Im Gespräch

Senatorin: „Jugendliche wollen gute Perspektiven“

Die Gesundheitssenatorin Dilek Kolat fordert höhere Personalschlüssel in Kliniken und bessere Bezahlung, gerade für Altenpfleger.

Die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) im Interview.

Die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) im Interview.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Ärztemangel, Pflegenotstand, Hebammenengpass. Das Berliner Gesundheitssystem steht vor großen Herausforderungen. Im Interview erklärt Gesundheitssenatorin Dilek Kolat, wie sie die Probleme lösen will.

Frau Kolat, Sie sind Gesundheitssenatorin, nennen sich aber lieber Pflegesenatorin. Was läuft schief in der Pflege?

Dilek Kolat: Es läuft eine ganze Menge schief, größtes Problem ist der Personalmangel – und der ist hausgemacht. Einer der größten Fehler war, dass in den letzten 15 Jahren 30 Prozent der Pflegestellen in den Krankenhäusern abgebaut wurden. Und wegen dieses Stellenrückgangs hat man auch nicht ausreichend ausgebildet. Das rächt sich jetzt. Der zweite Fehler betrifft die Altenpflege. Zwar wurde dort etwas ausgebildet, aber deutlich unter dem Bedarf.

Rührt der Personalmangel nicht eher daher, dass keiner mehr Pfleger werden will?

Nein, diese Ansicht teile ich nicht. Die Ausbildungsplätze, die es gibt, sind besetzt. Anders als etwa im Handwerk. Zudem sagen mir viele Jugendliche, dass sie den Pflegeberuf durchaus attraktiv finden, weil es sie erfüllt, Menschen zu helfen. Aber sie sagen auch, dass die Bedingungen nicht gut sind – sowohl in der Ausbildung als auch später in der regulären Arbeit, etwa wenn sie als billige Arbeitskräfte schon während der Lehre in Nachtschichten eingesetzt werden. Jugendliche wollen gute Ausbildungsbedingungen und Perspektiven, sie wollen im Beruf auch weiterkommen. Da hat das Pflegesystem versagt, das muss sich ändern.

Für die Zukunft mag das gelten, die Probleme sind aber schon jetzt akut. Braucht Berlin mehr Pflegekräfte aus dem Ausland, wie es Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vorschlägt?

Die brauchen wir auch, aber nicht nur. Denn dauerhaft wird es das Problem nicht lösen. Deshalb habe ich mich auch klar gegen diese Idee von Herrn Spahn ausgesprochen. Schlüssel, um aus der Fachkräftemisere herauszukommen, ist und bleibt einzig, mehr junge Menschen auszubilden. Nur so wird sich die Arbeit künftig auf mehr Schultern verteilen und dadurch auch den Beruf wieder attraktiver machen.

Sie haben jüngst bei der Klausur des SPD-Landesvorstandes ein Pflegemanifest präsentiert. Was steht da drin?

Wir sprechen uns erstens für eine nationale Ausbildungsoffensive aus. Dafür braucht es erstens einen bedarfsgerechten Ausbau der Ausbildungskapazitäten und Maßnahmen, um die Ausbildungsbedingungen zu verbessern. Zweitens braucht es eine bessere Bezahlung, besonders für Altenpfleger, die viel weniger verdienen als ihre Kollegen im Krankenhaus. Ich akzeptiere es nicht, dass die Altenpflege als Pflege zweiter Klasse gesehen wird – auch von Herrn Spahn. Um das zu ändern, sprechen Arbeitssenatorin Breitenbach und ich nun mit den Sozialpartnern, also Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Und drittens muss mehr Personal in den Krankenhäusern und Pflegeheimen eingestellt werden. Konkret fordern wir in dem Manifest deshalb verbindliche Personalschlüssel, die regeln wie viele Patienten auf einen Pfleger kommen.

Das setzt Herr Spahn nun ja auch um: Auf Intensivstationen darf sich ein Pfleger künftig nur noch um zwei Patienten kümmern.

