Kriminalität in Berlin

Shisha-Bars werden zum Brennpunkt

Der Handel mit illegalem Tabak wächst. Experten sehen in Shisha-Bars "Treffpunkte organisierter Kriminalität".

Funke-Report: Einsatzort Shisha-Bar

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Berlin/Hamburg/Essen.  Als die Ermittler die Räume betreten, sieht es aus wie nach einem Mord. Überall kleben rote Flecken, wie Blut. Auf den Fliesen, Plastikboxen und Regalen. In der Ecke lagern 1000-Liter-Tanks mit Glyzerin. Wer Shisha-Tabak herstellt, braucht diese Zutat, um den Tabak feucht zu halten. In Pappkartons liegt geschnittener Tabak, wie hellbraune Papierschnipsel. Die klebrige rote Flüssigkeit überall ist der Aromastoff: Doppelapfel.

Nachbarn waren aufmerksam geworden. Irgendwer hatte die alte Werkstatt hier in einem Wohngebiet im Hamburger Speckgürtel angemietet, aber draußen war nie jemand zu sehen, kein Firmenschild, nichts. Ab und zu verließen Lkw den Hof. Und manchmal roch es stark nach Früchtetee. Irgendwann alarmiert ein Nachbar die Polizei. Der Zoll schaltet sich ein.

Der Verdacht: In dem heruntergekommenen Gebäude wird Shisha-Tabak hergestellt, illegal, am Fiskus vorbei. Über einen längeren Zeitraum observieren Fahnder die alte Werkstatt, hören Handys ab, beobachten die Lieferketten. Dann schlagen sie zu. Derzeit läuft das Verfahren bei der Staatsanwaltschaft in Schwerin. Im Fokus der Fahnder: mehrere Beschuldigte, unter ihnen auch Flüchtlinge aus Syrien und den Palästinensergebieten. Sie sollen in wenigen Monaten 30 Tonnen Shisha-Tabak hergestellt haben. Der Steuerschaden für den Staat: bis zu einer Million Euro.

Eine Branche boomt. Ob Berlin, Essen oder Hamburg – in deutschen Metropolen eröffnen etliche Shisha-Bars neu. In manchen Cafés sitzen Studenten, junge Frauen und Männer, in anderen fast nur Männer aus türkischen oder arabischen Familien. Aus den Schläuchen der Wasserpfeifen steigt dicker Qualm auf, die Bars riechen nach Apfel, Honigmelone oder Kirsche. Je nach Tabakaroma. Die Marken heißen Al Fakher, Mazaya oder True Passion.

Zur jährlichen Shisha-Messe wie zuletzt in Berlin kommen mehrere Tausend Besucher. Erst vor wenigen Wochen ging eine Nachricht um: Shisha-Boom rettet Deutschlands Tabakbauern. 96 Prozent des Anbaus landen irgendwann in einer Wasserpfeife, jedes Jahr fast 5000 Tonnen. Sogar E-Shishas gibt es schon. Doch immer wieder tauchen auch solche Meldungen auf: „Polizei hebt illegale Shisha-Tabak-Küche aus“ – im Juni in Langenfeld bei Düsseldorf, als Ermittler in einer alten Fabrik rund drei Tonnen Tabak und mehrere Fässer mit Aromastoffen beschlagnahmten. Anfang September eskaliert die Lage bei einer Razzia in einer Essener Shisha-Bar, die Polizei setzt Pfefferspray und Schlagstock ein. In Berlin-Kreuzberg fahren in einer Septembernacht 30 Männer mit Autos vor und zertrümmern die Shisha-Bar Smaragd.

Ein Team unserer Redaktion hat mit Zollfahndern, Polizisten, Staatsanwaltschaften und Ordnungsämtern gesprochen, aber auch mit Vertretern der Tabakindustrie und dem Gesundheitsministerium. Wir besuchten Cafés und waren bei Razzien dabei.

Für die Ermittler ist die Shisha-Bar immer häufiger Einsatzort. Der Handel mit illegalem Tabak wächst, in den Cafés herrschen oft gefährliche Sicherheitslücken und einzelne Bars dienen Kriminellen als Treffpunkt.

