Fahrverbot

Berliner zum Diesel-Urteil: "Das geht mir direkt ans Geld"

Die Entscheidung zum Diesel-Verbot trifft Zehntausende Berliner. Viele reagieren nach dem Urteil empört.

Fahrverbot in Berlin – das müssen Diesel-Fahrer jetzt wissen

Diesel-Fahrverbot auch in Berlin: So können Autofahrer jetzt nachrüsten – und das zahlt der Staat.

Auch Berlin muss Fahrverbot einführen – das müssen Diesel-Fahrer jetzt wissen

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Berlin.  Am Tag nach dem Dieselurteil hat in den betroffenen Straßen jeder eine Meinung zu dem, was da auf seinen Kiez zukommt. Das Berliner Verwaltungsgericht hatte am Dienstag entschieden, dass ab April 2019 mindestens elf Abschnitte stark befahrener Straßen in Mitte, Lankwitz und Reinickendorf für ältere Diesel gesperrt werden müssen. Damit soll der Ausstoß des gesundheitsschädlichen Stickoxids gesenkt werden.

Etwa Bereiche der Stromstraße in Alt-Moabit. Lkw fahren aus Richtung Westhafen im Sekundentakt in Richtung Innenstadt. An der Ecke Turmstraße hat Blumenhändlerin Angelika Hetzer (53) ihren Stand. Seit dem Vortag ist sie in Rage: „Das Verbot bedeutet, dass ich meinen Diesel abschaffen muss – den ich mir erst vor sechs Jahren gekauft habe.“

Das Getöse und die Abgase vor ihrem Geschäft: Das nehme sie schon gar nicht mehr wahr. Das Verbot aber werde nur dafür sorgen, dass Dieselwagen auf Nebenstraßen ausweichen und dort für Belastung sorgen. Wenn es andererseits Ausnahme­regelungen für Unternehmen gebe, habe das Verbot auch keinen Sinn mehr. Für Hetzer jedenfalls steht fest: „Ich fahre meinen Diesel trotzdem.

Auch wenn ich dafür Strafe zahlen muss.“ Ehepaar Susann und Falko Richter schieben ihre fünf Wochen alte Tochter im Kinderwagen gen Alt-Moabit. „Wir begrüßen die Entscheidung“, sagt Susann Richter. „Wir haben aus Überzeugung kein Auto, fahren Rad, nutzen Bus und Bahn, haben unser Lastenrad. Und wenn wir ein Auto brauchen, na, dann leihen wir uns eben eines.“ Ein Verbot werde Gewerbetreibende dazu bringen, auf umweltfreundliche Fahrzeuge umzustellen. „Unser Paketdienst kommt beispielsweise auch schon mit dem Rad“, sagt sie.

Auto an Auto: Einige freuen sich über die Beschränkung

Ein Stück weiter, in einem Block der Straße Alt-Moabit, wo alte Diesel zwischen Gotzkowsky- und Beusselstraße verboten werden sollen, stehen 21 Wagen in der Abbiegespur. Ihre Motoren laufen meist. Höchstens drei können pro Grünphase abfließen. Und von hinten reihen sich schon die nächsten ein. Auch auf dem Kapweg in Reinickendorf geht es nur langsam voran. Auto-, Lkw- und auch Busfahrer müssen sich nicht nur in den frühen Morgenstunden in Geduld üben. „Das geht den ganzen Tag so“, sagt Helmut Schneider, der in der Nähe wohnt, dort als Fußgänger und mit dem Rad unterwegs ist. Der Kapweg steht ebenfalls auf der Verbotsliste. „Es wäre toll, wenn hier weniger Autos fahren würden, dann wäre hier vielleicht auch die Luft besser“, sagt der Rentner.

Die meisten fahren von der A 111 über den Kurt-Schumacher-Damm auf den Kapweg, um weiter auf die Scharnweberstraße nach Wedding zu kommen. Doch genau auf der Straße sind auch Einfahrten zu einem Baumarkt, einer Autowaschanlage und zum Parkhaus des Einkaufscenters „Der Clou“, die im Fall der Sperrung nicht mehr direkt von Dieselfahrzeugen angefahren werden könnten.

Eine Mitarbeiterin von Europcar an der Kreuzung Kapweg/Scharnweberstraße geht davon aus, dass sich das Unternehmen dort wirtschaftlich auf keine Veränderungen einstellen muss: Die Mietfahrzeuge seien in der auch langfristig zulässigen Norm 6.

