Einheitsfest

Chorgesänge zum Grundgesetz am Brandenburger Tor

Ein riesiger Sprech-Chor skandiert ausgewählte Zitate vor allem aus dem Grundrechte-Teil.

Festmeile 3. Oktober - GORKI GRUNDGESETZ

Festmeile 3. Oktober - GORKI GRUNDGESETZ

Foto: Jörg Krauthöfer

Berlin. Wie schön ist unser Grundgesetz! Wie poetisch, kraftvoll, weise! Gestern war’s zu erleben, beim Fest zum Tag der Deutschen Einheit. Zwischen Bratenfett-Geruch, Luftballons und Glücksrädern, zwischen Geschichts-, Bundeswehr- und Volkswagen-Buden, Zoll-Hundeshow und Polizeihubschrauber gab es mit Marta Górnickas „Grundgesetz“ tatsächlich etwas, was diesem Volksfest eine besondere Würde verlieh. Und umgekehrt.

Denn kann ein Ort historisch aufgeladener sein als das Brandenburger Tor? Die große Bühne, die den Blick freilässt auf den Linden-Boulevard, wird gerade nicht nur vom Tor überragt, sondern auch von Polizisten und den Menschen, die auf der Mauer feiern – riesige Reproduktionen schwarz-weißer Fotos von Street Art-Künstler JR.

Hier also setzen Górnicka und das Gorki Theater das Grundgesetz einem Stresstest aus. Heißt: Ein riesiger Sprech-Chor skandiert ausgewählte Zitate vor allem aus dem Grundrechte-Teil, brüllt und ruft, singt und zerdehnt sie. Dieser Chor ist schon die halbe Miete: Knapp 50 Menschen stehen da, in Deutschland Geborene und Geflüchtete, mit Trisomie 21 und Kopftuch, Roma und Trans-Menschen, aus Ost und West. Anders als aktuelle „Wir sind das Volk“-Rufer repräsentiert dieser Chor wirklich die gesamte Gesellschaft.

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Chor beginnt mit der Präambel

Zunächst rollt ein großer Fanfarenzug mit Trommeln und Trompeten akustisch den roten Teppich aus. Dann tritt der Chor auf. Sie beginnen mit der Präambel, verbeißen sich in einzelne Begriffe, die sie wiederholen: Frieden. Einheit. Freiheit. Wir, das deutsche Volk.

Manche von ihnen werden zu Störgeräuschen, andere überlagern einander als wilde Fuge, die Górnicka von ihrem Podest aus dirigiert. Immer wieder brandet Applaus auf, wenn der Text aktuell wird. Etwa bei Artikel 16A: „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.“ Schon das berührt ungemein. Dazwischen singt Lindy Larsson „Love will tear us apart“, antwortet auf den Chor-Slogan „Wir sind alle Deutschland“ ein Kind „Ich auch!“, springt Karim Daoud vom Exil-Ensemble Wortwiederholungs-Loopings, schmettert Dusty Whistles „I’ve been looking for freedom“. Schade, dass das Projekt einmalig bleiben soll. Großartig wäre es, wenn sich überall in Deutschland Bürgerchöre bilden würden – und das Grundgesetz immer wieder einem Stresstest unterzögen. In Berlin hat es ihn jedenfalls glänzend bestanden.

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