Spitzenforschung

„Die Berliner Wissenschaft ist großartig“

Berlin wird weltweit zunehmend als Top-Adresse für Wissenschaft wahrgenommen, sagt Günter Ziegler, Präsident der Freien Universität.

Guenter Ziegler ist Präsident der FU Berlin.

Guenter Ziegler ist Präsident der FU Berlin.

Foto: Amin Akhtar

Über die Erfolge Berlins in der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern und die Bedeutung der geförderten Forschungsprojekte haben wir mit Günter Ziegler, Präsident der Freien Universität Berlin (FU) und Mathematiker, gesprochen.

Berlin hat im Rahmen der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern sieben Forschungscluster eingeworben. Wie stehen wir damit im Vergleich zu anderen Bundesländern da?

Günter Ziegler: Berlin steht sehr gut da, das Ergebnis kann sich wirklich sehen lassen. In Berlin werden mehr Exzellenzcluster gefördert als in Bayern. Die Berliner Wissenschaft ist großartig. Sie ist in den vergangenen 25 Jahren immer besser geworden, aber sie hat ihr Licht unter den Scheffel gestellt.

Die Forschungsprojekte tragen nun das Prädikat exzellent. Was haben die Teams davon – abgesehen von der Millionenförderung?

Eine ganze Menge Rückenwind. Wenn diese Teams gemeinsam forschen, neue Wege gehen, wenn sie sich international weiter vernetzen und Diskussionsforen schaffen, auch in der Öffentlichkeit, dann können sie etwas Wichtiges bewegen. Diese auf sieben Themenfelder konzentrierte Forschung hat den Anspruch, Weltspitze zu sein.

Wie wirkt der Erfolg in die Universitäten hinein? Profitieren auch andere Bereiche, außerhalb der Cluster, davon?

Ja, und um das sicherzustellen, werden wir an der Freien Universität darüber auch noch konkret und in Ruhe sprechen. Die neuen Exzellenzcluster beginnen im Januar. Alle Cluster sind so aufgestellt, dass die gesamte Universität davon profitiert. Sie stellen keine kleinen Think-Tanks dar, sondern sind in den Universitäten verankert. Alle strahlen auch in die an der Freien Universität praktizierte forschungsorientierte Lehre aus. Mir ist besonders wichtig, dass wir die gesamte Universität strukturell weiterentwickeln. Die Freie Universität ist eine sehr große Hochschule mit einem breiten Fächerspektrum, das von Philosophie bis Veterinärmedizin reicht. Mein Anspruch als Präsident ist die Exzellenz aller Fachbereiche. Das hängt nicht notwendig von einem Exzellenzcluster ab.

Und wie profitiert die Stadtgesellschaft von den Exzellenzclustern?

Sie profitiert sehr stark davon, auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Keiner der Cluster ist ein akademisches Elfenbeinturm-Projekt. Der Mathematikcluster etwa wirkt in Wirtschaft und Industrie hinein, der Cluster zum liberalen Skript in politische Debatten. Die Frage, warum Demokratie und liberale Werte angezweifelt und bedroht werden, betrifft ja nicht nur Staaten wie Russland, China oder die Türkei. Wir müssen uns auch fragen, was das mit unserer Gesellschaft in Deutschland zu tun hat. Der Cluster „Temporal Communities“ verfolgt den Anspruch, ein neues Verständnis von Literatur und Literaturwissenschaft in globaler Perspektive zu entwickeln und auszuarbeiten. Das ist aufregend für alle in Berlin, die sich für Literatur interessieren – und das sind viele Menschen. Alle Cluster haben das Ziel, in der Stadt präsent zu sein, Kommunikationsangebote zu machen und aus dem Austausch mit der Stadtgesellschaft zu lernen.

Bleiben wir mal bei dem Cluster zur Bedrohung der liberalen Ordnung. Was nützt uns die Forschung? Ist nicht vielmehr notwendig, diese Bedrohung mit politischen Mitteln zu bekämpfen?

Anders formuliert lautet die Frage: „Wozu brauchen wir Politikwissenschaft? Wir haben doch Politik.“ Darauf gibt es eine klare Antwort: Anspruch der Wissenschaft ist, zu fragen, herauszufinden, zu verstehen und zu erklären. In der Medizin heißt es ja auch „Erst die Diagnose, dann die Therapie.“ Wir sind, auch in Deutschland, in den vergangenen Jahren mit Versuchen, antiliberale Tendenzen politisch zu bekämpfen, auf den Bauch gefallen. Wichtig ist, dass die wissenschaftlichen Akteure und die Politik im Austausch miteinander sind und gemeinsam Perspektiven diskutieren.

