Feuerwehr-Chef

„Wir sind dankbar für die zusätzlichen Stellen“

Der Berliner Feuerwehr-Chef Karsten Homrighausen ist seit zwei Monaten im Amt. Ein Interview.

Die Bekämpfung von Bränden macht nur einen Teil der Arbeit der Feuerwehr aus. Meist rücken die Einsatzkräfte wegen medizinischer Notfälle aus

Die Bekämpfung von Bränden macht nur einen Teil der Arbeit der Feuerwehr aus. Meist rücken die Einsatzkräfte wegen medizinischer Notfälle aus

Foto: imago stock / imago/Marius Schwarz

Berlin.  Zum Interview mit der Berliner Morgenpost kommt Karsten Homrighausen zu spät. Wieder hat eine Besprechung länger gedauert als geplant. Der gebürtige Schwabe ist in unruhigen Zeiten aus Stuttgart an die Spitze der größten Berufsfeuerwehr Deutschlands gewechselt. Denn die Behörde wurde kaputtgespart. Das rächt sich nun. Die Stadt wächst und die Feuerwehr arbeitet an der Belastungsgrenze. Im Interview mit der Berliner Morgenpost erklärt Karsten Homrighausen, wie er die Feuerwehr fit für die Zukunft machen will – und dass er dafür den Schulterschluss mit der Polizei sucht.

Sie kommen aus Stuttgart. Im Gegensatz zur Millionenmetropole Berlin scheint dort vieles besser zu funktionieren. Warum der Wechsel?

Karsten Homrighausen: Weil es eine Herausforderung ist, die ich gerne annehme und ich mich in diesem Kontext auch gern einbringen möchte mit meinen Kompetenzen, um bei der Gestaltung der Berliner Feuerwehr für die Zukunft mitzuwirken.

Sie sind mit Familie nach Berlin gezogen?

Das ist richtig.

Was sind Ihre Zukunftspläne für die Berliner Feuerwehr?

Ein Thema ist die Leistungsfähigkeit der Berliner Feuerwehr. Wo wollen wir im Jahr 2030 stehen? Wie gehen wir um mit den großen strategischen Fragen einer wachsenden Stadt? Der Innensenator hat mich gebeten, da ein Strategiepapier zu erarbeiten. Es ist mir wichtig, an dieser Stelle auch zu betonen, dass die Berliner Feuerwehr in dieser herausfordernden Zeit nur so schlagkräftig ist, da all ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gemeinsam mit den ehrenamtlichen Kräften der Freiwilligen Feuerwehr zusammenhalten und täglich für die Berliner Bürgerinnen und Bürger da sind.

Was sind wichtige Punkte Ihrer Zukunftsstrategie?

Was uns bewegt ist das Thema Digitalisierung. Da sind wir mitten im Prozess. Das geht los bei Tablets, die wir zur Informationsgewinnung für den Einsatz auf Löschfahrzeugen einführen. Dann haben wir laufende Sanierungs- und Baumaßnahmen. Auch in diesem Bereich gibt es immer wieder Dinge, die strategische Dimension für uns haben. Und ich will den Stellenwert der Feuerwehr in Politik, Verwaltung und Gesellschaft auf die Ebene holen, wo sie nach meiner Sicht hingehört. Die Feuerwehr ist kritische Infrastruktur und wenn diese ausfällt, hat die Gesellschaft ein Problem. Wenn heute ganze Baugebiete erschlossen werden, dann ist es klar, dass es Strom, Wasser und Straßen gibt. Darüber wird nicht diskutiert. Und genauso würde ich mir wünschen, dass im gleichen Umfang in einer wachsenden Stadt die Fläche oder auch die Mittel für eine weitere Feuer- oder Rettungswache eingestellt werden.

Gibt es Dinge, die Sie anders machen wollen als Ihre Vorgänger?

