Kudamm-Raser

„Erst war er schockiert, später ist auch er losgerast“

Im Mordprozess gegen die Kudamm-Raser sagt die Frau aus, die neben einem der Raser im Mercedes auf dem Beifahrersitz saß.

Der Bundesgerichtshof hat das Urteil gegen die Kudamm-Raser aufgehoben. Die Angeklagten können auf wesentlich mildere Strafen hoffen.

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Berlin. Olesya K. ist auch in der dritten Auflage des Mordprozesses gegen die sogenannten Kudamm-Raser die wichtigste Zeugin. Die 24 Jahre alte Studentin saß am 1. Februar 2016 gegen 0.45 Uhr als Beifahrerin in dem Mercedes CLA des Angeklagten Marvin N. Und sie war dann auch dabei und wurde selber verletzt, als es bei dem Autorennen an der Kreuzung Tauentzien- Ecke Nürnberger Straße zum Crash kam, bei dem der 68-jährige, korrekt bei Grün fahrende Michael Warshitsky sein Leben verlor.

Sie und Marvin N. seien damals befreundet gewesen, berichtet Olesya K. am Montag vor der 32. Großen Strafkammer. Sie hätten ein Bar besucht, beide aber nur alkoholfreie Getränke zu sich genommen. Später wollte Marvin N. sie mit dem Auto nach Hause bringen.

An der Kreuzung am Adenauerplatz gab es dann die verhängnisvolle Begegnung. Der Angeklagte Hamdi H. kam ihnen mit seinem Audi A6 entgegen, wendete und blieb mit seinem Wagen neben ihnen stehen. Zunächst, so die Zeugin, habe es zwischen den beiden Männern nur einen kurzen Blickkontakt gegeben. Sie fuhren gemeinsam los, blieben dann plötzlich mitten auf der Straße stehen, ließen die Scheiben herunter und sprachen miteinander. Olesya K. sagt, sie haben nicht genau verstanden, worum es ging. „Es war ein Small Talk über irgendwelche Leute.“ Sie selbst habe in ein Handy eine SMS an ihre Mutter getippt und teilte ihr mit, dass sie jetzt nach Hause komme. Es wäre ihr aber aufgefallen, wenn die Männer über ein bevorstehendes Rennen und irgendwelche Prämien gesprochen hätten.

Hamdi H. sei dann mit dem Audi zügig losgefahren und habe die nächste Kreuzung – es war der Olivaer Platz – bei Rot überfahren. Auch die darauf folgende Kreuzung – Schlüterstraße – überquerte er bei Rot. Marvin N., erinnerte sie sich, sei beide Male erst bei Grün gefahren. Er habe „schockiert“ reagiert und gefragt: „Warum fährt der denn wie ein Verrückter?“ Nach der Kreuzung Schlüterstraße habe er plötzlich zur Verfolgung angesetzt. Sie habe ihn gebeten, langsamer zu fahren, aber das habe er gar nicht wahrgenommen. „Hätte ich gewusst, dass so etwas passiert, wäre ich doch niemals eingestiegen.“

Olesya K. kann sich nur an zwei Kreuzungen erinnern, die nun auch Marvin N. bei Rot passierte. Dem Protokoll eines Verkehrsgutachters zufolge waren es acht Kreuzungen. Sie weiß noch, dass sie den Audi von Hamdi H. nie aus den Augen verlor. Offenbar muss er, nachdem er die ersten beiden Kreuzungen allein bei Rot überquerte, jedes Mal das Gas zurückgenommen und auf Marvin N. gewartet haben. Quasi eine wiederkehrende Herausforderung, die am Ende ja auch funktionierte. Endgültig aufgeschlossen hatte der Mercedes in Höhe der Gedächtniskirche. Wenig später krachte es.

Olesya K. saß bei der Raserei, die Fahrzeuge erreichten bis 170 Stundenkilometer, total verängstigt und „wie erstarrt“ in dem Mercedes. Sie hatte den Jeep von Michael Warshitsky nicht gesehen. Erst später, im Krankenwagen erfuhr sie, dass ein Mensch zu Tode gekommen war. Sie selbst erlitt Quetschungen und Prellungen. In dem Prozess, der am 28. November fortgesetzt wird, ist sie auch Nebenklägerin.

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