Lehrer und Erzieher

Die meisten Diskriminierungen in Schulen sind rassistisch

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Susanne Leinemann

Erstmals liegen Zahlen für die Hauptstadt vor. Viele Diskriminierungen haben einen rassistischen Hintergrund.

Berlin. In 170 Fällen wurde im Schuljahr 2016/2017 der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie eine Diskriminierung an einer Berliner Schule gemeldet und danach verifziert. Am häufigsten fand sie mit einem rassistischen Hintergrund statt – in 106 Fällen. Dabei wurden Religion, Kultur, Aussehen oder Sprache verunglimpft. In 20 Fällen fand eine Diskriminierung aufgrund einer Behinderung statt, die sexuelle Orientierung spielte in zehn Fällen eine Rolle. Das ergibt sich aus der Anfrage des Grünen-Politikers Sebastian Walter im Berliner Abgeordnetenhaus.

23 der 170 Fälle waren zum Zeitpunkt der Anfrage allerdings noch nicht durch die Antidiskriminierungsbeauftragte der Bildungsverwaltung, Saraya Gomis, bearbeitet. Das habe sich aber inzwischen geändert, sagte Gomis nun auf Nachfrage. Sie sind somit bestätigt.

Es sind häufig Lehrer und Erzieher, die diskriminieren

Interessant ist, dass sich nur in 20 der gemeldeten Fälle Schüler untereinander diskriminiert haben, dagegen in 48 Fällen Lehrer, Sonderpädagogen, Sozialarbeiter oder die Schulleitung beteiligt waren. Bei 60 Meldungen waren „weiteres Schulpersonal“, Jugendämter, Polizei oder außerschulische Bildungsträger die Auslöser für Diskriminierungen. „Lange war in der Öffentlichkeit das Bild bestimmend: Das alleinige Problem sind die Schülerinnen und Schüler untereinander“, sagte Gomis dazu. Das aber entspreche nicht ihrer Erfahrung. Es ist das erste Mal, dass die Meldezahlen zu Diskriminierungen in Berliner Schulen gesondert aufgeführt werden. Vorher bestand die Meldekategorie „Diskriminierung“ noch nicht, Gomis wurde erst 2016 als Beauftragte eingeführt.

Allerdings bleibt offen, wie verlässlich die Zahlen sind, denn die Dunkelziffer ist vermutlich hoch. „Manche sagen, 20 Prozent der Fälle werden gemeldet. Andere sprechen von nur zwei Prozent“, so Gomis. Klar ist aber schon jetzt, dass die Zahlen für das folgende Schuljahr 2017/2018 höher ausfallen werden. Nimmt die Zahl an Diskriminierungen wirklich zu oder sind Schüler, Schulkollegien und Eltern sensibler für das Thema geworden? „Schwer zu sagen. Beides ist wahr“, sagte Gomis. Die Schulen seien auch ein Spiegel der Gesellschaft – und spätestens mit dem Rechtsruck in vielen Ländern Europas sei der Ton rauer geworden.

„Diskriminierung an Berliner Schulen ist ein Alltagsproblem“, sagte auch der Abgeordnete Sebastian Walter (Grüne), der die Anfrage gestellt hatte. „Es muss davon ausgegangen werden, dass die registrierten Fälle nur die Spitze des Eisberges abbilden.“ Tatsächlich wurden für die Anfrage auch unabhängige Diskriminierungsbeschwerdestellen nach ihren Schulfällen gefragt. So kennt die Beratung „Eltern beraten Eltern von Kinder mit und ohne Behinderung e. V.“ einige Fälle, in denen Kinder aufgrund ihrer Behinderung von einer Schule abgelehnt wurden oder nicht an Schulaktivitäten teilnehmen konnten. Und auch „Queerformat e. V“, heißt es, erfahre bei Beratungen in Schulen immer wieder von Diskriminierungen. Häufig werde so etwas nicht sofort gemeldet, sondern in der Regel erst nach einer langen Phase des Aushaltens. Die Beratungsstelle OFEK für jüdisches Leben in der Stadt meldete zwölf Fälle von Antisemitismus – allerdings ist da auch das Jahr 2018 dabei.

Manche dieser Diskriminierungsfälle wurden durch Presseberichte öffentlich. So wurde 2017 in Friedenau ein 14-jähriger Schüler über Monate von Mitschülern aus antisemitischen Gründen gequält, in Tempelhof schritt 2018 die Schulleitung einer Grundschule nicht rechtzeitig ein, als eine Schülerin aus religiösen Gründen bedroht wurde. Zuletzt kam die Johanna-Eck-Schule in Tempelhof in die Schlagzeilen, weil auch hier Diskriminierungen durch das Kollegium stattgefunden haben sollen – unter anderem gegen die Antidiskriminierungsbeauftragte selbst. Teile des Kollegiums bestreiten allerdings diesen Vorwurf.

Antidiskriminierungsstelle wird ausgebaut

Als Konsequenz aus den steigenden Meldezahlen soll die Antidiskriminierungsstelle ausgebaut werden. Doch wie der Ausbau genau aussehen soll, ist unklar. „Die nebulösen Ankündigungen für 2019 reichen nicht aus“, meint Walter. Tatsächlich soll die Antidiskriminierungsstelle die Fälle ja nicht nur registrieren, sondern auch nach Lösungen suchen oder Vergehen zur Ahn­dung bringen. So wurde bei verbeamteten Lehrern vier Mal eine Missbilligung oder ein Verweis ausgesprochen, zwei Mal Geldbußen erhoben und drei Mal in den Ruhestand versetzt.

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