Illegaler Handel und Herstellung

Als in Deutschland der erste illegale Shisha-Tabak in Umlauf kam, führten Kriminelle die Ware in Konservendosen ein, getarnt als Hummus, und über Häfen wie Rotterdam oder Hamburg. Der Zoll erhöhte die Kontrollen, Täter flogen auf. Jetzt suchen sie neue Wege – und produzieren in Deutschland. Zutaten wie Glyzerin sind leicht zu kaufen, Rohtabak ist steuerfrei. Die Aromastoffe kommen weiterhin meist über Häfen und Flughäfen aus Nahost. „Illegale Fertigungsstrecken“ nennen Zollfahnder die Produktionsstätten, die in Deutschland wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. „In unserem Einsatzgebiet erleben wir, wie Kriminelle in angemieteten Lagerhallen, teilweise sogar in Wohnhäusern, eigene Fertigungsstrecken bauen und dort selbst Shisha-Tabak illegal herstellen“, sagt René Matschke, Leiter der Zollfahndung in Hamburg.

An versteckten Orten mischen die Täter Tabak, Glyzerin, Aromastoffe zu einer klebrigen, oft roten oder gelb-braunen Mischung. „Rotkohl“, sagt ein Ermittler. 2013 ermittelte der Zoll noch in 87 Verfahren zu Delikten im Bereich Wasserpfeifentabak. 2017 waren es 143 Fälle. 1125 Tonnen Shisha-Tabak wurden in dieser Zeit illegal produziert.

Bei Razzien in NRW entdecken die Fahnder im Sommer fast 2500 Kilo unversteuerten Tabak, 22.700 Euro in bar, zudem Maschinen, um gefälschte Verpackungen zu drucken. Beschuldigt sind zwölf Angehörige einer polizeibekannten Familie, auch Jugendliche mischten in dem Geschäft mit. Der Steuerschaden: fast 400.000 Euro. Fünf Luxus-Karossen beschlagnahmen die Zollfahnder als „Tatmittel“. Mit den Autos wurde der Tabak vertrieben.

Auch im Grenzgebiet zwischen Deutschland und Polen beobachten Ermittler Lagerhallen, in denen Rohtabak für Wasserpfeifen aufbereitet wird. Unter den Tätern sind Deutsche, deren Kontakte oft bis in die arabischen Staaten reichen. Die illegalen Produzenten würden immer raffinierter, sagt ein Zollfahnder. „In einer Halle lagert der Rohtabak, in einer anderen fertigen sie den Shisha-Tabak an – und aus einer dritten Halle liefern die Täter die Ware aus.“ Entzerrte Logistik. So verwischen die Kriminellen die Spuren. Und sie umgehen die Steuer. Wer angemeldet produziert, zahlt mindestens 22 Euro pro Kilo.

Vermehrt sind in Deutschland auch Flüchtlinge unter den Tätern, berichten Fahnder und Staatsanwälte. Ein Fall wie der im Hamburger Umland mit den tatverdächtigen Syrern und Palästinensern ist nicht ungewöhnlich. In einem weiteren Verfahren entdeckten Ermittler „Shisha-Fabriken“ in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Im Visier sind 18 Beschuldigte, unter ihnen Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan. Erst am Dienstag durchsuchten Zollbeamte Räume einer syrisch-libanesischen Schmuggler-Bande – und konfiszierten 200 Kilo illegalen Shisha-Tabak.

Manche Flüchtlinge entscheiden sich für den Weg in die Illegalität anstatt monatelang auf Asylbescheid und Arbeitserlaubnis zu warten. Syrer, Afghanen, aber auch Deutsche reizt das schnelle Geld, das das Shisha-Geschäft bringt. Café-Betreiber in Berlin berichten unserer Redaktion, dass immer wieder junge Menschen am Tresen stehen, in ihrer Hand Plastiktüten mit selbst gekochtem Tabak. „Sie bieten ihre Ware für 20 Euro pro Kilo an. Legal im Handel kostet das Kilo 60 Euro“, sagt ein Bar-Besitzer, selbst Syrer. „Aber die Qualität ist miserabel, das Wasser in der Pfeife färbt sich rot.“ Er lehne diese Angebote von illegalen Händlern ab.

