Hirnforschung

Neue Erkenntnisse eines Autismus-Experten durch eigenen Sohn

Als Henry Markrams autistischer Sohn geboren wird, ändert sich die Sicht des Hirnforschers auf die Entwicklungsstörung.

Henry Markram, weltberühmter Hirnforscher, mit seinem autistischen Sohn Kai.

Henry Markram, weltberühmter Hirnforscher, mit seinem autistischen Sohn Kai.

Foto: Privat

Das Auto rollte aus, wenige Meter vor ihrem Haus blieb es stehen. Ein junger Mann sprang heraus. Er klappte die Motorhaube auf. „Das darf nicht wahr sein!“, schimpfte er. Kai trat aus dem Vorgarten. Es war Vormittag, ihre Straße lag verlassen da. Kai, seine Eltern und seine beiden Schwestern wohnten auf dem Campus. Selten verirrte sich hier ein Auto her.

„Hallo. Ich bin Kai.“

Der Mann beachtete ihn nicht.

„Fährt dein Auto nicht?“

„Nein“, stieß der Mann aus. Wie sollte er ins Institut kommen? Er würde zu spät kommen. Am Tag des Examens! Er würde durchfallen.

Kai drehte sich um und lief weg, nahm etwas heimlich aus dem Flur.

Der Mann setzte sich wieder in den Wagen, drehte den Zündschlüssel, der Motor ruckelte und erstarb vollends.

Da kam schon wieder dieser Junge. Was zum Teufel wollte er? Er hielt etwas in der Hand.

„Hier“, sagte Kai. „Du kannst unser Auto nehmen.“

Kai liebte die Menschen. Schon als Kind von zwei Jahren wand er sich aus der Hand des Vaters und lief zu den Leuten hin: zu den Passanten, den Alten, die auf den Bänken saßen und sich in der Sonne wärmten. Kai umschlang ihre Beine, ohne etwas zu sagen. Meist erstarrten die Leute. Aber blickten sie nach unten, und sah Kai nach oben, fingen sie an zu lachen. Kai sprach mit den Händen. Und strahlte von innen. Er wärmte die Alten mehr als die Sonne. Bald saßen sie wegen ihm auf den Bänken, dem Jungen, der erst seit Kurzem in Rechovot wohnte.

Kai war in Deutschland auf die Welt gekommen. Das war 1994, und schon als Kai wenige Tage alt war, erkannte sein Vater, Henry Markram, dass Kai anders war. Ständig spürten seine Augen Geräuschen hinterher, als sei er im Alarmbetrieb. „Keine Sorge“, sagten die Ärzte, „alle Tests sind gut.“ Ein Unbehagen blieb. Markram war selbst Arzt, Hirnforscher, er arbeitete am Max-Planck-Institut.

Eines von 68 Kindern ist autistisch

Heute ist er einer der bekanntesten Hirnforscher der Welt. Er gewann Preise, wurde Professor und initiierte ein Projekt, das sich vornahm, das Gehirn nachzubauen. Die EU gab eine Milliarde Euro Fördergeld. Dazu schwang er sich zum Experten für Autismus auf. Seit der Jahrtausendwende, so die US-Gesundheitsbehörde, hat sich die Zahl der autistischen Kinder verdoppelt. Eines von 68. Die Forscher sprechen von einer Epidemie. Nach 15 Jahren der Forschung ist Markram zu Erkenntnissen gekommen, die auf den Kopf stellen, was die Welt über Autisten sagt.

Auch mit drei Jahren wollte Kai kaum sprechen. Ihn trieb unbändiger Bewegungsdrang, er schrie viel. ADHS, vermutete Henry. Doch mit der Zeit wurden die Hinweise klarer. Wurde Kai an den falschen Platz gesetzt, schlug er um sich. Auch der Umgang mit den Menschen änderte sich. Wie früher lief er zu ihnen hin, er sprach sie nun an, wie die Sprachlehrerin es ihn gelehrt hatte, doch seine Worte hatten nicht den Zauber seiner Umarmungen.

Kai, der früher um die anderen kreiste, kreiste nun um sich selbst. Er wird doch nicht ..., dachte sich Henry. Autismus. Ärzte nennen es Entwicklungsstörung. Ihre Ursache ist unbekannt. Sie ist im Erbgut angelegt, ausgelöst wird sie im Mutterleib, etwa durch Medikamente. Es muss aber weitere Faktoren geben. Es gibt Zwillinge, gleiche Gene, und ein Kind ist Autist, das andere nicht. Was nach der Geburt geschieht, spielt eine Rolle. Autisten, so behaupten die alten Bücher, können sich nicht in andere versetzen. Sie ziehen sich zurück, haben Rituale.

