Freizeitjägerin

Warum diese Berlinerin in ihrer Freizeit auf die Jagd geht

Jagen galt lange als ein typisch männliches Hobby, doch immer mehr Frauen in Deutschland machen einen Jagdschein.

Die 30 Jahre alte Freizeitjägerin Sonja-Katharina Wilkening.

Die 30 Jahre alte Freizeitjägerin Sonja-Katharina Wilkening.

Foto: Reto Klar

Berlin. Wir sitzen ganz dicht nebeneinander, auf einem Hochsitz in fünf Meter Höhe, unter uns eine Wolldecke gegen die Kälte. Wir warten auf die Dämmerung. Es ist hier oben ganz still, nur ab und zu hört man aus der Ferne etwas Autolärm. Es fühlt sich an, als seien wir ein bisschen entrückt von der Welt an diesem strahlend schönen Herbsttag, um uns herum leuchtend rot und gelb verfärbte Bäume, die Luft riecht nach Herbst. Ich blicke auf die Wiese, die wir von hier aus überblicken, und das Waldstück dahinter. Ich fühle mich etwas mulmig. Wird heute ein Schuss fallen?

Es ist Dienstag, kurz vor Sonnenuntergang. Neben mir sitzt Sonja-Katharina Wilkening (30), Freizeitjägerin. Ich merke, etwas zu spät, dass es mich tatsächlich überfordern, ja, mitnehmen würde, wenn die junge Frau mit dem Jagdschein hier und heute ein Tier erschießt. In dem 150-Hektar-Revier nahe der Gemeinde Schönwalde in Brandenburg sind im Oktober Wildschweine, Rehe, Dachse, Marderhunde, Waschbären, Füchse und Rotwild zur Jagd freigegeben. Es könnte also gut sein, dass uns etwas vor die Flinte läuft. Wir flüstern, um die Ruhe nicht zu stören. Wildtiere sind schließlich hellhörig.

Wilkening, die in einer Apotheke in Spandau arbeitet, wirkt ruhig, ja schüchtern. Nicht burschikos, aber natürlich. Die pharmazeutisch-technische Angestellte ist seit eineinhalb Jahren Jägerin. Vor uns liegt ihre Waffe, eine Büchse der Marke Steyr-Mandlicher mit Holzverkleidung, die Wilkening gebraucht gekauft hat. Kostenpunkt: 1000 Euro. „Die hat auch einer Jägerin gehört, das hat mich gefreut, weil es nicht so viele von uns gibt”, sagt sie und streicht mit den Fingern über das Holz am Gewehr. Die Sonne geht langsam unter, doch von Wild ist noch keine Spur. Dafür hören wir jede Menge Vogelgeräusche. „Ich glaube, das war eine Bekassine“, sagt Wilkening, als aus der Ferne ein merkwürdiger Meckerlaut erklingt.

Sie fährt fort. Beim Jagen ginge es nicht in erster Linie um das Schießen. „Das ist das Letzte, was man macht. Führende Stücke, also Muttertiere, die noch ihre Jungen säugen, darf man zum Beispiel nicht erschießen. Und natürlich muss sich der Jäger daran halten, welche Tiere gerade zur Jagd freigegeben sind, da gibt es strenge Regeln”, sagt Wilkening. „Außerdem muss das Tier in einem geeigneten Winkel stehen. Und selbst dann bin ich mir nicht sicher, ob ich immer schießen würde.“

Tatsächlich hat Wilkening, Barbour-Cappy, pinke Schnürsenkel in den Jagdstiefeln, schwarzer SUV, erst einen Fuchs erlegt. Das war im Januar, als sie in einem Revier in der Eifel gemeinsam mit einem erfahrenen Jäger in den frühen Morgenstunden einen Ansitz machte. So nennt man das Jagen vom Hochsitz. „Es war fast noch dunkel, als ich an der Waldkante Bewegung sah“, sagt Wilkening. „Der Fuchs setzt sich dann an einen Feldweg und ich hatte ihn gut im Visier. Als ich auf ihn zielte, ging mein Puls durch die Decke“, erinnert sie sich. „Ich war furchtbar aufgeregt.” Wilkening traf das Tier in die Lunge. Ein sauberer Schuss.

Das Jagen ist zum Erhalt der Artenvielfalt unverzichtbar

„Das Gefühl danach ist schwer zu beschreiben. Ich war euphorisch, dass ich gut gezielt hatte und das Tier nicht lange leiden musste. Aber ich habe es auch bedauert, ein anderes Lebewesen getötet zu haben. Vielleicht kann man es Ehrfurcht nennen. Respekt vor diesem Lebewesen, der Natur”, sagt Wilkening, die ein goldenes Kreuz um den Hals trägt. Es wirkt wie ein Widerspruch: Respekt vor einem Tier, das man gerade getötet hat. Wilkening sieht das anders. „Für mich geht es beim Jagen um Tierschutz, darum, das Gleichgewicht der Natur zu erhalten, die sich nicht mehr selbst regulieren kann. Füchse machen zum Beispiel Jagd auf Bodenbrüter. Will man die Artenvielfalt erhalten, kommt man um das Jagen nicht drumherum“, sagt sie.

Ein Standpunkt, den Tierschützer vorsichtig ausgedrückt schwierig finden dürften. Wie reagieren Menschen auf ihr Hobby? Bei neuen Bekanntschaften behalte sie es für sich, dass sie einen Jagdschein hat. Aber ihre Kollegen und Freunde wissen natürlich, dass sie Jägerin ist. „Und die reagieren alle sehr positiv“, sagt Wikening. „Selbst die Vegetarier in meinem Freundeskreis haben es verstanden. Ich finde, sein eigenes Wild zu schießen, ist in jedem Fall humaner, als Fleisch aus Massentierhaltung zu kaufen. Es gibt kaum gesünderes Fleisch.“

Wilkening ist einmal im Monat in Jagdrevieren unterwegs, geht außerdem regelmäßig zum Schießstand, um in Übung zu bleiben. Sie gerät ins Schwärmen, wenn sie von den neuen Hightech-Fernrohren mit Bluetoothfunktion und Windgeschwindigkeitsmesser spricht. Nicht gerade typisch für eine junge Frau aus Berlin.

