Weihnachtsmärkte

Adventszeit zwischen Pollern, Gitterkörben und Betonblöcken

Der Markt an der Gedächtniskirche ist geöffnet. Die Besucher lassen sich offenbar von den Sicherheitsvorkehrungen nicht abschrecken.

Polizisten stehen an einem der Eingänge zum Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz.

Polizisten stehen an einem der Eingänge zum Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz.

Foto: Reto Klar

Berlin. Aus den Lautsprechern tönt „Last Christmas“, Besucher schlendern mit Glühweintassen und Bratwurst in der Hand von Stand zu Stand, eine Gruppe Touristen lässt sich vor einem großen, leuchtenden Geschenk fotografieren. Wer am Montag über den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche ging, bei dem kann tatsächlich ein wenig vorweihnachtliche Stimmung auf – wenn er denn erst mal die Poller, Stahlgitterkörbe und Betonblöcke hinter sich gelassen hat. Egal, von welcher Seite aus man den Markt betritt, ignorieren lassen sich die umfassenden Sicherheitsvorkehrungen kaum. 2,5 Millionen Euro lässt sich das Land Berlin das Konzept für den Breitscheidplatz kosten. Ein Pilotprojekt, das „einzigartigen Zufahrtsschutz“ gegen Terroranschläge mit Lastwagen bieten soll.

Am Montagabend wurde der Weihnachtsmarkt offiziell vom Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) eröffnet. Bei seinem Rundgang legte Müller einen Halt vor den Stufen vor der Gedächtniskirche ein. Weiße Rosen wurden niedergelegt, zu den anderen Blumen, Kerzen und Bildern, die dort an die Toten des Anschlags vor knapp zwei Jahren erinnern. Müller betonte, das, was auf dem Breitscheidplatz passiert sei, sollte man nicht beiseitewischen. Es sollte sichtbar sein, aber die Menschen trotzdem nicht davon abhalten, ihr freies und offenes Leben weiterzuleben. Die Situation mit den Sicherheitsmaßnahmen sei nicht einfach, so Müller weiter. Im Anschluss könnten aus ihnen aber Erkenntnisse für andere Orte und Großveranstaltungen gewonnen werden.

Erster Vormittag des Markts startet ruhig

Besucher waren bereits seit dem Vormittag auf dem Breitscheidplatz unterwegs – auch, wenn die ersten Stunden sehr ruhig gewesen seien, wie mehrere Händler erzählten. Gedanken machen sie sich aber noch keine – es sei schließlich Monatsende, und der erste Tag starte häufig langsam.

Gisela Kettenus-Mistrali und Gernot Koch zählten zu denen, die schon nachmittags über den Markt schlenderten. Sie habe von Sicherheitsvorkehrungen gelesen, erzählt Gisela Kettenus-Mistrali und betont: „Wir haben ganz bewusst gesagt, wir gehen hierher.“ Die beiden kommen aus dem Hunsrück und sind für eine Woche in Berlin, unter anderem auch, um viele Weihnachtsmärkte zu sehen. Als ersten haben sie sich dabei für den Markt an der Gedächtniskirche entschieden. Es sei schade, findet Kettenus-Mistrali, wenn ein Weihnachtsmarkt so von den Sicherheitsvorkehrungen bestimmt werde. „Innen merkt man es dann aber kaum noch“, ergänzt Koch. Beunruhigen lassen sich die beiden nicht. Die vollkommene Sicherheit gebe es ohnehin nicht, meinen sie. Nirgendwo.

Händler halten dem Markt die Treue

Auch die Händler haben sich wohl nicht verunsichern lassen. Wie Michael Roden, erster Vorsitzender des Schaustellerverbands Berlin, sagt, sei man auch zwei Jahre nach dem Anschlag noch dieselbe Gesellschaft. „Niemand ist weggeblieben“, so Roden. Insgesamt 170 Stände mit Kunsthandwerk, Speisen und Getränken sind auf dem Platz aufgebaut.

Vom Stand von Karola Neye, dem „Harzer Glühweintreff“, kann man die Poller am Eingang sehen. „Ein bisschen beängstigend sieht es schon aus“, sagt sie. Am Stand aber geht das normale Alltagsgeschäft weiter. Neye plaudert und lacht mit Kunden, erzählt von den nächsten knapp sechs Wochen, die sie nun auf dem Weihnachtsmarkt verbringen wird.

