Ausbildung

3445 Berliner Jugendliche sind noch ohne Lehrstelle

Trotz Fachkräftemangels bilden immer weniger Betriebe Jugendliche aus. Jeder dritte Lehrvertrag wird sogar vorzeitig aufgelöst.

Auszubildende können zwischen immer weniger Betrieben wählen.

Auszubildende können zwischen immer weniger Betrieben wählen.

Foto: picture alliance/Fabrice Michaudeau / picture alliance / PantherMedia

Berlin. In Berlin ist die Zahl der Ausbildungsstellen weiter gestiegen. Ende September waren 15.829 Lehrlingsplätze bei der Arbeitsagentur gemeldet, fast 1000 mehr als noch vor einem Jahr. Die Lehrstellen werden berlinweit allerdings von immer weniger Unternehmen angeboten. Die sogenannte Ausbildungsbetriebsquote sank auf 11,5 Prozent. Bundesweit liegt die Zahl der Betriebe, die Lehrstellen anbieten, deutlich höher – bei 19,8 Prozent.

„Die Entwicklung in Berlin ist besorgniserregend“, sagte Bernd Becking, der Regionalchef der Arbeitsagentur am Dienstag. Viele Unternehmen würden sich noch immer auf die Sogkraft Berlins verlassen, um die nötigen Mitarbeiter zu bekommen. „Wir müssen daran arbeiten, dass wieder mehr Betriebe ausbilden“, erklärte der DGB-Vorsitzende in der Hauptstadt, Christian Hoßbach.

Die Arbeitsagentur sucht dafür unter anderem verstärkt das Gespräch mit den einzelnen Branchen, so Becking. Dabei gebe es auch erste Erfolge. So sei die Zahl der Ausbildungsplätze im Bereich Bau und Gebäudetechnik im Vergleich zu 2017 um 20 Prozent gestiegen. Auch im Einzelhandel und bei Mechatronikern habe es zweistellige Zuwachsraten gegeben, sagte er. Dennoch fällt sowohl den Unternehmen als auch den Bewerbern die Wahl schwer. Bis Ende September hatten sich 22.082 Jugendliche bei der Arbeitsagentur gemeldet, um Unterstützung bei der Suche nach einer Lehrstelle zu erhalten. Laut Statistik sind noch 3445 Bewerber ohne Ausbildungsplatz, 1097 mehr als vor einem Jahr.

Freie Plätze in Fleischereien, Bäckereien und Gebäudereinigung

Demgegenüber stehen 1800 Lehrstellen, die in Ausbildungsbetrieben nicht besetzt sind. Freie Plätze gibt es noch in Fleischereien, in der Systemgastronomie, in Bäckereien und der Gebäudereinigung. Völlig überlaufen sind dagegen Lehrstellen in den Bereichen Kosmetik und Hauswirtschaft. Viele Bewerber seien noch immer unzureichend über die verschiedenen Berufsbilder informiert, so Becking.

Die Lücke zwischen vorhandenen Ausbildungsplätzen und mit Stellen versorgten Jugendlichen habe sich erneut vergrößert, sagte Alexander Fischer (Linke), Staatssekretär in der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales. „Wir können es uns nicht leisten, junge Menschen nicht auszubilden. Diese Investition in die Zukunft des Arbeitsmarktes in unabdingbar, wenn qualifizierte Beschäftigte nicht zur Mangelware werden sollen“, erklärte Fischer. Wenn Schulabgänger nicht in die Warteschleife geschickt werden sollen, müssten sich Unternehmen und Betriebe noch mehr engagieren und mit guten Ausbildungsbedingungen für sich werben, forderte Fischer.

Der Spitzenwert bei der Anzahl der gemeldeten Ausbildungsplätze demonstriere bereits den großen Einsatz der Wirtschaft für die duale Ausbildung, entgegnete Jörg Nolte, Geschäftsführer Wirtschaft und Politik bei der Industrie- und Handelskammer (IHK). Viele Betriebe hätten ihre Einstellungsvoraussetzungen gesenkt, jede dritte Firma bietet seinen Azubis inzwischen Nachhilfe an. „Damit die Bemühungen wirken, müssen bereits in der Schule und am Übergang ins Berufsleben die richtigen Weichen gestellt werden“, sagte Nolte.

Unternehmen bemühen sich um Bewerber

Auch Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) erklärte, dass Unternehmen bereits alle Hebel in Bewegung setzen würden, etwa mit Online-Bewerbungsverfahren, Praktikumsplätzen und mit höheren Ausbildungsvergütungen. „Wir müssen uns aber um die vielen unversorgten Bewerber kümmern. Es ist Aufgabe der Jugendberufsagentur, hier genau zu analysieren und geeignete Unterstützung möglich zu machen“, sagte Amsinck.

Die Opposition im Abgeordnetenhaus sieht dabei auch den Senat stärker in der Pflicht. Berufliche Bildung habe keinen hohen Stellenwert bei Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), kritisierte etwa Maren Jasper-Winter, Sprecherin für berufliche Bildung der FDP-Fraktion. „Wir fordern, die Berufsberatung an Schulen endlich strategisch auszurichten und zum Beispiel mit Ausbildungsbotschaftern die Orientierung zu erleichtern“, so Jasper-Winter. Die Senatorin müsse mehr Mittel für Personal bereitstellen und die Projekte zur Breitbandversorgung an Berufsschulen endlich umsetzen.

Doch selbst, wenn es den Unternehmen gelingt, geeignete Bewerber zu finden, viele Azubis geben schon nach wenigen Wochen wieder auf: 33,6 Prozent der Lehrlingsverträge in Berlin werden vor Ausbildungsende wieder aufgelöst. Dabei ist der Bedarf an qualifiziertem Personal so hoch wie nie. Das zeigen auch die aktuellen Arbeitsmarktzahlen: Die Arbeitslosenquote in Berlin lag im Oktober bei 7,7 Prozent, die Zahl der Erwerbslosen erstmals unter 150.000. Die Zahl der Menschen ohne Job sank damit auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung.

Mehr zum Thema:

So wenige Lehrstellen-Bewerber gab es seit 1994 nicht mehr

Berlin verfehlt die Quote für weibliche Auszubildende

Spahn will duales Studium für Hebammen einführen

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.