Gefährliche Sicherheitslücken

Blaulicht blitzt durch Neukölln, Sonnenallee. Zollbeamte streifen am Tresen einer Bar vorbei, nehmen die Personalien der Besucher auf, kontrollieren Papiere der Besitzer. Auch Marc Gutzeit vom Ordnungsamt ist bei der Razzia dabei. Und gerade schlägt er Alarm.

„Raus! Raus! Raus!“, ruft Gutzeit. Dann geht der Mann vom Ordnungsamt in das Hinterzimmer der Shisha-Bar. Auf Regalen stehen Pfeifen, in der Ecke brennt ein Ofen, um die Kohlestücke für die Wasserpfeifen vorzuglühen. Die Tür des Ofens ist kaputt, nur mit Alufolie abgeklebt. „Nicht einatmen“, sagt Gutzeit. Er hält sein Messgerät für Kohlenmonoxid weit von sich. Es piept im Sekundentakt. Wenn die Werte über 200 liegen, sei man hier nur noch mit Atemschutzmaske sicher. Die Anzeige blinkt bei 228.

Gutzeit reißt alle Fenster auf. „Wenn die Werte nicht sinken, müssen wir das Haus evakuieren.“ Kohlenmonoxid ist unsichtbar, riecht nicht. Und ist trotzdem hochgiftig. Vor Kurzem löste in Bochum ein Alarm in einer Shisha-Bar einen Großeinsatz der Feuerwehr aus. Sechs Gäste waren in Lebensgefahr und mussten ins Krankenhaus. Spezialtrupps mit Atemschutz entdeckten im Keller der Bar mehrere Eimer mit glühenden Kohlestückchen für die Wasserpfeifen.

Treffpunkt für Kriminelle

Kurz vor Mitternacht, Ende September, diesmal in Berlin-Kreuzberg. 30 Männer fahren mit Autos vor, steigen aus, in ihren Händen: Schlagstöcke. Zeugen berichten, dass die Angreifer zuerst die Möbel vor der Tür, dann die Inneneinrichtung zerschlagen. Auch Gäste sollen angegriffen worden sein. Im Berliner Kriminalamt ermittelt das für kriminelle Großfamilien zuständige Kommissariat. Marc Gutzeit vom Ordnungsamt kennt die „Clan“-Szene seit Jahren. Er sagt, dass die Sicherheitsbehörden bei ihren Kontrollfahrten mehrfach Clan-Mitglieder angetroffen haben, die mit Haftbefehl gesucht wurden. In Nordrhein-Westfalen nennt ein Innenpolitiker der FDP einzelne Shisha-Cafés „Rückzugsorte für Halbweltgestalten“.

Für ihre Geschäfte würden organisierte Drogenbosse auch Nachwuchs in den Shisha-Bars rekrutieren. „Kriminelle suchen junge Flüchtlinge als Dealer“, sagt Gutzeit. Die oft schwierige Lebenslage der Menschen aus Syrien oder Afghanistan würde ausgenutzt. Für die Fahnder bei Polizei und Zoll sind Hintermänner häufig unbekannt. Größere Geldwäsche-Verfahren im Zusammenhang mit einer Bar oder einem Café nennt der Zoll nicht. „Wir erkennen, dass die Täter schnell lernen“, sagt der Hamburger Zollfahnder Matschke. Seit den verstärkten Kontrollen etwa von illegalen „Shisha-Tabak-Küchen“ würden viele Kriminelle konspirativer. „Sie verschlüsseln ihre Kommunikation zum Beispiel über Messengerdienste.“

Die Reaktion des Staates

Mit den Shisha-Bars ist es in Deutschland wie mit der Integration von Zuwanderern: Erst interessiert der Staat sich kaum dafür, dann ignoriert er die Probleme und verliert den Blick für die Lebenswelt in Stadtteilen wie Neukölln, Hamburg-Harburg oder dem Essener Norden. Lange rennen die Behörden den Problemen nur hinterher.

