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Einigung

Obdachlose sollen nur in Geisterbahnhöfen schlafen

BVG-Chefin Nikutta und Sozialsenatorin Breitenbach einigen sich auf Übernachtungsorte für Obdachlose.

Obdachlose sollen nur noch auf ungenutzten Bahnsteigen schlafen. Davon gibt es viele in Berlin

Foto: imago stock / imago/PEMAX

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Berlin. Rechtzeitig vor Beginn der kalten Jahreszeit haben sich Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Sigrid Nikutta, und Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) auf eine neue Lösung für Obdachlose in Berliner U-Bahnhöfen verständigt. Die Verkehrsbetriebe werden weiterhin Flächen als Schlafplätze zur Verfügung stellen, jedoch nicht länger in Bahnhöfen, in denen der Zugverkehr läuft und die Leitungen an den Gleisen Starkstrom führen. Stattdessen sollen die Obdachlosen in ungenutzten, einst auf Vorrat gebauten Stationen oder an toten Gleisen nächtigen dürfen. Ein solches Gleis befindet sich etwa am U-Bahnhof Rathaus Steglitz.

„Ich bin der BVG sehr dankbar, dass wir diese Lösung für die Obdachlosen gefunden haben“, sagte die Sozialsenatorin. Jetzt werde im Verlauf dieser Woche geprüft, welche der insgesamt 38 ungenutzten Bahnhofsflächen als Notschlafplatz in Frage komme. Sie sollten in der Nähe von regulären Notübernachtungsstellen liegen, damit die dort tätigen Sozialarbeiter auch Kontakt zu den Obdachlosen auf den Bahnsteigen aufnehmen könnten. Betten oder Pritschen sollen auf in den Stationen aber nicht aufgestellt werden.

Vor den Bahnhöfen sollen Dixie-Klos aufgestellt werden

BVG-Chefin Nikutta hatte Mitte September im Morgenpost-Interview angekündigt, in diesem Winter die U-Bahnhöfe für Obdachlose schließen zu wollen. Sie machte Sicherheitsbedenken wegen des Starkstroms geltend und verwies auf die Belastungen, die der Umgang mit den oftmals alkoholisierten und sprachunkundigen Menschen für die BVG-Mitarbeiter bedeutet. „Bei nicht selten mehreren Dutzend Menschen im Bahnhof, die oft unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehen, ist das buchstäblich lebensgefährlich“, sagte Nikutta seinerzeit. Außerdem werde der BVG die Verantwortung für diese Menschen übertragen, dafür seien die Mitarbeiter aber nicht ausgebildet.

Die Sozialsenatorin will aber nicht nur warme Schlafplätze bereit stellen, sondern den Wohnungslosen darüber hinaus mit verschiedenen Angeboten helfen. Zum Beispiel sollen die Bezirke Dixi-Toiletten vor den Bahnhöfen aufstellen, um die Hygiene zu verbessern. Die BVG will außerdem mit Aushängen an allen U-Bahnhöfen über Notübernachtungsangebote informieren. Mitarbeiter sollen zudem individuell angepasste Flyer in sechs Sprachen verteilen, die auf die nächstgelegene Notunterkunft hinweisen. Denn gerade die Menschen aus osteuropäischen EU-Staaten, die eine große Gruppe unter den Obdachlosen stellen, haben einen Anspruch auf Hilfe und Unterbringung. Sie wüssten davon aber häufig nichts und suchten sich einen Schlafplatz in der U-Bahn.

Dennoch sieht Elke Breitenbach das Verhalten der Verkehrsbetriebe als ein Entgegenkommen an. „Die BVG ist keine Einrichtung der Wohnungslosenhilfe“, sagte die Sozialsenatorin. Weil aber viele Betroffene offenbar einen Platz auf harten Bahnsteig einem Bett in einer regulären Unterkunft vorziehen, sei die Hilfe der Verkehrsbetriebe doch willkommen.

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Breitenbach betonte, dass es eigentlich genügend Plätze in der Kältehilfe in Berlin gebe. Die Kapazität hatte man im vergangenen Jahr auf 1000 Betten aufgestockt. Sie stehen seit Anfang Oktober zur Verfügung. Davon seien im vergangenen Winter, der allerdings eher mild ausgefallen war, rund 85 Prozent belegt gewesen. Soziale Träger fordern jedoch, dass es mehr ganzjährige Angebote geben müsse und die ehrenamtlichen Helfer in der Kältehilfe nicht überfordert werden dürften.

Seit Jahren steigt in Berlin die Zahl der Menschen, die auch im Winter auf der Straße leben. Wie viele es genau sind, kann niemand sagen. Eine Arbeitsgruppe aus Verwaltung und freien Trägern soll jetzt eine Statistik als bessere Grundlage für Hilfsangebote erstellen. Dabei sollen sie nicht nur Obdachlose erfassen, sondern auch solche Menschen, die vom Verlust der Wohnung bedroht sind.

Die Frage, wie man an die Obdachlosen aus Osteuropa herankommt, bewegt Sozialverwaltung und Sozialverbände seit einiger Zeit. Niemand dürfe auf der Straße sterben, warnte kürzlich Ulrike Kostka vom Caritasverband Berlin. Sie schlägt vor, den Zugang zum Gesundheitssystem für Wohnungslose zu verbessern. Auch für Obdachlose aus Ländern der EU müsse es eine bessere medizinische Versorgung geben.

Als besonders wichtig sehen die Experten jedoch die Prävention an. Obdachlosigkeit könne am besten begegnet werden, wenn Miet- oder Energieschulden vermieden werden. Dazu müssten die Jobcenter den Prozess zur Übernahme von Mietschulden überprüfen und beschleunigen. Kürzlich hatte Breitenbach das Programm „Housing First“ vorgestellt, bei dem Obdachlose ohne Vorbedingungen zuerst eine neue Bleibe erhalten sollen, ehe sie zum Beispiel eine Therapie gegen Alkohol- oder Drogensucht beginnen.

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