Wichtig ist, dass wir das große Schiff Berliner Feuerwehr jetzt nach den aufregenden und turbulenten Zeiten wieder in ruhige Fahrwasser kriegen. Die guten Entscheidungen, die die Politik mit dem Doppelhaushalt 2018/2019 getroffen hat, müssen umgesetzt werden. Uns muss aber auch bewusst sein, dass die Wirkphase, ob das jetzt mehr Personal oder mehr Finanzmittel für Fahrzeuge sind, nicht morgen eintritt. Das wird noch dauern, bis wir ausgebildete Feuerwehrleute haben, die wir auf den zusätzlichen Stellen einplanen können und bis wir fertig gebaute Fahrzeuge übernehmen können.

Es sollen demnächst mehr als 100 Fahrzeuge beschafft werden. Berlin ist nicht die einzige Behörde, die Fahrzeuge kauft.

Die Anzahl der Anbieter ist begrenzt. Die Auftragsbücher sind voll. Sie haben Produktionszeiten von zwölf bis fünfzehn Monaten. Dann müssen sie noch europäisch ausschreiben. Und dann gebe ich zu bedenken, dass es im Sinne der Risikostreuung wohl überlegt sein sollte, alle Fahrzeuge einer Baureihe anzuschaffen.

Die Feuerwehr führt eine ähnliche Diskussion wie die Polizei. Der Vorwurf lautet: Es wird viel angekündigt und nur wenig kommt auf den Wachen an. Ab wann werden die Kameraden auf den Wachen merken, dass wirklich etwas passiert?

Ich bin der Auffassung, dass sie schon das Gefühl haben müssten. Es wurden ja schon konkrete Maßnahmen umgesetzt. Beispielhaft ist ja die Reduzierung der Wochenarbeitszeit von 48 auf 44 Stunden. Da sind wir in der bundesdeutschen Feuerwehrlandschaft einzigartig. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Das kann man spüren. Gleichwohl nehme ich wahr, dass es von einigen in der Feuerwehr kritisch gesehen wird, dass es keine 24-Stunden-Dienste mehr gibt. Das ist aber hinsichtlich der hohen Belastungssituation in einer großen Stadt wie Berlin nicht mehr darstellbar. Sie werden aber nicht alle Kollegen überzeugen können. Ich kann aber auch nicht über die hohe Belastung klagen und dann ein Dienstplanmodell mit längeren Einsatzzeiten fordern.

Die hohe Belastung kommt auch von vielen Ausnahmezuständen. Zum Teil rückt die Feuerwehr zu absurden Einsätzen aus. Wie wollen Sie das in den Griff bekommen?

Wenn für Außenstehende manche Einsätze absurd wirken, ist das eine retrospektive Betrachtung. Wenn der Notruf bei uns eingeht, ist die „Absurdität“ noch nicht erkennbar. Wir müssen im Rahmen der medizinischen Antworten abwägen, ob dahinter vielleicht ein anderes Krankheitsbild steckt, das die Notfallindikation rechtfertigt. Es ist etwas einfach, zu sagen, dass das ein Einsatz war, der dort vielleicht nicht hingehört hätte. Gleichwohl ist es in unserem Fokus und das gestiegene Notrufaufkommen wird eine zentrale Aufgabe der Gegenwart, dafür zu werben, dass die Bevölkerung den Notruf gewissenhaft anwendet und darüber zu informieren, dass es noch weitere Versorgungssysteme gibt, an die man sich wenden kann. Wenn wir durch eine Vielzahl von „unberechtigten Einsätzen“ unsere Rettungskräfte binden, dann wird es schwierig, wenn tatsächlich dazwischen ein Einsatz ist, bei dem wir reanimieren müssen. Ein ganz wichtiger Punkt ist in dem Zusammenhang auch die Frage der Selbsthilfefähigkeit. Wir stellen immer wieder fest, dass in Ballungszentren, in der anonymen Gesellschaft, die Selbsthilfefähigkeit nicht der entspricht, die wir auf dem Land haben, wo vielleicht die Oma von nebenan gekommen ist und bei dem fiebrigen Kind gesagt hat: „Mach mal Wadenwickel und dann guckst du, ob morgen das Fieber runtergegangen ist“. Heute werden das relativ schnell konkrete Einsätze.

