Gesundheit

Pflegende Angehörige bekommen Hilfe vom Senat

Der Senat verabschiedet ein Strategiepapier. Auch auf Bundesebene will sich Senatorin Dilek Kolat einsetzen.

Viele Pflegebedürftige werden in Berlin von Angehörigen zu Hause versorgt.

Viele Pflegebedürftige werden in Berlin von Angehörigen zu Hause versorgt.

Foto: istock / iStock

Berlin. Es ist Massenphänomen: Rund 160.000 Berliner sind pflegebedürftig, weil sie alt sind, Behinderungen haben oder unter den Folgen von Krankheiten leiden. Gesprochen wird über sie nur selten. Noch seltener aber sind jene Menschen Thema, die sich um sie kümmern, in den meisten Fällen handelt es sich um Angehörige. Denn in Pflegeeinrichtungen oder Altersheimen lebt nur ein kleiner Teil der Bedürftigen, die meisten werden in den eigenen vier Wänden versorgt – von Partnern, Kindern oder anderen Familienmitgliedern. Die Pflege ist für sie oft eine große Belastung, zumal wenn die Betroffenen berufstätig sind, im Zweifelsfall noch eigene Kinder haben, um die sie sich ebenfalls kümmern müssen.

200.000 Berliner pflegen Angehörige zu Hause

Um ihnen besser zu helfen, hat Berlins rot-rot-grüner Senat nun ein gesamtstädtisches Strategiepapier verabschiedet, das Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) am Dienstag vorgelegt hat. Im Kern geht es darum, bestehende Unterstützungsangebote bekannter zu machen und für eine engere Vernetzung der Hilfestellen zu sorgen. Zudem will Kolat auf Bundesebene Verbesserungen herbeiführen, etwa durch einen monetären Verdienstausgleich für Menschen, die im Job kürzertreten.

„Rund 76 Prozent der pflegebedürftigen Berliner werden zu Hause versorgt, so viele wie sonst nirgends in Deutschland“, sagte Kolat. Das sei eine gute Nachricht, grundsätzlich sei der Ansatz „Ambulant vor Stationär“ richtig. Gleichwohl bedeute die ambulante Pflege für viele Angehörige große Einschränkungen, zumal dann, wenn kein externer Pflegedienst bei der Versorgung hilft. Das trifft auf knapp die Hälfte der Pflegefälle zu, die zu Hause und nicht in einem Heim leben, also knapp 60.000 Menschen „Die Zahl derer, die sich um Angehörige zu Hause kümmern, schätzen wir auf rund 200.000 Berliner“, so die Senatorin. „Ihnen wollen wir besser helfen.“

Die Strategie umfasst drei Punkte. Erstens, die Anerkennung der geleisteten Arbeit soll erhöht werden, etwa mit der „Woche der pflegenden Angehörigen“, bei der die Bezirke das Engagement von Pflegenden mit kostenlosen Konzerten würdigen. Zweitens will Kolat die 36 Pflegestützpunkte in Berlin, die von den Kranken- und Pflegekassen und dem Land getragen werden, bekannter machen und enger mit Ärzten, Apotheken und Wohnungsbaugesellschaften verzahnen. Drittens sollen digitale Angebot wie Apps und Software für Ärzte und Beratungsstellen ausgebaut werden, um so etwa die Kommunikation zwischen Pflegebedürftigen und Medizinern zu verbessern.

Viele Probleme lassen sich nur auf Bundesebene lösen

Kolat plädiert deshalb für eine Pflegevollversicherung. Bislang übernehmen die Krankenkassen nur einen Teil der anfallenden Kosten, Angehörige und Bedürftige müssen viel selbst bezahlen. Zudem will sich die Senatorin dafür einsetzen, dass Angehörige einen finanziellen Verdienstausgleich bekommen, wenn sie etwa ihre Eltern zu Hause pflegen, zum Beispiel durch die Einführung von Pflegezeit analog zur Elternzeit.

Letzterem stimmt auch Thomas Seerig (FDP) zu. „Mehr Anerkennung bringt gar nichts“, sagt er. „Es braucht finanzielle Erleichterungen.“ Tim Zeelen (CDU) sieht das ähnlich, sagt aber auch: „Auf Landesebene könnte Berlin etwa bei BVG und BSR Modellprojekte einführen, die pflegenden Angehörigen entsprechende Teilzeitregelungen erlaubt.“ Zudem verweist er darauf, dass das Phänomen nicht allein auf Erwachsene beschränkt sei. Laut einer Senatsantwort auf eine parlamentarische Anfrage Zeelens kümmern sich auch 11.000 Kinder und Jugendliche um Angehörige.

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