Friedrichshain

Familienunternehmen: Früher Fernmelder, heute Digitaltechnik

Der Berliner Familienbetrieb LAT baut rund um das Gleis. Nun soll für drei Millionen Euro eine neue Firmenzentrale entstehen.

Larissa Zeichhardt führt seit zwei Jahren gemeinsam mit ihrer Schwester Arabelle Laternser die Geschäfte des Friedrichshainer Unternehmens LAT.

Larissa Zeichhardt führt seit zwei Jahren gemeinsam mit ihrer Schwester Arabelle Laternser die Geschäfte des Friedrichshainer Unternehmens LAT.

Foto: Massimo Rodari

Friedrichshain. Auch ein kleiner Familienbetrieb muss sich immer wieder neu erfinden: Larissa Zeichhardt hat in den Büros ihres Unternehmens deshalb das Papier abgeschafft. Sie führt gemeinsam mit ihrer Schwester Arabelle Laternser in Friedrichshain den Funkanlagen-, Verkehrs- und Überwachungstechnik-Spezialisten LAT. Auf den Baustellen sind die Mitarbeiter mittlerweile mit Smartphones unterwegs und auch mit digitalen Klemmbrettern können die Beschäftigten zum Beispiel den Fortschritt von Kabelarbeiten an Gleisanlagen dokumentieren.

Die wohl sichtbarste Veränderung in der Firma soll aber erst im Frühjahr 2019 stattfinden. Dann rücken die ersten Bauarbeiter an der Modersohnstraße an. Dort lässt LAT seine neue Firmenzentrale errichten. Drei Millionen Euro teuer. Aber wohl so viel mehr wert. Auf 2000 Quadratmetern finden dann sowohl die Mitarbeiter aus der Verwaltung als auch Techniker aus der Werkstatt Platz. Einen Teil der Fläche will LAT zudem an Partnerunternehmen vermieten. Larissa Zeichhardt hofft, dass gemeinsame Aufträge dann wegen der kürzeren Wege schneller als bislang abgearbeitet werden können.

Die Auftragsbücher sind seit Jahren gut gefüllt

Der Neubau ist auch eine Reaktion auf die gute Geschäftslage. Wegen der sanierungsbedürftigen Infrastruktur von Schienenunternehmen haben Firmen wie LAT seit Jahren viel zu tun. Die Mitarbeiter müssen etwa neue Kabel verlegen oder digitale Technik einbauen, um die Bahn in Sachen digitaler Weichenstellung auf den neuesten Stand zu bringen.

Einen mittleren zweistelligen Millionenumsatz fährt LAT mittlerweile jedes Jahr ein. Rund 130 Mitarbeiter sind für den Familienbetrieb tätig, dessen Auftraggeber hauptsächlich in der Region Berlin-Brandenburg sitzen. Zuletzt arbeitete das Unternehmen zum Beispiel für die Deutsche Bahn, die S-Bahn Berlin und Siemens. Aber auch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) zählen zu den Kunden von LAT.

Larissa Zeichhardt steht in der Werkstatt des Unternehmens. Auf einem Rolltisch liegen verschiedene Überwachungskameras. Auch mehrere Hundert Busse der BVG rüstet LAT mit der Technik aus. Der Friedrichshainer Betrieb stellt die Technik nicht her, sondern sorgt dafür, dass die Geräte in den Fahrzeugen überhaupt Platz finden. „Wir tüfteln, bis es passt“, sagt Zeichhardt. Das ist – je nach Hersteller des Busses – unterschiedlich aufwendig. Für Kunden rüstet LAT aber nicht nur neue Fahrzeuge aus, sondern übernimmt auch die Wartung.

LAT macht Preiskampf von Wettbewerbern nicht mit

Bei ausgeschriebenen Aufträgen kämpft LAT auch gegen größere Konkurrenten. „Mitunter kommt es vor, dass ein Wettbewerber versucht, mit einem besonders günstigen Angebot, den Zuschlag zu bekommen“, sagt Zeichhardt. LAT allerdings geht den Preiskampf nicht mit – und hat damit immer öfter Erfolg. Vor allem bei Aufträgen mit anschließender Wartung der Technik setzten viele Kunden wegen der kürzeren Wege auf regionale Unternehmen, erklärt die Geschäftsführerin. „LAT ist immer erreichbar und sorgt dafür, dass die Fahrzeuge möglichst schnell wieder fahren können.“

Die 37 Jahre alte Berlinerin ist seit zwei Jahren im Unternehmen tätig. Vor ihrem Einstieg in den Familienbetrieb lebte die zweifache Mutter in Zürich, arbeitete dort als Managerin für den Getränkedosen- und Verpackungshersteller Ball. Gewissermaßen über Nacht musste Zeichhardt der Schweiz den Rücken kehren. Als ihr Vater und LAT-Gründer Heinz Laternser plötzlich verstarb, sprang Larissa Zeichhardt ein. Seitdem führt sie das Unternehmen gemeinsam mit ihrer Schwester Arabelle. Ursprünglich sollte der Job nicht von Dauer sein. Zwei bis drei Monate wollte Zeichhardt aushelfen. Mittlerweile aber hat sie Gefallen an der Arbeit im Familienbetrieb gefunden.

Innerhalb der Firma habe sich der Führungsstil mit zwei Frauen an der Spitze verändert, sagen Mitarbeiter. Häufiger würden die Beschäftigten nun in Entscheidungen miteinbezogen. Als es darum ging, eine App zu finden, mit der auch der Fortschritt auf Baustellen erfasst werden kann, durften die Angestellten mehrere Programme ausprobieren. Erst nach deren Rückmeldung entschied die Geschäftsführung, welche Software den Zuschlag bekommt.

Chefin will Frauenanteil in der Verkehrsbranche steigern

Die LAT-Geschäftsführerinnen wollen derweil auch der eigenen Branche den Spiegel vorhalten. Noch immer sitzen im Verkehrs-Bereich vor allem Männer in den Chefetagen. Zeichhardt hat deswegen vor einem Jahr das Frauen-Netzwerk „Women in Mobility“ in Berlin mitgegründet. „Es ist nachgewiesen, dass die Innovationskraft in gemischten Teams höher ist“, sagt Zeichhardt. Reine Männergruppen hätten häufig zu ähnliche Blickwinkel.

Die LAT-Geschäftsführerin achtet darauf auch bei der Besetzung ihrer eigenen Ausbildungsplätze. Kleinen, familiengeführten Betrieben fällt die Re­krutierung von Azubis aber immer schwererer. Larissa Zeichhardt geht deswegen neue Wege. Dabei setzt die Firmenchefin verstärkt auf Digitalisierung. Interessenten können sich jetzt per App bewerben. Zudem versucht LAT gemeinsam mit anderen Betrieben über ein Internetvideo-Format auf Youtube für Aufmerksamkeit zu sorgen.

Bei allen Neuerungen, auch die Vergangenheit ist bei LAT nach wie vor zu sehen: Im derzeitigen Hauptsitz in der Revaler Straße stehen auf der Fensterbank eines Besprechungsraums alte Fernmeldegeräte. Zeichhardts Vater Heinz Laternser hatte in den Sechzigerjahren eine Ausbildung zum Fernmeldetechniker bei der Bundespost gemacht. Anschließend machte er sich selbstständig. Wenige Jahre später entdeckte er dann Verkehrsunternehmen als Kunden und wechselte die Branche.

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