Bürgerfest

600.000 Besucher feiern Tag der Deutschen Einheit

Der 28. Jahrestag der Wiedervereinigung wurde auf der Festmeile zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor zelebriert.

Selfie mit Symbolwert: Studentinnen aus dem Kosovo auf dem Fest zum Tag der Deutschen Einheit

Selfie mit Symbolwert: Studentinnen aus dem Kosovo auf dem Fest zum Tag der Deutschen Einheit

Foto: Jörg Krauthöfer

Berlin. Die schlechte Nachricht des Tages kommt schon am Morgen: Wegen einer Sturmwarnung bleibt der Kinder-Bereich des Festes zur deutschen Einheit geschlossen. Ausgerechnet, denn schließlich sind es die Jüngsten, an die sich das Anliegen des jüngsten deutschen Feiertags doch besonders richten sollte. Den Fall der Mauer und die Wiedervereinigung Deutschlands am 3. Oktober 1990 hat ja längst nicht mehr jeder Deutsche selbst erlebt.

Tatsächlich fegen am Mittag Sturmböden und Regen über die Festmeile zwischen Brandenburger Tor, Kanzleramt und Siegessäule. An den Eingängen kommt es kurzfristig zum Stau, als die Wachleute den Gästen ausgerechnet die Regenschirme wegnehmen. Für die Festmeile zur Einheit gelten strenge Sicherheitsvorkehrungen, 4000 Polizisten und viel Blaulicht sind im Einsatz. Nachmittags aber kommt die Sonne heraus. Am Ende zählen die Veranstalter 600.000 Besucher.

Am Montag und Dienstag besuchten bei nasskaltem, regnerischem Wetter nach Angaben der Veranstalter jedoch zusammen nur 100.000 Menschen die Festmeile, auf der es Konzerte, Diskussionsrunden, Informationsangebote, Essen und Trinken gab. Am Feiertag am Mittwoch, an dem sich schließlich auch die Sonne zeigte, waren es demnach 500.000. Damit ist das Bürgerfest zum Tag der Deutschen Einheit auf geringeres Interesse gestoßen als erwartet.

Wie feiert Berlin die Einheit? Immerhin begann hier vor knapp 29 Jahren der Weg zur deutschen Wiedervereinigung. Wer Jubel, Tränen und Euphorie erwartet hatte wie in der Nacht zum 3. Oktober 1990, wurde enttäuscht. Damals war am Brandenburger Tor ein Bläserchor aufgezogen und spielte das Deutschlandlied, bevor in Berlin und anderen Städten ein Feuerwerk gezündet wurde. In diesem Jahr dominiert Nachdenklichkeit – und die Erinnerung.

Die weißen Zelte wirken schon von weitem eher sachlich, ebenso die Infostände, Länderstände und Podien, auf denen seit Montag zur deutschen Einheit informiert und diskutiert wird. Drei Tage dauert das Fest zur deutschen Einheit, das jedes Jahr in einer anderen Stadt begangen wird. Auch das Bühnenproramm am Mittwochnachmittag beginnt – nun ja, überraschend. Das Grundgesetz als herausgerufener Text eines Chores wie im antiken Theater – die Inszenierung des Maxim-Gorki-Theaters verunsichert manche Besucher.

Möglich, dass auch der Ort dazu beiträgt, den viele Besucher von anderen, ausgelasseneren Anlässen kennen. Tor, Bühnen, Pressezelte, Bierstände, Wurst – alles sieht aus wie bei der Fußball-Fanmeile, dem Marathon oder Kirchentag. „Da haben wir damals oben auf der Mauer gesessen und gepicknickt, es muss am 10. oder 11. November ‘89 gewesen sein“, ein älterer Herr deutet begeistert Richtung Brandenburger Tor, während seine Enkel ratlos auf die noch leere Bühne starren. „Opa, wo war diese Mauer denn?“, fragt ein Kind.

