"Tempohomes"

Berlin will Containerdörfer für Studenten nutzen

Neue Planungen im Senat: Die Einrichtungen für Flüchtlinge sollen anders und damit länger genutzt werden - allerdings nicht sofort.

Die "Tempohomes" auf dem Tempelhofer Feld. Das Containerdorf soll schon 2019 wieder abgebaut werden.

Die "Tempohomes" auf dem Tempelhofer Feld. Das Containerdorf soll schon 2019 wieder abgebaut werden.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Berlin hat insgesamt 23 Containerdörfer für Flüchtlinge gebaut, darunter 17 der neueren Generation, genannt „Tempohomes“. Bislang will die Stadt diese mobilen Gebäude nur für drei Jahre genehmigen. Das würde bedeuten, dass man die ersten Container schon 2019 abbauen müsste, die letzten Ende 2020. Dabei stehen drei Anlagen noch komplett leer. Die Container haben Berlin laut Finanzverwaltung 160 Millionen Euro gekostet, allein die Tempohomes 100 Millionen. Doch jetzt setzt ein Umdenken ein.

Zwar hat Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) jüngst Forderungen etwa vom Studentenwerk oder von der grünen Wirtschaftssenatorin Ramona Pop abgelehnt, kurzfristig in den Containern auch Studenten oder Wohnungslose unterzubringen. Aber mittelfristig arbeitet der Senat an einem Strategiewechsel, um die teure Infrastruktur besser auszunutzen.

Einige der Container-Unterkünfte sollen länger stehen bleiben. Sie könnten später auch Studenten oder Wohnungslose aufnehmen oder im Winter von der Kältehilfe genutzt werden, so eine Sprecherin der Sozialsenatorin. Sollten sie abgebaut werden, könnten die Blechkisten selbst an anderen Standorten auch bei Schulsanierungen als Ersatzräume für Lehrerzimmer oder Büros dienen, berichten Insider.

Finanzsenator Matthias Kollatz (SPD) bestätigte der Berliner Morgenpost entsprechende Überlegungen. „Wir sind mitten in der Diskussion“, sagte Kollatz. Der Trend gehe dazu, über sinnvolle Nutzungen über den Ablauf der ursprünglichen Baugenehmigung hinaus nachzudenken. Eine generelle Verlängerung für alle Containerdörfer werde es aber wohl nicht geben. „Es geht um eine Einzelfallbetrachtung“, so der Senator.

Aus dem Haus der Sozialsenatorin hieß es, wo die an den Container-Standorten geplanten Modularen Unterkünfte für Flüchtlinge (MUFs) nicht so schnell wie erwartet entstehen können, würden die Container länger stehen bleiben. Das werde Flüchtlingen Umzüge in andere Stadtteile ersparen. Es gehe aber nur um Einzelfälle. Das sagt auch die Flüchtlings-Expertin der Grünen, Bettina Jarasch. Sie spricht von „einer Hand voll Standorte“.

Die Pläne der Finanzverwaltung reichen jedoch weiter. Eine entsprechende Vorlage ans Abgeordnetenhaus ist in Arbeit. Ein Insider berichtete der Morgenpost, es gehe um zwölf der 17 Tempohomes, die nicht nach dem speziellen Flüchtlingsbaurecht genehmigt wurden. Zu diesen Standorten gehört zum Beispiel die Alte Jakobstraße in Kreuzberg, die Fritz-Wildung-Straße am Stadion Wilmersdorf, die Siverstorp­straße in Karow, die Wollenberger Straße in Hohenschönhausen, die Zossener Straße in Hellersdorf sowie die Anlage auf dem Gelände der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik in Reinickendorf. Diese Standorte könnten künftig auch von Studenten genutzt werden. Untergebracht werden könnten aber auch Wohnungslose oder anerkannte Asylbewerber, die nach Abschluss ihres Verfahrens ebenfalls auf den Wohnungsmarkt drängen.

Containerdorf am Tempelhofer Feld soll schon 2019 abgebaut werden

Während die Senatsverwaltung für Finanzen noch die Nutzungsmöglichkeiten der Notunterkünfte auslotet, scheint sich in einem Fall eine Vorentscheidung abzuzeichnen: Nicht verlängert wird nach bisherigem Stand die Lebenszeit von Berlins größtem Containerdorf am Rand des Tempelhofer Feldes. Die Unterkunft mit mehr als 1000 Plätzen öffnete im Dezember 2017 und dürfte selbst nach dem Flüchtlingsbaurecht bis 2020 in Betrieb bleiben. Der Senat möchte die fast 20 Millionen Euro teure Anlage aber schon 2019 wieder abbauen. Er nimmt Rücksicht auf das Volksgesetz, was die Bebauung des Feldes verbietet. „Da traut sich keiner ran“, heißt es aus Senatskreisen.

Die Nutzungsdauer der Container von drei Jahren ist für die meisten Standorte rein politisch gesetzt. Die rot-rot-grüne Koalition war der Meinung, so Widerstände in den Nachbarschaften zu überwinden. Zudem sei ein Leben in einer Containersiedlung den Geflüchteten nicht allzu lange zuzumuten. Nun hat sich aber gezeigt, dass die Menschen die Dorf-ähnlichen Anlagen ganz gerne mögen. Anders als in vielen Gemeinschaftsunterkünften können sie dort selbst kochen und auch mehr Privatsphäre genießen. Klagen über die Unterbringung an sich gebe es keine, so das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF). Daher wurde auch das Studentenwerk, das mehr als 4000 Studierende auf der Warteliste für seine Wohnheime hat, auf die Unterkünfte aufmerksam.

Die Motivation der Finanzpolitiker für eine längere Nutzung ist klar. Die Container halten viel länger als die politisch gesetzten drei Jahre. Bis zu zehn Jahren Lebensdauer sei möglich, so ein Experte. Den Finanzsenator interessiert, dass die Unterkünfte immer wirtschaftlicher werden, je länger sie belegt sind. Kollatz’ Ziel ist es, mit den reinen Unterkunftskosten zehn Euro pro Kopf und Tag nicht zu überschreiten. Dieser Wert dürfte ohne eine längere Nutzung nicht zu erreichen sein.

Bislang sind die Tempohomes nicht mit voller Kapazität von 4648 Plätzen belegt. In 14 Tempohomes leben 3746 Personen, hinzu kommen die Menschen in sechs älteren Containerdörfern der ersten Generation. An der Buchholzer Straße in Pankow werden nach Angaben der Sozialverwaltung nur knapp 200 der 560 Plätze genutzt. Das Containerdorf hat 11,4 Millionen Euro gekostet. Noch gar nicht bezogen waren bislang die Containerunterkünfte in der Bonhoeffer-Klinik, am Rohrdamm und an der Karl-Marx-Straße, die zusammen mehr als zwölf Millionen Euro gekostet haben. Überall dort läuft schon 2020 die Genehmigung aus.

Die kurze Restlaufzeit führt auch zu Verärgerung unter den Betreibern. Gerade hat das Landesamt den Betrieb von sechs Tempohomes ausgeschrieben, wobei die Vertragslaufzeit offiziell zum Teil schon 2019 endet. So aber sei es nicht möglich, Integrationsarbeit zu leisten, klagt der Manager eines großen Anbieters, der schon monatelang mit dem LAF über den Betreibervertrag für ein leeres Containerdorf verhandelt. Beim Landesamt heißt es, es gebe für alle Verträge auch Bewerbungen und man werde Betreiber finden.

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