Begrüßungsgeld

Menschen erzählen: So war es das erste Mal im Westen

100 D-Mark Begrüßungsgeld für jeden DDR-Bürger, der in den Westen kam – Was haben sie damit gemacht?

Warten auf das Begrüßungsgeld – Ost-Berliner stehen Schlange vor einer Sparkasse in West-Berlin.

Warten auf das Begrüßungsgeld – Ost-Berliner stehen Schlange vor einer Sparkasse in West-Berlin.

Foto: Norbert Michalke / picture alliance / imageBROKER

Berlin. Mit diesem Ansturm hatte niemand gerechnet. Schon am Tag nach der Maueröffnung standen DDR-Bürger in West-Berlin zu Tausenden an Banken und Sparkassen an, um sich dort das Willkommensgeschenk des Westens abzuholen: 100 D-Mark Begrüßungsgeld, auf die jeder mit einem DDR-Ausweis Anspruch hatte. Die Warteschlangen zogen sich quer durch West-Berlin, der Verkehr brach zusammen, die Banken verlängerten ihre Öffnungszeiten bis in die Nacht. Allein 1989 wurden mindestens 1,85 Milliarden D-Mark ausgezahlt, bis die Regelung am 29. Dezember 1989 endete. Danach konnte nur noch getauscht werden. Ab Juli 1990 gab es mit der Währungsunion die D-Mark für alle.

Was haben die Besucher mit dem Geld gemacht? „Diese Frage habe ich in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder vielen Freunden und Bekannten gestellt – als Antworten kamen immer interessante Geschichten über die damalige Zeit“, sagt Daniela Augenstein. Die ehemalige Sprecherin des Berliner Senats machte ihre Frage diesen Sommer zu einem Projekt. Knapp 50 einstige DDR-Bürger wurden befragt. Manche waren 1989 noch Kinder, andere schon mitten im Berufsleben. Manche hatten schon immer vom Westen geträumt, andere zögerten angesichts des Konsumrauschs, in den ihre Landsleute rund um den Kurfürstendamm und die anderen Geschäftsstraßen West-Berlins verfielen. Einige der Erinnerungen lesen Sie auf dieser Seite.

Texte und Bilder waren als Installation auch auf dem Fest zur deutschen Einheit im vergangenen Oktober zu sehen. Viele Besucher lasen begeistert die Texte – und kamen spontan miteinander ins Gespräch. Wer das nachlesen möchte: Alle Erinnerungen sind auf der Webseite des Projekts zu sehen. Dort gibt es auch einen Kontakt für Menschen, die selbst noch etwas beitragen wollen. „Wir würden das Projekt gern bis zum 30. Jahrestag des Mauerfalls 2019 verlängern“, sagt Augenstein. Noch werden dafür allerdings Förderer gesucht.

Webseite und Info: 100dm.de

„Für uns war die Wende ein absolut positives Ereignis“

Hannah B., 39 Jahre, Berlin: „Meine Geschichte handelt eher davon, wofür ich mein Begrüßungsgeld nicht ausgegeben habe. Ich war neun Jahre alt, und wir fuhren nach West-Berlin zu einem Markt, der vermutlich extra für Ossis war, alles war bunt in Plastik verpackt. An einem Stand gab es Spielzeug, und da lagen ganz viele Telespiele, so eine Art Gameboy mit nur einem Spiel. Ich wusste, dass ich irgendwas von dem Markt kriegen würde, aber selbst damals war mir irgendwie klar, dass so ein Spiel viel zu wertvoll war. Ich hatte im selben Jahr erst ein anderes Telespiel zum Geburtstag bekommen, das meine Eltern für wahnsinnig viel Geld im Intershop gekauft hatten. Es war mein ganzer Stolz.

Ich muss schon sehr lange rumgestanden haben und irgendwann fragte ich die Verkäuferin, was ein Telespiel kostet. Die Frau fragte: „Möchtest du denn gern eins haben?“ Ich nickte. Und sie: „Hier, dann nimm eins! Ich schenke es dir.“ Ich konnte nicht glauben, dass mir diese wildfremde Frau so etwas Wertvolles einfach schenkt. Viel später habe ich erfahren, dass diese Telespiele im Westen gar nicht so teuer waren, aber selbst heute empfinde ich noch eine tiefe Dankbarkeit für diese Frau.

Ich habe die Wende als etwas sehr Positives erlebt, und diese Geschichte hat eindeutig ihren Anteil daran. Der Westen stellte vor allem Möglichkeiten dar, die wir vorher nicht hatten. Meine Eltern waren eher DDR-kritisch, und wir hatten immer ein bisschen das Gefühl, eingesperrt zu sein. Für uns war die Wende ein absolut positives Ereignis.“

„Einen C64-Computer mit Spiel, den haben wir gekauft“

Petra M., 53 Jahre, Berlin: „Ich erinnere mich genau an die Zeit, als wäre es gestern gewesen! Mein damaliger Mann meinte: Wer weiß, wie lange es das Begrüßungsgeld noch gibt! Also zogen wir am Sonnabend nach dem Mauerfall los, zusammen mit unseren Jungs, damals drei und vier Jahre alt. Erster Versuch: Eine Bank in Steglitz – geschlossen. Wir landeten bei einer Bankfiliale am Kudamm, leicht zu erkennen durch die vielen wartenden Menschen davor. Vor der Tür sah mich ein freundlicher Mitarbeiter mit den Jungs und meinte: „Familien mit kleinen Kindern zuerst!“ Am Schalter waren wir überrascht: Was? Den Kindern stehen auch je 100 DM zu?