In einer Wartezone an der Friedrichstraße in Mitte, wo der Block vor dem Kulturkaufhaus Dussmann betroffen wäre, sitzt Sven Geiersbach in seinem Taxi der Dieselklasse Euro 5 und stellt einige Fragen: „Wir müssen Fahrgäste auf dem kürzesten Weg zum Ziel bringen. Was tun wir zukünftig, wenn wir Teile des kürzesten Wegs nicht mehr nehmen dürfen?“ Und: „Wenn ein Hotel in der Verbotszone liegt, lasse ich meinen Fahrgast dann weit entfernt mit seinem ganzen Gepäck in einer Nebenstraße raus?“ Er wisse nicht, sagt der 46-Jährige, „ob das Verbot wirklich gut durchdacht ist“.

Während Lastenradbotin Sandra Thiel (36) sagt, man müsse zur Meinungsbildung „hier nur einmal in der Rushhour hinter so einer Dieseldreckschleuder herfahren“, zeigt Kathrin Schmidt auf unsere Nachfrage hin auf die fragliche Sperrzone der Friedrichstraße. „Schauen Sie mal, wie neblig die Luft zwischen den Gebäuden ist“, so die 52-Jährige. Sie spüre den Geruchsunterschied täglich, wenn sie per Regionalbahn von ihrem Brandenburger Heimatort zur Arbeit in die City fährt.

Im weit beschaulicheren Lankwitz erstreckt sich die Leonorenstraße vom Teltowkanal bis zur Dreifaltigkeitskirche. Auch sie ist in Teilen vom Urteil betroffen. Harald Stolzenberg bringt gerade seine Enkel zum Training ins Stadtbad. Der 68-Jährige sieht ein Fahrverbot für Dieselfahrzeuge kritisch und wundert sich zudem, dass ausgerechnet die Leonorenstraße als einzige Verkehrsverbindung in Steglitz-Zehlendorf vom Dieselfahrverbot betroffen sein wird. „Das ist reinste Augenwischerei. Entweder sucht man eine große Lösung und stoppt generell alle schädlichen Dieselfahrzeuge, egal wo sie fahren – oder man lässt die Sache bleiben. Jetzt soll ausgerechnet auf der Leonorenstraße ein Fahrverbot herrschen und andernorts im Bezirk nicht. Das ist kaum zu verstehen“, ärgert sich Stolzenberg.

Empört ist auch Marius Grill, beruflich BVG-Busfahrer. Die Familie des 52-Jährigen besitzt zwei Dieselautos. „Die Entscheidung ist total ungerecht und trifft die Falschen. Es kann doch nicht sein, dass man Dieselautos für viel Geld kaufen und zulassen kann, und ein paar Jahre später darf man sie nicht mehr bewegen. Ich finde, das ist nicht in Ordnung von der Politik. Diese Entscheidung schadet den einfachen Leuten“, beschwert sich Grill.

Das Ganze sei übereilt, sagt der Streetfood-Caterer

An der Leipziger Straße in Mitte stellt Ute Langschwager am Supermarktausgang ihre Einkaufstasche aufs Elektrofahrrad und sagt, was sie von der Aussicht auf bessere Luft hält: „Das ist Quatsch.“ Die auch dort vorgesehene Einschränkung werde anderswo für Ausweichverkehr und für Gestank sorgen. Dabei wünscht sich die 55-Jährige durchaus weniger Autoverkehr. „Aber das muss man mit günstigeren Bus- und Bahntickets voranbringen, und mit Busspuren, die rigoros freigeräumt werden.“

Vor dem Hochhaus daneben hat Sebastian Herrmann (30), Chef eines Innenausbau-Betriebes mit drei Mitarbeitern, seinen weißen Diesellieferwagen geparkt. „Der wäre hier gestattet, aber meine zwei anderen nicht. So eine Entscheidung geht mir direkt ans Geld“, sagt er.

Das fürchtet auch Daniel Engel, der gegenüber aus seinem 18 Jahre alten Dieseltransporter heraus unter der Marke „Red Black Street Food“ italienische Gerichte verkauft. „Das kommt einer Enteignung gleich“, sagt der 43-Jährige. „Das Ganze ist übereilt.“ Eine so weitreichende Umstellung müsse angemessen vorbereitet werden. „Bei der Abschaffung altmodischer Glühlampen beispielsweise wurden zuvor doch auch alternative Leuchtmittel bereitgestellt. In der Dieselfrage dagegen fehlt mir als Unternehmer jetzt die Alternative.“

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