Soziales

Obdachlose sollen bedingungslos eine Wohnung erhalten

Bislang müssen Wohnungslose bestimmte Voraussetzungen für eine Bleibe erfüllen – jetzt soll es schneller gehen.

Obdachlose sollen in eigene Wohnungen ziehen

Obdachlose sollen in eigene Wohnungen ziehen

Foto: mago/Michael Eichhammer

Berlin. In Amerika und Finnland gilt sie als Erfolgsrezept zur Bekämpfung von Obdachlosigkeit, jetzt sollen auch Berliner Wohnungslose von der Idee profitieren – zumindest einige wenige: Bis zu 80 Obdachlose sollen im Rahmen eines Modellprojekts eine Wohnung erhalten, einfach so, ohne irgendwelche Voraussetzungen oder Bedingungen zu erfüllen. Das Konzept nennt sich „Housing First“, zu Deutsch: „Wohnen zuerst“.

„Wir haben in Berlin viele Hilfsangebote für Obdachlose“, sagte Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) am Montag bei der Präsentation des Projekts. „Jedoch können nicht alle diese Hilfe in Anspruch nehmen, etwa weil sie drogenabhängig sind oder psychische Probleme haben.“ Diesen Menschen bleibe der herkömmliche Weg zu einer Wohnung versperrt, weil sie die notwendigen Voraussetzungen oft nicht erfüllen.

Dazu zählt unter anderem, dass sie gewillt sind, einen Drogenentzug zu machen oder an einer Schuldnerberatung teilzunehmen. „Die Idee von Housing First setzt quasi am Ende an“, so Breitenbach. „Die Menschen bekommen bedingungslos eine Wohnung, die sie selbst mieten und nicht ein sozialer Träger. Dort können sie erst einmal durchatmen und dann frei entscheiden, welche weiteren Hilfsangebote sie annehmen.“

Pilotprojekt für drei Jahre

Das Pilotprojekt ist auf drei Jahre ausgelegt. Die Kosten für die Miete übernimmt in der Regel das Jobcenter, die Verwaltungskosten der Sozialträger der Senat: Im laufenden Jahr stellt Rot-Rot-Grün rund 200.000 Euro bereit, im kommenden 580.000 Euro. Für die Jahre 2020 und 2021 hängt die Finanzierung noch von den Beratungen über den nächsten Doppelhaushalt des Landes ab. Das Geld fließt an zwei soziale Träger, die mit den Mitteln rund zehn Stellen für Mitarbeiter schaffen, die die Obdachlosen betreuen und Wohnungen suchen sollen.

„Noch haben wir keine entsprechenden Wohnungen“, sagte Elke Ihrlich vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF). „Wir werden in den nächsten Monaten aber in den christlichen Gemeinden Berlins stark dafür werben.“ Tatsächlich droht die Akquise geeigneter Ein-Zimmer-Wohnungen schwierig zu werden. Berlins Wohnungsmarkt ist ohnehin angespannt, Hausbesitzer können sich ihre Mieter aussuchen, Obdachlose von der Straße, deren Miete das Amt bezahlt, stehen in der Reihe ganz hinten. Entsprechend niedrig gesteckt sind die kurzfristigen Ziele des SkF und des zweiten Trägers, der Berliner Stadtmission: Im kommenden halben Jahr will jede Einrichtung lediglich fünf Wohnungen auftreiben.

Bis 2021 sollen es insgesamt 70 bis 80 werden. „Die Vermieter stehen nicht Schlange, um mitzumachen“, gab auch Breitenbach zu. Auch die städtischen Wohnungsbaugesellschaften zeigten zunächst kein Interesse, an dem Projekt mitzuwirken. Trotzdem ist die Senatorin optimistisch, dass das Projekt Erfolg hat: „Bewährt sich das Konzept, werden wir es ausbauen.“

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