Air Berlin

Goodbye Air Berlin: Ein Flugbegleiter erinnert sich

Vor einem Jahr landete in Tegel die letzte Maschine der Airline mit den roten Schokoherzen. Ein Flugbegleiter erinnert sich.

Empfang der letzten Maschine von Air Berlin auf dem Flughafen Tegel.

Empfang der letzten Maschine von Air Berlin auf dem Flughafen Tegel.

Foto: dpa Picture-Alliance / Paul Zinken / picture alliance / Paul Zinken/d

Berlin. Um kurz vor Mitternacht am 27. Oktober des vergangenen Jahres endet die Ära von Air Berlin auf der Parkposition 52 des Flughafens Tegel. „Time to say goodbye“, hallt aus den Lautsprechern des eben aus München gelandeten letzten Fliegers. Im Cockpit muss auch Pilot David McCaleb eine Träne verdrücken. Später wird er über die Momente des letzten Fluges sagen: „Es war ein bittersüßes Erlebnis. Meine Crew war da. Das war eine schöne Sache. Bei der Landung in Berlin haben uns dann Tausende Menschen empfangen. Das werde ich niemals vergessen.“

Tatsächlich haben viele Menschen nicht vergessen, wie Flug AB6210 vor einem Jahr in Tegel empfangen worden ist: Vier Löschfahrzeuge mit Wasserfontänen stehen Spalier, als der letze Air-Berlin-Flieger in Richtung Parkposition rollt. Einige Hundert Mitarbeiter der Airline warten in gelben Warnwesten gekleidet auf die Ankunft, begrüßen Crew und Passagiere mit lauten Sprechchören. Flugbegleiter Mathias Köhler ist bereits einige Stunden zuvor mit dem vorletzten Air-Berlin-Flugzeug aus München in Tegel gelandet. Heute sagt Köhler über die letzten Stunden der insolventen Fluglinie: „Es war unglaublich emotional. Bei vielen Kollegen überwogen Trauer und auch Wut darüber, dass so eine großartige Airline nicht weiterfliegen durfte.“

Wenn Köhler von seiner Zeit in der Air-Berlin-Kabine erzählt, lacht er immer wieder. Fünfeinhalb Jahre flog der gelernte Einzelhandelskaufmann für Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft. „Der letzte Tag von Air Berlin war wie der Abschied von der eigenen Familie“, sagt Köhler. Auf Kurz-, Mittel- und auch Langstrecken war der Berliner unterwegs. Mitunter sei der Job natürlich stressig gewesen. Doch vor allem der Zusammenhalt unter den Kollegen und die Erlebnisse auf den Reisen sind ihm in Erinnerung geblieben. 31 Jahre ist Köhler inzwischen alt. Er hat schon die halbe Welt gesehen: Footballspiel in Los Angeles, Sonnenbaden in Tel Aviv, Tretbootfahren im Mittelmeer. Mathias Köhler ist dankbar.

Flugbegleiter hat den letzten Moment im Video festgehalten

Vor einem Jahr, am Abend des finalen Flugs, steht Köhler in München, Abflughalle, gleich soll das Boarding beginnen. Sein letzter Einsatz für Air Berlin steht bevor. Es ist der vorletzte Flug der Airline aus München nach Berlin. Köhler hat den Moment im Video festgehalten. Um zu zeigen, wie die Stimmung vor dem Abflug war, holt er sein Smartphone aus der Tasche und drückt auf „play“. Die kurze Sequenz zeigt Julia Peukert. Als Pilotin hält sie die Ansprache, bevor das Boarding der Passagiere beginnt. Schon das ist ungewöhnlich. Normalerweise übernimmt den Job nicht das Cockpit-Personal. „Damit es nicht zu emotional wird, machen wir heute business as usual“, sagt Peukert. Alles wie immer also. Im Hintergrund sitzt eine ältere Dame. Mit ihrem weißen Schal wischt die Frau eine Träne nach der anderen aus ihrem Gesicht.

„Die Passagiere sind mit Tränen ein- und auch wieder ausgestiegen“, erinnert sich Mathias Köhler. Als die Maschine losrollt, sitzt Köhler zunächst im Cockpit bei Julia Peukert. Während der Flieger aus der Parkposition geschoben wird, winken Peukert und Köhler aus dem Cockpit heraus vielen Kollegen zu, die extra mit einem Bus herangefahren wurden, um den Flieger verabschieden zu können. Mathias Köhler wird an diese Momente noch lange zurückdenken. „Diese Erinnerungen wird mir auch niemand nehmen“, sagt er heute.

Für viele Mitarbeiter von Air Berlin ist der Tag des letzten Flugs auch eine Art Zeitreise: Große Teile der Belegschaft haben alte Uniformen aus der fast 40-jährigen-Geschichte der Fluggesellschaft angezogen. Mathias Köhler erinnert sich an LTU-Kleidung und auch an Uniformen der Deutschen BA, die bis 2008 dazugehörte. Köhler trägt an diesem Abend Blau: Pullover, Hemd, Stoffhose und Krawatte. Schlicht, nennt Köhler sein letztes Air-Berlin-Outfit.

"Air Berlin war unsere Familie"

Bereits als Kind hat Köhler mit Flugzeugmodellen gespielt. Und auch nach dem Air-Berlin-Aus ist der Berliner der Fliegerei treu geblieben. Seit fast einem Jahr arbeitet er als Flugbegleiter für Easyjet. Der britische Billigflieger hatte nach der Insolvenz die Tegel-Flüge von Air Berlin übernommen. Inzwischen sind 400 frühere Air-Berlin-Mitarbeiter für Easyjet tätig. 220 davon zählen wie Mathias Köhler zum Kabinenpersonal. „Air Berlin war unsere Familie, Easyjet ist wie eine Patchworkfamilie“, erzählt Köhler. Nicht nur einstige Air-Berliner fliegen mittlerweile für die Briten, auch ehemaliges Personal von Ryanair und anderen Airlines hat bei dem neuen Platzhirsch in Tegel angeheuert.

Auch der Pilot des letzten Air-Berlin-Flugs, David McCaleb, sitzt inzwischen für Easyjet im Cockpit. „Der Start bei einer neuen Firma ist für jeden Piloten nicht leicht. Man muss sich erst mal mit den neuen Prozessen vertraut machen. Das ist eine Herausforderung. Aber im Grunde genommen ist es die alte Arbeit“, sagt McCaleb. Doch etwas Wehmut ist geblieben. Auch, weil McCaleb 27 Jahre in den Air-Berlin-Cockpits verbracht hat. Der Flughafen Tegel hat die Pleite inzwischen verkraftet, sagt Chef Engelbert Lütke Daldrup. „Air Berlin hat unzählige Gäste in die Hauptstadt gebracht und die Entwicklung des Berliner Luftverkehrs und damit auch der Flughäfen über Jahrzehnte geprägt. Deshalb war der Abschied emotional,“ so Lütke Daldrup. Neue Airlines hätten aber die Chance ergriffen und so ihre Position gestärkt.

Mathias Köhler wird am heutigen Sonnabend auch an der Party teilnehmen, die frühere Air-Berlin-Kollegen anlässlich des Jahrestags organisiert haben. Köhler kann dem Aus inzwischen sogar etwas Positives abgewinnen. „Outfittechnisch habe ich einen Sprung gemacht“, sagt er und zeigt auf sein Einstecktuch und die Krawatte: Grau-Orange hat das alte Air-Berlin-Blau abgelöst.

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