Wie wollen Sie sich Gehör bei der Politik verschaffen?

Um sich Gehör zu verschaffen, muss man erst mal in Hörweite sein. Insofern ist es wichtig, hier den Schulterschluss zu suchen und zu überzeugen. Es gibt sicherlich auch andere Organisationen, die ähnliche Herausforderungen haben. Auch die Berliner Polizei wird die Herausforderung haben, wie sie sich aufstellt in der wachsenden Stadt. Eine enge Abstimmung mit der Polizei ist mir ganz besonders wichtig.

Wenn es um die Zukunft geht, geht es auch um die Lehrakademie der Feuerwehr, die irgendwann auf den Flughafen Tegel ziehen soll, aber derzeit aus allen Nähten platzt. Halten Sie an den Plänen fest?

Das ist für uns tatsächlich die große Herausforderung der Gegenwart und der nächsten zwei bis drei Jahre. Wir haben zusätzliche Personalstellen bekommen, die sie aber nicht sofort mit Absolventen besetzen können, weil es für diese Stellen keine Fachkräfte gibt. Insofern bilden wir alle selber aus. Das müssen wir im Bestand der Berliner Feuerwehr- und Rettungsdienstakademie (BFRA) machen. Das ist eine Herausforderung. Wir haben Modulbauten errichtet und uns extern eingemietet. Aber das reicht nicht. Wir brauchen eigentlich sofort weitere Ressourcen bis zum Umzug nach Tegel, etwa ein Lehrsaalgebäude und eine Übungshalle auf dem Gelände der BFRA.

Nachwuchssorgen, Platzmangel. Das sind alles Themen, die auch die Berliner Polizei beschäftigen.

Die Herausforderung ist, dass wir schon gestern eine Lösung gebraucht hätten. Wir sind ja dankbar über die zusätzlichen Stellen. Aber wir müssen das Personal erst ausbilden und da reden wir über Zeiträume von ein bis vier Jahren. Wir wollen auch ein zeitgemäßer Arbeitgeber sein. Wenn wir da in Ausbildungsräumen unterwegs sind, die junge Menschen abschrecken, dann ist schon die Frage, wie nachhaltig unsere Ausbildungsoffensive ist. Denn eines wollen wir nicht: Wir wollen die Leute nach drei Jahren Ausbildung nicht wieder verlieren, sondern dauerhaft für die Berliner Feuerwehr gewinnen. Von daher brauchen wir nicht nur quantitativ mehr Ausbildungsmöglichkeiten, sondern auch qualitativ und zwar jetzt.

Die Polizei überlegt, Polizeischülern günstigen Wohnraum zu beschaffen oder den Führerschein zu bezahlen. Gibt es auch bei der Feuerwehr solche Überlegungen?

Ja, die gibt es. Es ist ein Auftrag, weiche Anreize zu schaffen, um die Attraktivität des Arbeitgebers Berliner Feuerwehr weiter zu erhöhen. Das ist eine Aufgabe, der wir uns stellen müssen. Hier spielen Themen wie Wohnraum, Besoldung und vieles mehr eine Rolle. Hier benötigen wir allerdings auch die Unterstützung aus anderen Bereichen.

Lebenslauf:

Ernennung

Seit dem 1. August 2018 leitet Dr. Karsten Homrighausen die Berliner Feuerwehr.

Stationen

Karsten Homrighausen wurde 1968 in Welzheim geboren. Er studierte Chemie an der Ruhr-Universität Bochum, promovierte 1997 und wurde Regierungsbrandreferendar. Ab 2004 leitete er zwölf Jahre die Einsatzabteilung der Branddirektion Stuttgart. Bis 2018 war er in Baden-Württemberg Landesbranddirektor.

Vorgänger

Als Landesbranddirektor in Berlin folgt Karsten Homrighausen auf Winfried Gräfling. Dieser hatte die Behörde seit 2006 geleitet und ging am 31. Juli dieses Jahres planmäßig in den Ruhestand.

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