Was gibt ihr dieses zeitaufwendige Hobby? „Es ist wahnsinnig entspannend und meditativ, auf dem Hochsitz zu sein. Ich kann dabei richtig abschalten“, sagt sie. „Besonders beim Sonnenaufgang ist es eine atemberaubend schöne Stimmung. Ich gehe auch viel aufmerksamer durch die Natur, erkenne die Spuren, die Wildtiere hinterlassen haben. Und ich nehme wahr, wie es der Vegetation geht. In diesem Jahr sieht man zum Beispiel überall, wie trocken der Sommer war. Seit ich Jägerin bin, habe ich ein viel besseres Gespür für die Umwelt.“

Noch sind Frauen wie Wilkening die Ausnahme: Nur sieben Prozent Jagdscheinhalter in Deutschland sind weiblich. Doch laut Zahlen des Deutschen Jagdverbands (DJV) steigt die Zahl der Frauen, die sich zur Jägerin ausbilden lassen, seit einigen Jahren rasant. „In den Vorbereitungskursen zur Jägerprüfung saßen im Jahr 2017 schon 24 Prozent Frauen”, sagt Torsten Reinwald, Sprecher des DJV. „Vor sechs Jahren waren es noch 20 Prozent. Die Tendenz ist stark steigend.“

Viele Frauen kommen über einen Hund zu dem Hobby

Frauen kämen oft über den Hund zur Jagd, so Reinwald. „Tatsächlich ist es relativ verbreitet, dass sich Frauen einen Jagdhund anschaffen, weil sie das Tier schön finden, und dann merken, dass der Hund mehr Reize braucht, nicht ausgelastet ist. Dann lassen sie den Hund ausbilden und entdecken das Jagen als Hobby für sich.” Ebenfalls häufige Motivation für den Jagdschein: Ein intensives Naturerlebnis und der Wunsch, mehr über Wald und Wildtiere zu erfahren.

Wilkening beschreibt sich selbst ebenfalls als sehr naturverbunden. Auf die Idee, einen Jagdschein zu machen, brachte sie ihr Vater, der auch Jäger ist. „Er hat mich vor zwei Jahren angesprochen und gefragt, ob das nicht etwas für mich wäre. Ich war erst skeptisch, ich dachte beim Wort ‚Jäger‘ eher an ältere Herrschaften in Lodenkleidung“, erinnert sich Wilkening. „Aber ich habe dann sehr schnell Freude daran gefunden und wurde gleich sehr herzlich aufgenommen.“

Sie wünscht sich, dass die Jagd keine Männerdomäne bleibt. „Ich fände es toll, wenn noch mehr Frauen sich trauen, den Jagdschein machen.“

Nach einer Dreiviertelstunde auf dem Hochsitz tut sich dann etwas. Wilkening flüstert noch etwas leiser als zuvor, als sie in das Halbdunkel deutet. „Siehst du das Wildschwein?”, sagt sie. Ja, tatsächlich kann ich die Umrisse grob erkennen. Erschießen würde sie das Tier in keinem Fall, sagt Wilkening. „Ich kann es viel zu schlecht erkennen. Ich könnte gar nicht mit Sicherheit sagen, ob es ein männliches oder weibliches Tier ist. Es ist jetzt eigentlich schon zu dunkel, das Zeitfenster für die Jagd ist wirklich schmal.“

In der Dunkelheit erzählt Wilkening dann noch von ihren Erlebnissen bei der Drückjagd. Sie selbst war schon drei Mal bei Gesellschaftsjagden als Treiberin dabei.

„Es ist ein schönes Gefühl, wenn am Ende alles gut gelaufen ist und die Hunde wieder da sind und sich die Jäger am Lagerfeuer versammeln.“ Einmal habe sie dabei auch ein Wild aufgebrochen. „Es ist total beeindruckend, wie perfekt die Organe angeordnet sind“, sagt sie mit versonnenem Gesichtsausdruck. „Ich finde, das Jagen lehrt einem einen tiefen Respekt vor der Natur.“ Die hinterlassen wir heute genau so, wie wir sie vorgefunden haben.

Jagd und Recht

Wer jagen will, braucht einen Jagdschein, den die Jagdbehörde bei der Senatsverwaltung für Umwelt erteilt. Voraussetzung ist eine erfolgreich abgelegte Jägerprüfung, zu der eine Waffenhandhabungs- und Schießprüfung, ein schriftlicher sowie ein mündlicher Teil gehören. Außerdem muss eine Jagdhaftpflichtversicherung abgeschlossen werden. Jugendliche dürfen erst ab 16 Jahren an der Jägerprüfung teilnehmen. Weitere Voraussetzungen sind im Bundesjagdgesetz geregelt.

In Berlin gibt es nach Angaben der Umweltverwaltung etwa 18.200 Hektar Jagdflächen – das ist ungefähr ein Fünftel der Gesamtfläche der Stadt. Für 15.589 Hektar sind die Berliner Forsten zuständig, für die übrigen Jagdgenossenschaften oder Eigentümer von Eigenjagden. Das Jagdausübungsrecht kann der Grundeigentümer selbst ausüben, wenn er einen Jagdschein hat, oder es einem Jäger überlassen.

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