Prozessauftakt

Mordprozess in Berlin: Mit vollem Tempo auf die Kreuzung

Ein 27-Jähriger tötete laut Anklage auf der Flucht vor der Polizei in Charlottenburg eine 22-Jährige. Nun startete der Prozess.

Der zerbeulte Audi A6, mit dem der Angeklagte Milinko P.  am 6. Juni den tödlichen Crash verursachte.

Der zerbeulte Audi A6, mit dem der Angeklagte Milinko P. am 6. Juni den tödlichen Crash verursachte.

Foto: thom / Thomas Peise

Berlin. Es gibt verlesene Erklärungen von Angeklagten, die wirken, als hätte jedes einzelne Wort der Verteidiger geschrieben. Die Erklärung des 27-jährigen Milinko P., am Dienstag vor einem Moabiter Schwurgericht vorgetragen, ist dafür ein klassisches Beispiel.

Milinko P. ist unter anderem wegen Mordes angeklagt. Am 6. Juni dieses Jahres brachen er und zwei Kumpane gegen 21 Uhr in Charlottenburg einen Kleintransporter auf, erbeuteten mehrere Werkzeugkoffer und luden sie in einen Audi A6. Bei der Rückfahrt wurden sie im Bereich der Lewishamstraße/Ecke Stuttgarter Platz von mehreren Polizeiwagen eingekesselt und gestoppt. Die Beamten hätten sich auch lautstark zu erkennen gegeben, heißt es im Anklagesatz.

Milinko P., der am Steuer des Audi saß, fuhr ruckartig zurück, verletzte dabei einen Polizisten und setzte die Flucht fort. Er fuhr bei Rot über eine Kreuzung und „mit einer Geschwindigkeit von bis zu 160 Stundenkilometern“ in eine verkehrsberuhigte Straße, so Oberstaatsanwalt Hans-Jürgen Dorsch. Dabei kollidierte er zunächst mit zwei anderen Fahrzeugen.

Der Angeklagte wollte um jeden Preis entkommen

An der Windscheidstraße/Ecke Kantstraße erfasste der Audi die bei Grün die Straße überquerende Fußgän­gerin Johanna H. Die 22 Jahre alte Studentin schob ein Fahrrad, wurde durch die Luft geschleudert und erlitt schwere Kopfverletzungen. Sie war sofort tot. Milinko P. setzte die Flucht fort, stoppte wenig später das Fahrzeug und versuchte, zu Fuß zu entkommen. An der Pestalozzistraße wurde er schließlich festgenommen. Die beiden Mittäter – zwei Brüder – saßen noch im Wagen. Der 18-jährige Beifahrer Danijel I. wurde bei dem Crash schwer verletzt. Einen Tag später starb er.

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Ankläger Dorsch sieht gleich zwei Mordmerkmale: gemeingefährliche Mittel und Verdeckung einer anderen Straftat. Der Angeklagte sei mit vollem Tempo auf die Kreuzung zugesteuert, obwohl die Ampel auf Rot stand. „Er wollte der Polizei um jeden Preis entkommen, mit dem Gedanken: Alles, was mich bei der Flucht behindert, fahre ich um.“ Er habe also den Tod anderer Menschen billigend in Kauf genommen.

Milinko P.s Erklärung, verlesen von einem Verteidiger, umkurvt diese Mord-Vorwürfe. Er sei Tage zuvor aus dem heimischen Serbien gekommen, weil eine seiner Schwestern in Köln heiraten wollte. Zwischenstation war Berlin, wo er bei einer Cousine übernachtete. In Berlin habe er dann auch Danijel I. kennengelernt, der zu einer befreundeten Familie gehörte. Er habe Danijel I. begleitet, als sich dieser den gebrauchten Audi A6 kaufte. Und er sei auch mitgekommen, als Danijel I. ihn bat, etwas abzuholen. Er sollte fahren, weil Danijel I., wie sich herausstellte, gar keinen Führerschein besaß. Erst sehr spät habe er erfahren, so Milinko P., dass es darum ging, einen Kleintransporter zu plündern. „Ich hatte große Angst“, heißt es. Trotzdem habe er bei dem Diebstahl geholfen.

Angeklagter will Polizisten für "die Mafia" gehalten haben

Als sie vom Tatort wegfuhren, seien sie wenig später ausgebremst und von Autos umringt worden. Mehrere Männer in Zivil seien ausgestiegen, hätten herumgebrüllt und gegen den Audi geschlagen. Es sei nicht zu erkennen gewesen, dass es sich um Polizisten handelte. Danijel I. soll angsterfüllt „das ist die Mafia“ geschrien haben und dass er schnell losfahren solle. Was Milinko P. auch getan habe. Auch bei der dann folgenden Flucht habe Danijel I. immer wieder „schneller, schneller!“ und „Mafia!“ gebrüllt. An einer Kreuzung, die für ihn Rot zeigte, habe er das Gas weggenommen. Danijel I. habe jedoch mit seiner Hand auf seinen rechten Oberschenkel gedrückt, sodass er doch wieder Gas gab und wieder schneller wurde. Dann kam es zum Crash mit den anderen Autos.

Die junge Frau mit dem Fahrrad will Milinko P. nicht bemerkt haben; auch nicht, dass sie getroffen und durch die Luft geschleudert wurde. Seine Erinnerung setze erst wieder ein, als er sich im Krankenhaus befand. „Ich bin sehr traurig wegen Danijel und der jungen Frau“, heißt es in der Erklärung.

Vier Angehörige von Johanna H. treten vor Gericht als Nebenkläger auf. Anwaltlich vertreten wird die Familie durch Gregor Gysi. Johanna H. und seine Tochter hätten sich gekannt, sagt der Linke-Politiker. Die Geschwister hätten zu Ehren von Johanna einen Verein gegründet, der sich um die Angehörigen von Todesopfern kümmern will. Der Prozess wird fortgesetzt.

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