Sein eigener Sohn war für ihn ein Rätsel

Jeder Autist ist anders. Man spricht von einem Spektrum. Manche bedürfen der Pflege, andere leben ein eigenständiges Leben. Sie wehren sich dagegen, „gestört“ genannt zu werden. Besonders bekannt ist Asperger, er gilt als milde Form. War Kai einer? Die Ärzte widersprachen. Autisten gehen nicht so auf Menschen zu wie Kai. Er sei ja „hypersozial“. Aber was war es sonst?

Markram nahm eine Auszeit, ein Jahr Amerika. Was weiß die Forschung, und was kommt davon in den Kliniken an? Als das Jahr vorbei war, wusste er, wie weit weg die Forschung vom Leben war. Kai blieb ihm ein Rätsel, im Urlaub trat er zur Kobra eines Schlangenbeschwörers und tätschelte sie. Der Schock hallte lange nach.

Markram reiste mit Kai zu den besten Ärzten der Welt. Endlich die Dia­gnose, Autist. Das hieß damals: Mangel an Empathie, soziale Defizite. Therapie: Gehirn anregen. Aus Markrams heutiger Sicht alles falsch. Ausgerechnet einer der besten Hirnforscher hatte also ein solches Kind bekommen, einer der eine berühmte Methode entwickelt hat, die misst, wie Zellen sich verbinden. Diese Verbindungen bestimmen, wie ein Mensch sich entwickelt. Die bekannteste Entwicklungsstörung: Autismus. Mehr Wissen geht kaum, meint man. Aber dann lernte Henry eine Berliner Studentin kennen, die ihren Doktor machte: Kamila.

Die Verschmelzung von Leben und Lehre

An der Humboldt-Universität hatte sie Philosophie studiert, als der Vortrag eines Biologen ihr Leben veränderte. Sie wurde Biopsychologin, erforschte, wie das Feuern der Neuronen im Kopf das Verhalten lenkt. Sie ging zum Max-Planck-Institut und begegnete Henry. Die beiden verliebten sich, und Kamila lernte Kai kennen. „Das erste Jahr“, sagt Henry, „war Kamila mit blauen Flecken nur so übersät.“ Ja, Kai spuckte, schlug, und meist wusste sie nicht mal, warum. Bei allen blauen Flecken liebte sie diesen Jungen, er kuschelte, er war liebenswert.

Sie begann Fachartikel herunterzuladen, kaufte Bücher und wusste bald so viel über Autismus wie Henry, aber schaute mit anderem Blick darauf, Henry tauchte in die Zellen, sie sah das große Ganze. Sie ergänzten sich, vereinten ihre Stärken. Und Kai brachte in ihre Suche hinein, woran es der Wissenschaft oft fehlt: den ständigen Abgleich mit der Wirklichkeit. Zu dritt gingen sie einen Weg, den in der Autismus-Forschung so noch niemand gegangen war: die Verschmelzung von Leben und Lehre.

Ein Team, bei dem man Anat nicht vergessen darf. Kais Mutter. Sie wohnte in der Nähe. Henry und sie hatten sich schon getrennt, bevor Kamila in ihr Leben trat. Anat war immer für Kai da, sie ermöglichte erst, dass Henry und Kamila Tag und Nacht forschen konnten. Und die alte Lehre infrage stellen. Es gibt ein bekanntes Experiment: In einem Puppenspiel legt die Puppe Sally eine Murmel in einen Korb und geht hinaus. Herein kommt die Puppe Anne, sie sieht die Murmel, nimmt sie aus dem Korb und versteckt sie in einer Schachtel. Als Sally zurückkehrt, werden die Kinder gefragt, wo sie die Murmel suchen wird. Im Korb, sagt das normale Kind. In der Schachtel, sagen fast alle autistischen Kinder. Sie können sich nicht einfühlen, so die Fachwelt.

Autisten leben in einer intensiven Welt

Warum aber habe ich bei Kai das Gefühl, dass er mich durchschaut? Wie schafft er es, Kamila zu piesacken? Wenn er sie ärgern wollte, stellt er sich auf die Bordsteinkante. In vielem verwirrte Kais Verhalten. Dieses Tätscheln der Kobra, dieses Schockerlebnis, sollte zum Ausgangspunkt ihrer Forschung werden: Wo kam so was her?

