Theater

Berliner Ensemble führt "Die Verdammten" auf

Regisseur David Bösch bringt Viscontis Filmklassiker ins Berliner Ensemble. „Man soll doch was fühlen“, meint der Künstler.

Theaterregisseur David Bösch sieht sich als Übersetzer von der Leinwand auf die Bühne.

Theaterregisseur David Bösch sieht sich als Übersetzer von der Leinwand auf die Bühne.

Foto: jörg Krauthöfer /Funke MedienGruppe

Berlin. „Da kommt er“, sagt David Bösch lächelnd, „einer, der noch nicht verdammt ist.“ Und trägt seinen Sohn in das Konversationszimmer, so nennt zumindest das Berliner Ensemble diesen Raum, wenige Schritte von der Bühne entfernt. Bösch probt hier gerade sein neues Stück „Die Verdammten“, nach Vorlage des berühmten Films von Luchino Visconti. Kaum hatte man sich wenige Augenblicke zuvor die Hand geschüttelt, fragte Bösch, ob es okay wäre, wenn er sein Kind zum Interview mitbrächte? Kein Problem, hatte man versichert. Nun ist man zu dritt. Und einer hat wirklich gar keine Lust auf ein Gespräch über Theater.

Bösch, die türkisen Turnschuhe lässig gebunden, die Haare deuten in alle Himmelsrichtungen, hat sich viel vorgenommen. „Die Verdammten“ hat Helmut Berger schließlich 1969 in seine Karriere geschubst. Das Melodram war für den Oscar nominiert. Rainer Werner Fassbinder, das erklärt auch Bösch, sei ein riesiger Fan des Films gewesen. Den Stoff auf die Bühne zu heben, kann also nach hinten losgehen: Fans werden den Theaterabend an dem Film messen.

Davor hat er keine Angst, sagt Bösch. „Wir legen andere Schwerpunkte als der Film. Denn der hat eh die Handschrift des großen Künstlers Visconti.“ Klar, man kann weder Großaufnahmen noch das Spiel mit dem Schnitt auf die Bühne hieven. Man muss übersetzen. „Das ist das Interessante: Wie schafft man es, den Plot zu erzählen und gleichzeitig Bilder, die über den Plot hinausgehen?“, fragt er und lässt seine Augenbrauen in die Stirn graben.

Herzfressende Tragik, die vor Pathos nicht zurückschreckt

Filmische Stoffe transferieren ist nichts Neues für ihn. Schon „Das Mädchen aus der Streichholzfabrik“ von Aki Kaurismäki und Stanley Kubricks fiesen Seelenbrecher „Clockwork Orange“ hat er nachgearbeitet. Bilder erzählen, das liegt Bösch eben ziemlich gut. All seine Stücke, Shakespeares „Sommernachtstraum“ etwa oder „Eine Frau“, das auch auf der Bühne am Schiffbauerdamm zu sehen ist, geizen nicht mit Poesie. Bösch hat einen Hang zur herzfressenden Tragik, die auch vor Pathos nicht zurückschreckt. Und vor Tränen. Deshalb wird er gern mal „Regisseur der Emotionen“ genannt. Gleich nach seinem Abschluss in Zürich wurde ihm dieses Etikett zum ersten Mal aufgepappt, 2004.

Bösch, damals als Shootingstar der deutschen Theaterszene umworben, schaffe es, endlich wieder Gefühle auf die Bühne zu kriegen, lautete gemeinhin das Lob der Kritiker. Er locke damit nicht nur Lehrer und ihre gelangweilten Gymnasiasten ins Theater, wenn Shakespeare mal wieder abiturrelevant ist, sondern auch begeisterte Hauptschüler. „Ich habe nie verstanden, dass Theater so viele Metaebenen haben soll. Was mir Theater gegeben hat, ist mich wieder zu finden und eine Art der Katharsis zu erleben“, sagt er. Und dann, ein bisschen leiser: „Man soll doch was fühlen.“ Das sieht er immer noch so. Auch wenn er selbst nun kein Shootingstar mehr ist, dafür aber jemand anderes in seinem Leben.

Der drückt nun kleine Tränen aus seinen Augen, ganz so, als habe er den Appell des Vaters an die Emotion gehört. Ob ihn das gehemmt habe, gleich zu Beginn der Karriere so hofiert zu werden? Immerhin rackert man sich dann nicht bloß an den eigenen Erwartungen ab, sondern auch noch an denen der anderen. „Es hat mich weder beflügelt noch gelähmt“, sagt er dann, etwas zögerlich. „Es ist natürlich toll, wenn man als junger Regie-Anfänger auf Interesse stößt. Das ist ja das Wesentliche an dem Beruf: dass die Dinge, die man so macht, gesehen werden.“

Drama mit Bezug zur Gegenwart, aber ohne Liebesgeschichte

Bei ihm hat das funktioniert. Aber Bösch hat sich zwischenzeitlich auch etwas vom Sprechtheater entfernt, hat Opern inszeniert, Monteverdi, Mozart, Wagner in München. „Theater und Oper befruchten sich gegenseitig. Denn es sind bei beiden unterschiedliche Muskeln gefragt“, erklärt er, während sein Armmuskel gerade mit dem Füttern des Kindes beschäftigt ist. Was er meint, geht in etwa so: Im Theater ist die Arbeit mit Schauspielern fordernder. Ist der Muskel dazu erst trainiert, kann man ihn in der Oper nutzen. In der Oper wiederum gibt es den Muskel, der große Emotionen wie Hanteln stemmt. Ist der gestählt, kriegt man die auch im Theater zustande.

Vielleicht ist das für David Bösch leichter, weil auch sein Vater und Großvater zweigleisig fuhren. Der eine arbeitete als Psychologe und Theologe, der andere als Maurer und Schlachter. Und Bösch? Macht ja eigentlich alles, gebraucht seine Hände und den Kopf. Und der müsste nun eigentlich glühen. Schließlich soll das Stück am heutigen Sonnabend seine Premiere haben – hätte Bösch nicht noch offene Fragen mit seinem ziemlich gut besetzen Ensemble zu klären.

Etwa diese: „Die Geschichte guckt in das Herz der Nationalsozialisten. Natürlich führt das zu der Frage: Muss man auch die Opferseite betonen?“ Bösch zuckt die Achseln. Das Stück folgt einer Industriellenfamilie, die Profit aus dem Faschismus wringt. Das wirft natürlich Anker in die Gegenwart, wo Rechtspopulismus und Antisemitismus wieder diskutiert werden müssen. Auf tragische Liebesgeschichten, die er sonst so gern behandelt, muss das Pu­blikum verzichten. „Hier gibt es nur die Liebe zwischen Menschen und der Macht.“ Das hat ja bereits genug Tragik. Sein Sohn sieht das wohl ähnlich. Der jedenfalls möchte jetzt wirklich nicht mehr Statist des Gesprächs sein, sondern Papas Hauptrolle.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1: Mitte. Tel.: 030 284080. Premiere: 3.11., 19.30 Uhr. Nächste Termine: 4.11., 18 Uhr, 14.11., 19.30 Uhr.