Spitzenforschung

Die Krise der liberalen Demokratie

Politikwissenschaftler erforschen die aktuellen Auseinandersetzungen um die liberale Ordnung aus unterschiedlichen Perspektiven.

Tanja Börzel (FU) und Michael Zürn (Wissenschaftszentrum Berlin) forschen zur liberalen Demokratie.

Tanja Börzel (FU) und Michael Zürn (Wissenschaftszentrum Berlin) forschen zur liberalen Demokratie.

Foto: FU / Bernd Wannenmacher / x

Die liberale Demokratie befindet sich in einer tiefen Krise. Autoritäre Machthaber wie der russische Präsident Wladimir Putin oder der Generalsekretär der kommunistischen Partei Chinas, Xi Jinping, positionieren sich ebenso wie der Islamische Staat (IS) offensiv als Gegenspieler dieses Ordnungsmodells. Zugleich erstarken innerhalb liberaler Gesellschaften rechtspopulistische Bewegungen und Parteien, die die Grundfeste der liberalen Ordnung angreifen. Internationale Netzwerke autoritärer Machthaber und Populisten verbinden diese Akteure. Es ist ein globales Phänomen.

Im Exzellenzcluster „Contestations of the Liberal Script“ (Herausforderungen der liberalen Ordnung) der Freien Universität werden die aktuellen Auseinandersetzungen um die liberale Ordnung aus historischer, globaler und vergleichender Perspektive betrachtet. Fragestellungen lauten etwa, welche Ursachen diese Auseinandersetzungen haben und wie sie sich von früheren Krisen unterscheiden. Welche Auswirkungen ergeben sich für die Demokratie und die globalen Probleme des 21. Jahrhunderts? Kann man die Herausforderer der liberalen Demokratie miteinander vergleichen oder vergleicht man dann „Äpfel mit Birnen“? Mit welchen ökonomischen, kulturellen und politischen Faktoren lassen sich ihre Erfolge bei Wahlen erklären, und treffen diese auch auf andere Länder zu? Welche Verallgemeinerungen sind möglich, und wo liegen die Grenzen der Verallgemeinerung?

„Der Kern des Forschungsteams ist sozialwissenschaftlich orientiert, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Geschichts-, Wirtschafts- und Erziehungswissenschaften sowie Philosophie und Islamwissenschaft erweitern das Profil“, sagt Tanja Börzel, Professorin für Politikwissenschaft an der FU und Sprecherin des Clusters.

Experten für unterschiedliche Weltregionen beteiligt

Viele der beteiligten Wissenschaftler sind Experten für bestimmte Regionen, etwa den Nahen Osten, Lateinamerika oder Osteuropa. Die gegenwärtigen Infragestellungen der liberalen Demokratie sind zwar ein globales Problem, es tritt aber regionalspezifisch auf. „Wir wollen diese Vielfalt, ihre Gemeinsamkeiten und Vernetzungen verstehen.“ sagt Michael Zürn, Direktor der Abteilung „Global Governance“ am Wissenschaftszentrum Berlin und Professor für Internationale Beziehungen an der Freien Universität Berlin, ebenfalls Sprecher des Clusters.

Dazu sollen unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven und Methoden zusammengeführt werden. Der Cluster hat daher institutionelle Partnerschaften mit Universitäten in allen Weltregionen entwickelt. Gleichzeitig setzt er auf eine enge Zusammenarbeit mit Institutionen aus Politik und Kultur in Berlin. Wichtige Partner sind das Auswärtige Amt und das Humboldt Forum. Dort sollen die in den Forschungsprojekten des Clusters entwickelten Perspektiven Gegenstand der ersten Ausstellung des Humboldt-Labors werden. Der Cluster will nicht nur Teil eines globalen Forschungsnetzwerks sein, sondern auch „Knotenpunkt der öffentlichen Debatte um gegenwärtige Krisenerscheinungen der liberalen Demokratie“.

„Wir stellen Wissen bereit, aber wir machen keine direkte Politikberatung“

Die Cluster-Sprecher verstehen sich nicht als „Retter des liberalen Modells“, aber sie haben ein starkes Interesse am Erhalt der liberalen Demokratie und von Werten wie Pluralismus oder Schutz des Individuums. Im Vordergrund steht jedoch die Analyse. „Wir stellen Wissen und Forschungsergebnisse bereit, aber wir machen keine direkte Politikberatung“, sagt Tanja Börzel. Initiiert wird vielmehr ein Laboratorium des Wissensaustauschs zwischen verschiedenen Sektoren: Forschung, Politik, Öffentlichkeit und Kultureinrichtungen wie Humboldt-Forum, Maxim-Gorki-Theater oder Haus der Kulturen der Welt.

„Contestations of the Liberal Script“ ist einer der wenigen sozialwissenschaftlichen Cluster, die sich im aktuellen Exzellenzwettbewerb durchgesetzt haben.

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