmin Kassid Staatsanwältin in Berlin.

„Ich habe mich vom ersten Tag an wohlgefühlt“, sagt sie heute, in ihrem Büro, zwischen all den Akten. Besonders der Austausch zwischen den vielen jungen Kollegen gefalle ihr. Wirklich schlimm finde sie in Berlin eigentlich nur den Wohnungsmarkt. „Es fällt auch kein Vermieter vor Begeisterung um, wenn Sie sagen, dass Sie Staatsanwältin sind.“ Aber Jasmin Kassid, die auch einen schwarzen Gürtel in Karate hat und für das deutsche Nationalteam kämpfte, wird auch das meistern.

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