Nervenzellen können Signale verstärken oder schwächen. Den Impuls, eine Kobra zu tätscheln, sollte ein Gehirn hemmen. Lag hier das Problem? Zellen, die nicht hemmen? Sie machten Versuche mit autistischen Ratten, testeten deren hemmende Hirnzellen, Tag für Tag, über viele Monate. Nichts. Henry wollte hinwerfen, da sagte seine Mitarbeiterin Tania Rinaldi: Was ist denn mit dem Gegenpart? Den Zellen, die Si­gnale verstärken? Volltreffer. Diese waren Hochleistungszellen, unglaublich lernfähig, Signalautobahnen, die Eindrücke rasten nur so. Sie machten viele weitere Versuche, in Zelle und Verhalten, am Ende konnte Henry es kaum fassen: Autisten spürten nicht zu wenig, sie spürten zu viel. Ihr Rückzug war nicht die Störung – er war die Reaktion!

Kai muss in einer ungeheuer intensiven Welt leben, sagte Kamila. So nannten sie es: „Intense World Syn­drome“. Was anderen Freude bereitet, ist für autistische Kinder Qual. Die Stimme der Mutter: ohrenbetäubend, die Lampe: gleißend, das Wolljäckchen: wie Schmirgelpapier. „Wir hätten Kai als Kind zu Hause lassen müssen“, sagt Henry. „Behutsam mit ihm sprechen. Lichter langsam raufregeln. Nie von hinten herantreten. Nur zart berühren.“ Sie aber hatten ihn mit ins Kino genommen, sind mit ihm um die Welt geflogen, Praxen, MRT-Röhren, dazu Medikamente, die das Gehirn anregten. „Wir hatten alles falsch gemacht.“

Eine gefilterte Welt, aber nicht isoliert

Jeder Schmerz brennt sich ein. Die Tiere im Labor vergaßen nicht. So wie Kai nie vergaß, in welchem Zimmer er einst das Salatblatt aß, das Kamila ihm aufgezwungen hatte. Sie fühlten sich schuldig. Und forschten weiter. Sie fanden heraus, dass sich die Ängste und der Rückzug mildern und vermeiden lassen. Ein autistisches Kind sollte in einer gefilterten Welt aufwachsen, nicht isoliert, nicht weggesperrt, das wäre völlig falsch, in einer normalen Welt, aber die Eindrücke gedämpft.

„Kein Computer, kein Fernsehen, keine Knallfarben, keine Überraschungen.“ Wenn dies bis zum Beginn der Schulzeit geschieht, sagt Henry, ist die größte Gefahr gebannt: Dass Teile des Gehirns in eine dauerhafte Überreaktion versetzt werden. Es ist wichtig, das Gehirn zu beruhigen. Und die Welt vorhersehbar zu machen.

Anfangs gab es Kritik, etwa weil die Versuche nur an Tieren erfolgten. Neue Studien stützen aber ihre Theorie. Ärzte aus Toronto und Cleveland stellten bei EEGs mit Autisten fest, dass die Gehirne autistischer Kinder in Ruhe 42 Prozent mehr Informationen verarbeiten müssen. Sie loben die Arbeit der Markrams. Professoren in Harvard raten zum Schaffen von Vorhersehbarkeit. Auch kommen Henrys und Kamilas Erkenntnisse nun bei Betroffenen an. So berieten sie die Macher des Films „Life Animated“, der 2017 für den Oscar nominiert war.

Autisten beeinflussen andere Menschen unterbewusst

Er handelt von einem Kind, dem – gemäß Henrys Empfehlung – seine Rituale gelassen wurden: Disneyfilme schauen. Eines Tages fand sein Vater heraus: Wenn er als Disney-Charakter auftrat, konnte das Kind reden. Er hatte sich in die Welt des Kindes begeben, und so fand er heraus. „Die Leute sagen, Autisten fehlt Empathie“, sagt Henry. „Nein, uns fehlt sie. Für sie.“

Kai lebt heute in Israel. Er ist 24 Jahre alt und arbeitet im Gericht, im Wachschutz. Fachleute haben festgestellt, dass Autisten andere unterbewusst beeinflussen. Wer ihnen begegnet, wird entspannter, sie verändern das Klima in einem Raum. Kai wird nicht betreut, sondern gebraucht. Ist Teil der Gesellschaft. Und wird für sein Anderssein geliebt. Wie damals, als er dem Studenten den Autoschlüssel brachte, als der an ihrer Tür klingelte, die Mutter öffnete:

„Ist das Ihr Schlüssel?“

„Wie?“

„Ihr Sohn hat ihn mir gegeben.“

„Was?? Kai!!“, rief die Mutter. Fünf Minuten später saßen sie vereint im Auto.

„Was würde ich ohne Sie nur machen?“, sagte der Student.

„Danken Sie Kai.“

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