Israel-Reise

Bildungssenatorin Scheeres spricht mit israelischen Schülern

Die Lehrer und Schüler aus Modi’in - ein kleiner Ort zwischen Jerusalem und Tel Aviv- berichten über ihre Ängste und Probleme.

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD, 5.v.l.) mit Lehrern und Schülern der Maccabim-Reut-Schule

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD, 5.v.l.) mit Lehrern und Schülern der Maccabim-Reut-Schule

Foto: Susanne Leinemann

Manchmal relativieren sich Probleme ein wenig, wenn man weit weg ist. Das gilt auch für Schulprobleme. Es ist der vierte und letzte Tag der Israel-Reise von Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD), an dem sie eine Schule, die Secondary School Maccabim Reut in Modi’in, besucht. Modi’in ist ein kleiner Ort zwischen Jerusalem und Tel Aviv, der erst in den 90er-Jahren gegründet wurde. Das Wachstum ist enorm, lebten hier um 2003 rund 35.000 Menschen, sind es inzwischen bereits 93.500, Tendenz steigend.

Die Schule mit 1855 Kindern hat sich auf den Besuch vorbereitet. Die Direktorin sowie einige Lehrer und Schüler warten in einem Raum, und sie kommen gleich zur Sache. „Israel hat eine sehr komplizierte Vergangenheit und eine sehr komplizierte Gegenwart“, beginnt Direktorin Sarah Bernstein. Es gebe unter den Schülern viel Angst, Wut, Hilflosigkeit. Deswegen unterstütze man die Schule mit dem Programm „Educating for Change“.

Im Kern geht es darum, dass die Schüler das Klassenzimmer als „Safe Room“ erleben, also als sichere Zone, in der sie ihre Gefühle, ihre Meinungen ausdrücken dürfen, ohne gehindert oder beschränkt zu werden. Bernstein erzählt, man habe vor Kurzem einen „Morning Mor“ eingeführt, einen Morgenkreis. „Sie fragen uns nach den Konflikten. Oh, wir haben viele Konflikte“, sagt sie ganz offen. Die Schüler haben jeden Morgen die Möglichkeit, sich denen zu stellen – ob es ein Anschlag im Land ist, von dem man aus der Zeitung erfährt, oder das Problem der besetzten Gebiete.

Herausforderungen finden außerhalb Modi’ins statt

Morgenkreis, aktuelle politische Diskussionen, Mobbing ansprechen – manches klingt für Senatorin Scheeres und ihr Team vertraut. Und so wird das Gespräch schnell dicht und das, obwohl es immer eine Weile dauert, bis alle Fragen vom Deutschen ins Englische übersetzt wurden. „Wir brauchen den Klassenraum als sicheren Raum für komplizierte Gespräche“, sagt die Geschichtslehrerin der Modi’iner Schule.

Das gilt genauso für Berlin, wo in manchen Klassen die Welten aufeinanderprallen, sich manchmal verkanten. So viele Religionen, Nationen, kulturelle Hintergründe habe man, betont Scheeres. „Und wir haben große soziale Unterschiede.“ Reden hilft, um den anderen zu verstehen. Bis dahin scheint die Ausgangslage ähnlich zu sein.

Ist sie aber nicht. Denn hier in der Maccabim-Reut-Schule sind die Konflikte nicht innerhalb der Schülerschaft. Oder anders gesagt: Die Probleme der Schülerschaft sind ganz normale Jugendprobleme. Wer ist beliebt, wer wird gemobbt, wer trinkt womöglich am Wochenende zu viel Alkohol? Die Herausforderungen des heutigen Israels finden außerhalb Modi’ins statt. „Wir leben hier in einer Blase“, bringt es eine Schülerin auf den Punkt.

Viele Schüler haben Angst vor der Armeezeit

Alle Schüler hier sind jüdischen Glaubens, es gibt keine Araber, keine Christen auf der Schule, auch kaum im Ort. Aber nach der Schulzeit kommt die Armeezeit, alle Absolventen machen ihren Dienst an der Waffe, rund 40 Prozent von ihnen, erzählt eine Lehrerin, werden dann in Kampfhandlungen verwickelt. Viele Schüler haben Angst vor dieser Armeezeit, aber sie wollen sich gleichzeitig für ihr Land engagieren, machen zusätzlich häufig auch noch einen Sozialdienst. „Wir wollen ihre Empathie, ihre Toleranz, ihren Respekt vor anderen in der Schulzeit stärken“, sagt die Direktorin. Damit die Schulabsolventen später mit einem gut geeichten moralischen Kompass durch ihr Leben gehen.

Es ist schade, dass die 22 Pädagogen, darunter zehn Berliner Lehrer, in der Schule nicht dabei sind. Sie besuchen zeitgleich für eine zehntägige Fortbildung die „International School for Holocaust Studies“ in Yad Vashem – auch eine Reaktion darauf, dass man unter Berliner Schülern zunehmend mit religiösem Mobbing und Antisemitismus zu kämpfen hat. Doch der Hintergrund dieser Vorfälle ist immer anders.

Mal kommt der Antisemitismus aus einer modernen, rechtsextremen Ecke, mal von muslimischen Schülern, die mit Israelhass aufgewachsen sind. Wer Lehrern also Möglichkeiten aufzeigen will, solche Konflikte zu lösen, kommt um die Aktualität nicht herum. Der Antisemitismus eines Schülers aus libanesischer Familie in Neukölln speist sich eben aus dem Nahost-Konflikt, nicht aus den NS-Rassetheorien der 20er- und 30er-Jahre. Auch deshalb wäre das Gespräch zwischen den Lehrern aus der Schule von Modi’in und aus Berlin so wichtig gewesen. „Ich denke, das werden wir beim nächsten Mal ins Programm aufnehmen“, sagt Scheeres am Ende. Denn klar ist, 2019 wird es wieder eine Fortbildung in Yad Vashem geben. 70 Berliner Lehrer hatten sich dieses Mal, bei der Premiere, um einen Platz beworben. Doch nur zehn konnten mitfahren. Aber nächstes Jahr gibt es wieder die Chance.

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