Eine andere Frau steht mit ihren Töchtern vor der Foto-Installation am Brandenburger Tor, die Menschen zeigt, die in der Nacht aufs Brandenburger Tor geklettert waren. „Ich bin damals auch auf die Mauer geklettert, aber ich habe nie ein Foto gefunden, auf dem ich zu sehen bin, ich habe gesucht und gesucht...“, sagt die Muter versonnen. Die Töchter schauen die Mutter fragend an. Wie vermittelt man den wohl prägendsten Moment der jüngsten deutschen Geschichte?

Erzählen, wie es damals war, und gemeinsam feiern

Margret Urban aus Spandau hat ihre Verwandtschaft aus Oldenburg am Vortag zur Gedenkstätte an der Bernauer Straße in Mitte mitgenommen. Dort, auf dem wiedererrichteten Mauerstreifen, war die Teilung erlebbar, erzählt die 14-jährige Nichte. „Am ehesten kann man sich anhand von Fotos und Videos vorstellen, wie es früher mal war.“

Auf der Festmeile sammeln sich viele Besucher vor einem Panzer des sowjetischen Ehrenmals. In einer Installation aus Einkaufswagen und Texttafeln erzählen damalige DDR-Bürger von den 100 D-Mark Begrüßungsgeld und ihrer ersten seltsamen Zeit nach dem Mauerfall.

Unter den Besuchern ist auch die Amerikanerin Deidre Berger, Direktorin des American Jewish Committee Berlin Office, die über Mauerfall und Wiedervereinigung als Radiojournalistin berichtete. „Wenn ich solche Texte lese, bin ich sofort wieder in der Zeit“. Sie erinnert sich an die Tage, als die Straßen Berlins voller Menschen waren, die spontan aufgebrochen waren in den Westen. Wie in der Ausstellung habe sie damals auch Menschen erlebt, die zunächst gar nicht wussten, was sie mit ihrer Freiheit anfangen sollten.

Zum Tag der Wiedervereinigung: Was wünschen Sie Deutschland?

Möglich, dass nur zufällig neben der Ausstellung ein mobiler Geldautomat steht – samt Warteschlange wie einst. Und dass große Autohersteller in weißen Zelten werben, sozusagen integriert in die Atmosphäre der Erinnerung, der politischen Aufklärung und des Bürgerengagements. Auch der deutsche Astronaut Alexander Gerst, der am Mittag aus der Raumstation ISS zur deutschen Festmeile geschaltet wird, erscheint auf einem Großbildschirm über einer Fläche mit glänzenden Neuwagen.

Insgesamt, sagt ein Paar aus Osnabrück, sie ist 54, er 59 Jahre alt, sei das Fest aber sehr informativ und gelungen. „Weniger Kommerz als in früheren Jahren, man besinnt sich mehr auf sich selbst, es gibt viele spannende Informationen zu öffentlichen Institutionen und den Bundesländern.“

Was den Besuchern noch aufgefallen ist: „Diesmal sind viel mehr Gäste aus aller Welt dabei – das freut uns.“ Als wenig später zwei dunkelhäutige junge Männer zwei Bayern mit Hüten und Alphörnern ansprechen und um eine Kostprobe auf den Instrumenten bitten, bildet sich schnell eine Menschentraube. Als die Musiker fertig sind, wird gemeinschaftlich gejohlt und gelacht.

Mit dem Einheitsfest unter dem Motto „Nur mit Euch“ solle auch ein Zeichen gegen jene gesetzt werden, die bewusst einen Keil in die Gesellschaft treiben wollten, hatte Berlins Regierender Bürgermeister (SPD) gesagt. Für ihn sei der 3. Oktober auch ein Tag der Mahnung – gegen Hass und Ausgrenzung. Schon an den Eingängen wird das deutlich. Auf Schildern mit den üblichen Sicherheits-Piktogrammen – durchgestrichene Rucksäcke, Flaschen und Regenschirme – steht ein weiteres Symbol: Darauf steht, durchgestrichen, das Wort „Nazis“ .

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