Analyse

Berliner werden älter und brauchen mehr Pflegeheime

Die Zahl der Menschen über 80 Jahre steigt schneller als erwartet. 100 neue Pflegeheime werden benötigt.

Berlin. Die deutsche Gesellschaft altert, das ist nicht neu. Wie sich die Altersstruktur der Bevölkerung entwickelt, gilt als relativ gut vorherzusagen. Dennoch waren die Statistiker des Berliner Senats überrascht, als sie am oberen Ende der Berliner Alterspyramide jetzt deutliche Veränderungen feststellten: Die Zahl der über 80-Jährigen, der sogenannten Hochaltrigen, steigt in der Stadt deutlich schneller als bisher prognostiziert.

Während in allen anderen Altersgruppen die realen Zahlen von 2017 nur um Promille von den Erwartungen der Experten aus dem Jahr 2014 abweichen, sind es bei den Hochbetagten 1,7 Prozent. Die Prognose scheint die „zukünftigen Entwicklungen bei den Hochaltrigen tendenziell zu unterschätzen“, heißt es in einer Analyse der Senatsverwaltung für Gesundheit und Pflege.

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Berlin braucht mehr Pflegeheime

Bis 2030 wird demnach die Zahl der über 80 Jahre alten Berliner von 191.000 im Jahr 2017 auf 260.000 zunehmen. Das wäre ein Plus von 37 Prozent in 13 Jahren. „Die Lebenserwartung ist dann doch schneller gestiegen, als man bisher prognostiziert hat“, sagte Christoph Lang, Sprecher der zuständigen Senatorin Dilek Kolat. Die Sozialdemokratin benennt die sich daraus ergebenden Aufgaben: „Eine derart große Zunahme über einen verhältnismäßig kurzen Zeitraum stellt besondere Anforderungen an die soziale Infrastruktur“, so Kolat. Damit gemeint sind Angebote in der ambulanten Pflege, aber eben auch Pflegeheime und Seniorenwohnungen. Der Bedarf danach wird massiv steigen, je stärker die Gruppe der Hochaltrigen wächst.

Bisher stellt sich die Lage in der Stadt für die Versorgung von alten Menschen noch einigermaßen entspannt dar. 289 Pflegeheime bieten 33.000 Plätze an. Davon sind 29.500 aktuell belegt. Im Landespflegeplan gehen Kolats Beamte aber davon aus, dass bis 2030 42.500 Plätze in Heimen benötigt werden. „Wir brauchen 100 neue Heime“, sagte Sprecher Christoph Lang.

Noch sind private oder gemeinnützige Anbieter aber zurückhaltend mit dem Bau neuer Pflegeheime, obwohl sich mit solchen Häusern vergleichsweise hohe Gewinnmargen erwirtschaften lassen. Aber solange die bestehenden Häuser nicht ausgelastet sind, besteht die Gefahr, auf zusätzlichen Kapazitäten sitzen zu bleiben.

Zuletzt wurden in Berlin vor allem Pflegeheime geschlossen. Prominentester Fall war der Abriss einer „Pro Seniore Residenz“ am Hackeschen Markt. Nach Angaben der Senatsverwaltung verschwanden seit 2014 16 Einrichtungen mit einer Kapazität von fast 1000 Plätzen.

Tendenziell ist also ein Umsteuern nötig, wenn der Anteil der über 80-Jährigen in Berlin von 5,2 auf 6,9 Prozent der Bevölkerung steigt. Denn in einigen Stadtgebieten wird die Alterung massiv durchschlagen. So wird in Steglitz-Zehlendorf im Jahr 2030 jeder Zehnte über 80 Jahre alt sein. Bisher liegt die Quote der Hochaltrigen im Südwesten der Stadt noch bei sieben Prozent (also etwa jeder 14.).

Und auch der Südosten zählt vergleichsweise viele sehr alte Menschen. Treptow-Köpenick liegt heute an der Spitze der Bezirke mit 7,6 Prozent der Bevölkerung über 80. Der Anteil im Südost-Bezirk wird aber nur leicht auf 8,1 Prozent steigen, so die Prognose. Das liegt an der regen Bautätigkeit dort und dem Zuzug vieler jüngerer Familien. An der steigenden absoluten Zahl der Alten ändert diese Relation aber wenig.

Am stärksten dürfte sich Charlottenburg-Wilmersdorf durch den Alterungsprozess verändern. In der City West liegt die Quote der Hochaltrigen noch bei 5,8 Prozent, jeder 17. ist also über 80 Jahre alt. In den nächsten zwölf Jahren steigt der Anteil auf 9,1 Prozent, also wird jeder elfte Charlottenburg-Wilmersdorfer zur Gruppe der Hochaltrigen zählen. Auch in Spandau, Lichtenberg und Reinickendorf werden in wenigen Jahren absolut und auch relativ zur steigenden Gesamtbevölkerung mehr sehr alte Menschen leben als heute.

63 Prozent der Berliner über 80 Jahren sind Frauen

Vergleichsweise selten bleiben die über 80-Jährigen in den Innenstadtkiezen von Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg. Womöglich hängt das damit zusammen, dass viele in hohem Alter eben doch dem Trubel ausweichen und in Außenbezirke ziehen. Oder sie gehören zu den sozial Schwächeren, die nach den Daten der Gesundheitsforscher eben doch seltener als besser gestellte Bürger ein derartig hohes Alter erreichen.

Unter den Hochaltrigen werden auch in Zukunft Frauen die Mehrheit stellen. Während in der Gesamtbevölkerung das Geschlechterverhältnis nahezu ausgeglichen ist, steigt es mit dem Alter an und erreicht derzeit unter den über 80-Jährigen mit 63,4 Prozent ein starkes Übergewicht der Frauen.

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