„Bis zum nächsten Mal“, verabschieden sich zwei Besucher von ihr. Die Spandauerin hat seit vielen Jahren den „Glühweintreff“ auf dem Breitscheidplatz. Sich einen anderen Weihnachtsmarkt zu suchen, das stand nicht zur Debatte. „Ich will ja meine Kundschaft hier nicht verlieren“, sagt die Geschäftsfrau nur. Entscheidend sei deshalb auch nicht, wie sie den Markt und seine Sicherheitsvorkehrungen findet. „Für die Besucher muss es hier schön sein.“

Zwischen „Jingle Bell Rock“ und „White Christmas“ nehmen sich viele Menschen aber auch Zeit, um einige Momente an dem Mahnmal für die Terroropfer innezuhalten. Sie zeigen auf den goldenen Riss, lesen die Namen der Verstorbenen. Zwei Touristinnen aus Heidelberg bleiben ebenfalls stehen. Traurig finde sie es, dass es hier so viele Sicherheitsvorkehrungen gebe, sagt eine von ihnen. „Aber es muss wohl notwendig sein.“

Auch die Betreiberin der Crêpes-Hütte, die sich direkt neben dem Gedenkort befindet, erzählt, dass viele Besucher dort hinkommen. Sie selbst war bei dem Anschlag dabei. Die umfassenden Sicherheitsvorkehrungen kann sie allerdings nur zum Teil nachvollziehen. Klar, meint die Händlerin, Sicherheit sei wichtig. „Aber man weiß ja auch nicht, was die Leute hier in ihren Koffern haben“, sagt sie und zeigt auf ein Paar, das gerade mit Rollkoffern an ihrem Stand vorbeigeht. Taschen werden auf dem Weihnachtsmarkt nicht kontrolliert.

Ähnlich äußert sich ein Spirituosen-Verkäufer. Positiv findet er es aber, dass zwischen den Ständen nur wenig davon zu spüren ist – und dass die Leute sich davon nicht abhalten lassen. Tatsächlich wird es mit dem Abend auch zunehmend voller. „Ich bin optimistisch, dass es gut wird“, sagt er.

Berliner Weihnachtsmärkte sind eröffnet

Nicht nur an der Gedächtniskirche, sondern auch an vielen anderen Orten in der Stadt sind am Montag die Weihnachtsmärkte offiziell gestartet. Ob am Schloss Charlottenburg, in der Kulturbrauerei oder auf dem Gendarmenmarkt – überall können Besucher nun in vorweihnachtlicher Atmosphäre an den Ständen entlangschlendern. Auch in Spandau wurde der Weihnachtsmarkt in der Altstadt und vor dem Rathausplatz am Montag eröffnet. Zum 45. Mal findet der traditionelle Markt statt, bei dem Besucher rund 200 Stände erwarten, an den Wochenenden sind es noch einige mehr. Auf dem Rathausvorplatz soll derweil die höchste begehbare Weihnachtspyramide der Welt stehen. 30 Meter ist diese hoch. Letztmals wird es wohl auf dem Reformationsplatz an der Nikolaikirche eine Krippe mit lebenden Tieren geben. Als Grund wird die geplante Umgestaltung des Platzes genannt. Die Grünfläche, die für die Tiere notwendig ist, soll es dann nicht mehr geben.

Vor dem Roten Rathaus kann seit Montag wieder Schlittschuh gelaufen werden. Rund um den Neptunbrunnen ist die 600 Quadratmeter große Eisbahn aufgebaut. Sie ist Teil der „Berliner Weihnachtszeit“, zu der außerdem das markante 50 Meter hohe Panorama-Riesenrad gehört. Und dreimal täglich kommt ein Weihnachtsmann auf einem Schlitten mit Rentiergespann über den Neptunbrunnen geflogen. Auf dem Marktgelände sind Altberliner Gassen aufgebaut, die Fassaden zeigen Abbildungen der Häuser, die in dieser Gegend um 1900 standen. In diesen bieten Händler und Handwerker an Ständen ihre Waren an.