Verkehr in Berlin

BVG lässt neue U-Bahnzüge stehen

Die Berliner Verkehrsbetriebe haben 60 neue Wagen gekauft. 20 davon werden aber nicht für den Fahrbetrieb eingesetzt.

Ein U-Bahn-Zug der Baureihe IK

Ein U-Bahn-Zug der Baureihe IK

Foto: BVG, Andreas Rother / BM

Berlin. Bei der Berliner U-Bahn rumpelt es schon seit Wochen mächtig. Verspätungen, Ausfälle und technische Störungen müssen die Fahrgäste auf faktisch allen Linien und an fast allen Tagen ertragen. Vor allem im Berufsverkehr wird es vielfach eng. Die aktuellen Probleme sind vor allem das Ergebnis eines völlig überalterten Wagenparks, bei dem die ältesten Vertreter schon seit 60 Jahren im Einsatz sind. Dennoch verzichten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) derzeit darauf, alle neuen U-Bahnzüge im regulären Betrieb einzusetzen. Nach Informationen der Berliner Morgenpost steht rund ein Drittel der in diesem Jahr neu angeschafften Wagen ungenutzt rum.

Nach Angaben der von BVG-Mitarbeitern gewöhnlich gut unterrichteten Fach-Publikation „Blickpunkt Straßenbahn“ sind aktuell auf der Linie U2 (Pankow–Ruhleben) täglich maximal vier von insgesamt 13 Zügen der neuen Baureihe IK18 eingesetzt.

Erst zum bevorstehenden Fahrplanwechsel am 9. Dezember gestatte „die laufende Personalschulung den freizügigen Einsatz der IK-Züge“ auf der Linie U2, heißt es in der Publikation.

Züge werden für andere Einsatzzwecke benötigt

Die BVG bestätigte auf Nachfrage, dass aktuell nicht alle neuen Züge tatsächlich auch mit Fahrgästen unterwegs sind. Von den bislang in diesem Jahr vom Hersteller Stadler ausgelieferten 60 Wagen der Baureihe IK18 sind demnach 40 auf der Linie U2 im Fahrgastbetrieb im Einsatz. Die übrigen würden allerdings nicht herumstehen, betonte BVG-Sprecherin Petra Reetz, sondern würden für andere Einsatzzwecke benötigt. Als andere Einsatzzwecke nannte sie: Abnahmen und Service, Probebetrieb, Instandhaltung, Reinigung und Fahrschule.

Der Berliner Fahrgastverband Igeb wirft der BVG vor, dass viele neue Züge deshalb ungenutzt im Depot stehen bleiben würden, weil der BVG nicht genügend ausgebildete Fahrerinnen und Fahrer zur Verfügung stünden. „Das ist völlig unverständlich, da es sich bei den neuen Zügen um eine langfristig vereinbarte Lieferung handelt“, beklagt Igeb-Sprecher Jens Wieseke. Bei einer ordentlichen Planung hätte die BVG rechtzeitig Fahrerinnen und Fahrer für die neuen IK-Züge (Spitzname „Icke“) ausbilden können.

Dem widerspricht jedoch die BVG vehement. Die Ausbildung aller rund 200 Fahrerinnen und Fahrer sei abgeschlossen, sagte BVG-Sprecherin Reetz. Momentan würde noch die Ausbildung für weitere Mitarbeiter (beispielsweise Bahnhofs-, und Werkstattpersonale) erfolgen. Neue Zugfahrerinnen und Zugfahrer in Ausbildung würden natürlich zukünftig auch weiterhin geschult.

Anders als im Auto kann ein Fahrer bei der U-Bahn nicht in jeden Zug einfach einsteigen und losfahren. Er benötigt dafür eine Baureihen-spezifische Ausbildung. Diese dauert laut BVG „je nach Vorkenntnissen“ zwischen zwei und fünf Tagen.

Dass im Prinzip mehr neue Züge fahren könnten, belegt allerdings eine andere Aussage in der Stellungnahme der Verkehrsbetriebe. Diese erklärt, dass mit dem Fahrplanwechsel am 9. Dezember die gesamte Linie U2 für IK-Züge freigegeben werde. Es werden „noch einmal deutlich mehr Züge in den Fahrgastbetrieb gehen“, so die BVG.

Viele Mängel bei U-Bahn-Oldtimern zu schwerwiegend

Mit den von Stadler in Pankow gebauten IK-Zügen bekommt die Berliner U-Bahn erstmals seit vielen Jahren Verstärkung. Vor allem aus Kostengründen hatte der Berliner Senat als Eigentümer der BVG es viele Jahre lange unterlassen, neue Züge zu finanzieren. Die BVG ihrerseits versuchte, den Mangel durch die „Ertüchtigung“ ihrer Oldtimer einigermaßen auszugleichen. Dies gestaltete sich zuletzt allerdings immer schwieriger, weil viele Mängel so schwerwiegend waren, dass sie nicht mehr repariert werden konnten.

2012 bekam die BVG grünes Licht, um eine neue Fahrzeug-Serie für ihre Linien U1 bis U4 zu bestellen. Diese werden wegen der im Vergleich zu den Linien U5 bis U9 schmaleren Tunnel auch als Kleinprofil-Linien bezeichnet. Den Auftrag erhielt nach einer europaweiten Ausschreibung der deutsche Ableger des Schweizer Schienenfahrzeugherstellers Stadler. Zunächst lieferte Stadler im Jahr 2015 zwei aus je vier Wagen bestehende Vorserienzüge. 2017 folgten dann elf Züge, die technisch so umgerüstet wurden, dass sie auch auf der Großprofil-Linie U5 fahren können. Fahrgäste monieren allerdings, dass die schmalen Fahrzeuge deutlich weniger Platz bieten als reguläre U-Bahnzüge auf dieser Linie.

Von den 27 bestellten Zügen der Baureihe IK18 sind bisher 15 Züge mit insgesamt 60 Wagen in Berlin eingetroffen. Die übrigen sollen bis Frühjahr 2019 folgen. Dem schließt sich eine weitere Lieferung von 14 Zügen an, die als Ersatz für marode Alt-Fahrzeuge nach Berlin kommen. Laut Reetz musste die U-Bahn aufgrund von Rissen und anderen sicherheitsrelevanten Mängeln bereits 43 der 70 Wagen der 1979 ausgelieferten Baureihe F79 stilllegen.

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