Nicht weit entfernt winkte das KaDeWe. Ich studierte damals am Institut für Lehrerfortbildung in Potsdam, dort gab es den DDR-Heimrechner Robotron K87, ich hatte Feuer für Computer gefangen. Wir also in die Elektronikabteilung des KaDeWe. Im Angebot: Ein C64-Computer für 333,00 DM – inklusive Kassettenlaufwerk und Spiel. Den haben wir gekauft. Die Kinder bekamen lustige Anspitzer in Form eines Hubschraubers und eines Autos – und natürlich Süßigkeiten. Am Bahnhof Zoo war es eng und voll, aber fremde Männer nahmen unsere Jungs und trugen auf den Schultern hoch bis zur Bahn.

Der C64 half mir, Computer richtig zu verstehen. Damals lernte man ja noch die Computersprache BASIC und schrieb seine Programme selber. Diese Computerkenntnisse haben mir viel geholfen, zum Beispiel, als ich auf Steuerfachangestellte umschulte.“

„Wir fühlten uns wie die letzten dummen Zonis“

Karla R.-M. und Volker M., 80 Jahre, Berlin: „Drei Monate vor Mauerfall haben wir geheiratet. Volkers 18-jähriger Sohn wartete noch die Hochzeit seines Vaters ab und ging kurz darauf, im September 1989, in den Westen. Er wohnte zunächst bei Volkers Bruder in der Eifel, der Onkel hatte ihm dort einen Job besorgt.

Vor dem Jahreswechsel stiegen dann auch wir in unseren Wartburg und fuhren zu Volkers Bruder, zu seinem Sohn, sozusagen zur familiären Wiedervereinigung. Unser Begrüßungsgeld, das wir vermutlich am Bahnhof Zoo abholten, ging wohl gänzlich für den Sprit drauf.

Der Wartburg, wie der Trabi ein Zweitakter, fuhr ja mit einem Benzin-Öl-Gemisch. Das gab es an DDR-Tankstellen natürlich an der Zapfsäule, aber im Westen mussten wir dafür ein Teil Benzin mit einem Teil Zweitakter-Öl in einem großen Pott mischen, mit einem Holzlöffel umrühren und es dann per Trichter in den Tank füllen.

Nach Silvester, als wir unsere Heimreise antraten, sagte Volkers Bruder: „Ihr müsst nicht extra tanken fahren, ich habe noch ganz viel Öl unten in der Garage.“ Und befüllte unseren Wartburg mit seinem hausgemachten Benzin-Öl-Gemisch. Was er ignoriert hatte: Es handelte sich nicht um Zweitakter-, sondern um ganz normales Motorenöl. Das wurde dann an jeder Kreuzung in den Innenstädten deutlich, an jeder grünen Ampel gab es eine Fehlzündung, eine kleine Explosion. Karla versank vor Scham im Boden, weil wir wie die letzten dummen Zonis wirken mussten.“

„Ich hatte mir diese Hose so lange gewünscht“

Andreas Geisel, 52 Jahre, heute Innensenator in Berlin (SPD): „Ich habe zu der Zeit in Dresden studiert. Am 9. November war ich mit Freunden abends aus. Als wir spätabends ins Studentenwohnheim zurückkamen, feierten alle. Als sie uns erzählten, die Mauer sei gefallen, habe ich das so richtig nicht glauben können. Auch am nächsten Tag war ich vormittags ganz ordentlich im Seminar. Aber in den Westen wollten wir dann schon. Nach Berlin natürlich, wohin sonst? Ich bin schließlich Berliner.

Nach einer nächtlichen Zugfahrt lief ich morgens gegen sechs an der Sonnenallee das erste Mal rüber nach West-Berlin. Auf den DDR-Stadtplänen war der Westteil der Stadt ein weißer Fleck, ich wusste also gar nicht, dass die Sonnenallee so elend lang ist! Das Begrüßungsgeld habe ich mir an einer Sparkasse abgeholt. Ich stand neben einem Obst- und Gemüseladen an. In dessen Auslage wirkten sogar die Pflaumen sortiert.

Es war alles so unwirklich. Der Mauerfall war ein lang herbeigesehntes Ereignis. Und als er dann Realität war, sah ich auf der Sonnenallee auch nur Menschen und Häuser, Bäume und Straßen, sogar mit denselben alten Granitplatten wie bei uns. Obwohl die Welt dort doch hätte kopfstehen müssen. Alles war so komisch normal. Ebenso meine erste West-Hose: Bei Karstadt am Hermannplatz kaufte ich mir von meinem Westgeld einige Tage später eine Levi’s 501, mit einem leichten Stonewashed-Effekt. Ja, das war damals modern. Ich hatte mir diese Hose so lange gewünscht. Und als ich sie dann anhatte, war es einfach eine Hose.“

Mehr zum Thema:

Jahrestag des Mauerfalls: So sehr hat sich Berlin gewandelt

„Die Berliner Geschichte hat unglaubliche Symbolkraft“

+++ Berlin-Podcast +++ Diese Woche bei „Molle und Korn“: Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer, in der Folge gab es Begrüßungsgeld: Was kauften die Menschen davon? Außerdem: Berlin sucht einen Feiertag – und der Schienenersatzverkehr bei der S-Bahn

Gelangen Sie hier direkt zum Podcast bei Spotify

Gelangen Sie hier direkt zum Podcast bei Soundcloud

Gelangen Sie hier direkt zum Podcast bei Deezer

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.