Nein. Er hat nur ein Gesetz der letzten Regierung umgesetzt, nämlich Personaluntergrenzen in sogenannten pflegesensitiven Stationen einzuführen. Er hat lediglich für vier Stationen Personaluntergrenzen eingeführt. Das sind aber keine Untergrenzen, das sind Unteruntergrenzen. Er versteht darunter, dass genug Personal da sein muss, damit der Patient nicht stirbt, also Unterkante. Mein Verständnis eines guten Personalschlüssels ist eine bedarfsgerechte Ausstattung der Stationen, und zwar aller. Schon allein, damit es keine Abwanderung der Pfleger zu anderen Stationen gibt. Deshalb kritisiere ich diese Personaluntergrenzen und fordere höhere Personalschlüssel für alle Stationen in den Krankenhäusern. Auch die Pflegeheime brauchen einheitliche Personalzuteilungen, die sind in den Bundesländern sehr unterschiedlich.

Wie wollen Sie das durchsetzen?

Wir haben bereits eine entsprechende Bundesratsinitiative eingebracht und dafür auch im Bundesrat eine Mehrheit bekommen. Herr Spahn hat von uns ganz klar die Aufgabe bekommen, bessere Personalschlüssel zu entwickeln. Er macht es nur bisher nicht.

Wie oft sprechen Sie eigentlich mit ihm?

Wir haben zuletzt auf der Gesundheitsministerkonferenz gesprochen. Er aber hat seine Agenda und ich habe meine.

Auch die Digitalisierung könnte zu einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen führen. Werden wir bald alle von Robotern gepflegt?

Nein, das glaube ich nicht und das hoffe ich auch nicht. Roboter können nicht für Fachkräfte einspringen, Technik kann nur unterstützen, aber nicht Menschen ersetzen. Bei der Pflege geht es auch um Menschlichkeit und Zuneigung. Ich möchte aber die Chancen nutzen, die Start-ups und Facheinrichtungen mit guten Ideen für das Gesundheitswesen in Berlin bieten. Deswegen habe ich die Initiative „Pflege 4.0 -Made in Berlin“ auf den Weg gebracht. Wir wollen so etwa herausfinden, wie Pflegekräfte durch innovative Digitalanwendungen entlastet werden können, etwa in der Dokumentation ihrer Arbeit. Assistenzsysteme und Roboter können auch eine Rolle bei der Entlastung spielen. Ich möchte aber, dass solche Lösungen schon in der Entwicklung in Modellprojekten direkt mit Patienten ausprobiert werden. Es nützt nichts, wenn Wissenschaftler für viel Geld eine Maschine bauen, die später floppt, weil Pfleger, Angehörige und Betroffene sie nicht mögen.

Anderes Thema: In Berlins Krankenhäuser haben sich über die Jahre viele Investitionen angestaut, jetzt gibt es endlich mehr Geld vom Senat. Der Krankenhausverband sagt, dass die Mittelaufstockung von 20 Millionen Euro jährlich nicht ausreicht. Brauchen die Kliniken noch mehr Geld?

Ja, brauchen sie. Wir haben im letzten Doppelhaushalt eine Trendwende hinbekommen und die Mittel von 80 Millionen Euro jährlich auf 140 Millionen Euro erhöht. Für den Ausbau von Kreißsälen – wir haben zum Glück einen Babyboom – haben wir 20 Millionen Euro zur Verfügung gestellt. Das ist aber nur ein erster Schritt. Auf meiner Krankenhaustour habe ich mitbekommen, wie hoch der Bedarf ist. Wir haben immer noch Vierbettzimmer, Nasszellen auf dem Gang, alte Geräte. Wir werden als rot-rot-grüne Regierung hier noch mehr Akzente setzen müssen.

Mehr zum Thema:

Senatorin will bei Ärzte-Verteilung in Berlin mehr mitreden

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.