Bisher galten für Shisha-Bars nicht die gleichen Gesetze wie für Raucherkneipen oder Gaststätten. Im Prinzip darf überall geraucht und dabei Essen serviert werden. Lange wurden die Öfen nicht überprüft, Abluftanlagen fehlen oft. Jetzt stellen die Regierungen geschockt fest, dass etwas passieren muss – und der Staat versucht durchzugreifen.

Hamburg plant ein Gesetz, das Bar-Betreiber an strenge Auflagen bindet. 2019 soll es verabschiedet werden. Wenige Tage nach dem Kohlenmonoxid-Alarm in Bochum durchsuchten die Sicherheitsbehörden 16 Shisha-Bars in der Ruhrmetropole – drei ließen die Beamten wegen erhöhter Messwerte sofort räumen. Zum Auftakt einer Serie an Razzien schaute NRW-Innenminister Herbert Reul demonstrativ beim Einsatz vorbei. Der CDU-Mann macht Front – vor allem gegen bekannte Familienclans.

Die Shisha-Bar ist zu einem Kampfplatz geworden, in denen der Gesetzgeber mit Gesetzesbrechern um die Macht ringt. Auch der Senat in der Hauptstadt zieht Konsequenzen. Neuköllns Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) will Shisha-Bars am liebsten zu „Sonderbauten“ deklarieren. Für Betreiber würde das bedeuten: Ihre Bar oder ihr Café braucht einen zweiten Rettungsweg, Messanlagen für Kohlenmonoxid und feuerfeste Möbel. Andere Bürgermeister Berlins ziehen jedoch bisher nicht mit.

Nach Information unserer Redaktion setzen Landeskriminalamt und Zoll zudem ein eigenes Ermittlungsteam auf die Kriminalität am Einsatzort Shisha-Bar an. Die gemeinsam geführte „Ermittlungsgruppe Zigaretten“ (GE Zig) soll sich zunehmend auf Shisha-Tabak konzentrieren – auch weil dieser den Zigarettenschmuggel längst ebenbürtig ist.

Die Serie an Razzien schluckt viel Personal – bei Polizei, Zoll und Ordnungsamt. Es sind Nadelstiche der Staatsmacht. Zugleich würden sie aber Wirkung zeigen, sagt Marc Gutzeit vom Ordnungsamt. „Der Kontrolldruck ist hoch, auf dieser Basis müssen wir weiteragieren.“ Und wenn die Ermittler in einem Café nichts entdecken, würden sie immerhin zeigen, dass der Staat präsent sei, sagt ein Beamter. Dass die Polizei nicht wegschaue.

Auch im Essener Stadtteil Borbeck steht ein großes Lager, abgeriegelt gegen Diebstahl durch Stahlgitter, Alarmanlagen, Bewegungsmelder und Videokameras. Der Besitzer liefert Shisha-Tabak auch nach Frankreich und Russland. Die Zollfahnder kontrollieren sein Lager regelmäßig. Beanstandungen: Fehlanzeige. „Wir zeigen, dass sich auch auf legale Weise gute Geschäfte machen lassen“, sagt der Besitzer. Der Mann kommt aus einer Familie mit Herkunft im Libanon.

Info

Eine Shisha ist eine Wasserpfeife arabischen Ursprungs, in der meist Tabak mit einem Aroma (wie beispielsweise Minze, Orange, Vanille, Rose) geraucht wird. Der Rauch wird durch ein mit Wasser gefülltes Gefäß, die sogenannte Bowl, gezogen. Dadurch wird der Rauch gekühlt. Die heutige Form entstand wohl im Ägypten des 16. Jahrhunderts und verbreitete sich in weiten Teilen der arabischen Welt als fester Bestandteil der Kultur. Das gemeinsame Rauchen wird bis heute als Symbol der Gastfreundlichkeit angesehen. Es ist allerdings unbestritten, dass der Konsum negative Folgen für die Gesundheit haben kann. Besondere Gefahren gehen von den hohen Kohlenmonoxidmengen aus, die Raucher inhalieren.

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