Mehrere Cluster werden von mehreren Unis getragen. Es leuchtet ein, dass es sinnvoll ist, Kompetenzen zu bündeln. Aber hat das nicht auch im Gegenzug den Effekt, dass Profil oder Wettbewerb zwischen den Universitäten verloren geht?

Der Wettbewerb zwischen den Universitäten ist und bleibt sehr lebendig und produktiv. Das sage ich mit voller Überzeugung genau zu dem Zeitpunkt, an dem die drei großen Berliner Universitäten und die Charité im zweiten Teil der Exzellenzstrategie einen gemeinsamen Verbundantrag einreichen, um den Status der Exzellenzuniversität zu behalten beziehungsweise ihn zu erlangen. Das ist für alle gut. Ziel des Verbundantrags ist aber auch, ihn so zu gestalten, dass jede Universität dabei ihr Profil schärft. Bei der Entwicklung der Cluster kommen dann die besten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Stadt zusammen. Der Austausch funktioniert. Es gab aber auch Zeiten, da war es geradezu verboten, dass Forschende der einen Universität mit ihren Fachkollegen und -kolleginnen der anderen Universität zusammenarbeiten. Das gibt es längst nicht mehr, und das ist wichtig – für die Wissenschaft und damit auch für die Universitäten und unsere Stadt.

Warum ist es wichtig für eine Hochschule, Exzellenzuniversität zu sein? Ist das nur eine Prestigefrage?

Der Prestigegewinn ist enorm. Das spiegelt sich im nationalen wie auch im internationalen Rahmen wider. Wissenschaft international auf einem Top-Level betreiben zu können, hängt auch davon ab, dass Berlin in Oxford, Princeton, Berkeley oder Harvard als Top-Adresse für Wissenschaft wahrgenommen wird. Und das geschieht zunehmend. Zum Beispiel haben sich die Verantwortlichen in Oxford überlegt, wie sie mit dem Brexit umgehen sollen. Der nächste Impuls war: Dann tun wir uns mit Berlin zusammen und bauen eine Brücke. Und wenn die beste Universität der Welt sagt, unser primärer Partner ist Berlin, dann tut sie das eben, weil Berlin Exzellenzstandort ist und weil das damit verbundene Profil und Renommee der Universitäten weltweit wahrgenommen wird. Das ist wertvoll, möglicherweise wertvoller als die Fördermillionen.

Das hilft auch bei Berufungen?

Ja, natürlich.

In der ersten Runde des Exzellenzwettbewerbs ist quasi in letzter Minute entschieden worden, die Zahl der geförderten Cluster auf 57 erheblich auszuweiten – mit dem Effekt, dass alle Cluster auf etwa 26 Prozent ihres Budgets verzichten müssen. Ist das problematisch?

Ja, das ist es. Ein Cluster, der 26 Prozent weniger Geld zur Verfügung hat, muss sein Konzept ändern. Es stellt sich die Frage: Ist er eigentlich noch der Cluster, der begutachtet wurde? Die Förderentscheidung war kein vollständig wissenschaftsgeleitetes Verfahren mehr, sondern eine politische Entscheidung. Das ist nicht gut. Wenn der Bund ein Viertel mehr Cluster fördern will, muss er das auch finanzieren. Die Länder waren einstimmig bereit, ihren Beitrag der Kofinanzierung zu leisten. Das war ein starkes Signal.

Haben Sie Hoffnung, dass es noch mehr Geld gibt?

Ich bin an sich ja ein optimistischer Mensch, aber hier befürchte ich, das Rennen ist jetzt gelaufen. Die Förderbescheide sind raus. Aber ich hoffe auf eine Lernfähigkeit der Politik für künftige Runden. Was uns jetzt Sorgen macht, sind die nächsten Hochschulpakte. Die müssen ausverhandelt und ausgestattet werden. Sie sind noch wichtiger, und es geht um viel mehr Geld. Die Zeit drängt. Die Verhandlungen müssen im kommenden Frühjahr abgeschlossen sein.

Das Verhältnis zwischen der Landesregierung und den Hochschulen war in der Vergangenheit häufig eher ein angespanntes. Hat sich das geändert oder mahnen Sie mehr Verständnis, mehr Beachtung, vielleicht auch einfach mehr Geld an?

Ja, es hat sich geändert. Wir bekommen die nötige Beachtung und Aufmerksamkeit – das ist erfreulich und macht zuversichtlich. Nach einer langen Durststrecke haben wir im Senat starke Partner, die sich für Wissenschaft in Berlin interessieren und die wissen, wie wichtig die Wissenschaft für Berlin ist. Das ist gut für uns und gut für die Stadt. Wir mahnen aber mehr Geld an, denn das fehlt leider immer noch an zu vielen Stellen.

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