Bildung

Gegen Hass auf Schulhof: Berliner Lehrer reisen nach Israel

Erstmals reist eine Gruppe Berliner Lehrer zur Fortbildung in die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

Die Datenbank der Gedenkstätte umfasst vier Millionen der im Holocaust ermordeten Juden – rund zwei Drittel der Opfer

Die Datenbank der Gedenkstätte umfasst vier Millionen der im Holocaust ermordeten Juden – rund zwei Drittel der Opfer

Foto: Nir Alon / picture alliance / ZUMAPRESS.com

Viele Lehrer haben, genauso wie die Schüler, Herbstferien. Aber nicht die zehn Berliner Lehrer, die jetzt gerade zehn Tage im Oktober in Jerusalem sind. Zusammen mit zwölf Pädagogen, die in Berlin und Brandenburg in NS-Gedenkstätten und in der Jugendarbeit tätig sind. Sie alle nehmen bei einer Fortbildung in Yad Vashem teil, dem großen Gedenkort der Shoa in Israel, der hoch oben auf dem Mount Herzl liegt.

Auf Anregung der Morgenpost Kooperation geschlossen

Dass es zu dieser Fortbildung endlich kommt, hat eine Vorgeschichte. Denn es ist das erste Mal. Im Mai 2016 musste die Senatsbildungsverwaltung eingestehen, dass zwar damals elf von 16 Bundesländern eine Kooperation mit der „International School for Holocaust Studies“ (ISHS) in Yad Vashem vereinbart hatten, doch das Land Berlin und seine Pädagogen waren nicht dabei. Die Berliner Morgenpost hakte daraufhin nach, in der Senatsbildungsverwaltung gab man sich zerknirscht. Irgendwie sei das bislang auf der Leitungsebene kein Thema gewesen, gab man zu. Und machte aber auch klar, dass man das schleunigst ändern werde. Wenige Monate später konnte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) verkünden: Wir haben Yad Vashem kontaktiert, wir kommen zusammen.

Und nun sind die ersten 22 Lehrer und Pädagogen tatsächlich vor Ort, anfangs begleitet von der Senatorin Scheeres. Es ist erst der vierte Tag im Land, doch es ist schon klar, diese Fortbildung wird den Blick verändern. Die teilnehmenden Lehrer und Pädagogen unterrichten Berliner Schüler ganz verschiedenen Alters – von der Grundschule bis zur Oberstufe. Grundschule? Shoa? Ist das nicht zu früh? „Wir haben bei uns in der Schule viele muslimische Schüler“, erzählt eine Lehrerin. Schon in der dritten Klasse erlebe sie bei manchen Israelhass – und damit Judenhass. Doch in dem jungen Alter könne man noch etwas bewirken, könne verändern. Je älter die Schüler würden, desto mehr verfestigten sich Vorurteile.

Aber, sagen alle Lehrer hier fast einhellig, es wäre falsch, zu sagen, dass nur überwiegend muslimische Schüler antisemitisch aufträten. Allgemein sei an Berliner Schulen das Problem mit Ausgrenzungen und religiösem Mobbing groß. So steht eine Lehrerin vor der Herausforderung, dass bei ihr immer wieder Rechtsradikale vor dem Schultor lauern, um Schüler abzufangen, so dass Judenhass so zum Problem werden kann.

Sandra Scheeres, die Bildungssenatorin, begleitet die Gruppe für zwei Tage und hört sich an, was die Lehrer und Pädagogen zu sagen haben. „Wir wissen alle, dass wir in den Berliner Schulen ein Problem haben“, spricht sie am Kennenlernabend die Lehrer beim ersten Zusammentreffen bei einem Glas Wein direkt an. Sie hält sich danach zurück, hört zu, nimmt auf. Auch für sie ist es der erste Israelbesuch.

Es zeigt sich schnell, diese Fortbildung ist alles andere als rückwärtsgewandt. Die Shoa, die NS-Verbrechen, das jüdische Sterben und Überleben stehen zwar im Mittelpunkt, aber gleichzeitig erleben die Pädagogen die Stadt Jerusalem, das heutige israelische Leben. Es wird einem klar, wie jung dieses Land ist, im wahrsten Sinne des Wortes. Nach dem Sabbat sind Jerusalems Straßen gefüllt von Jugendlichen, die in Bars und Cafés ausgehen. Zu sehen, wie verschiedene Religionen hier auf so engem Raum aufeinandertreffen, all das prägt.

Gestern und heute. Das nimmt einen Grundgedanken von Yad Vashem auf, einem Ort, an dem immer wieder – trotz des millionenfachen Sterbens europäischer Juden – gezeigt wird, es gibt ein Weiterleben. Die Berliner Lehrer werden viele Bilder, viele Anregungen von hier mitnehmen, das ist schon jetzt klar. Und sie haben zum ersten Mal das Gefühl, nicht so allein mit ihrem historischen Engagement zu sein, so allein vor den Schülern zu stehen. „Wir können uns jetzt vernetzen“, sagt ein Lehrer. Auch wenn, was die Geschichtslehrer nicht müde werden zu betonen, eine Stunde Geschichtsunterricht in der Woche eine komplexe historische Vermittlung kaum zulasse.

Und was sagt Scheeres? „Es ist richtig, was wir machen. Man merkt sofort, wie die Lehrer und Gedenkstättenpädagogen über ihre Vermittlungskonzepte reflektieren.“ Was wichtig ist, denn jeder Schülerjahrgang muss neu für das Thema gewonnen werden. Egal, wie nun der Hintergrund ist.

Die Gedenkstätte

Geschichte des Holocaust Yad Vashem, die „Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust“ wurde 1953 nach Beschluss der Knesset in Jerusalem gegründet. Hier wird die Shoa aus einer jüdischen Perspektive erzählt. Herzstück ist das Museum zur Geschichte des Holocausts. Wichtig sind auch die vielen Denkmäler auf dem weiträumigen Gelände, die Allee der Gerechten unter den Völkern und die Halle der Erinnerung von 1961.