Alexanderplatz

Morgenpost-Leser besuchen ehemaliges Gefängnis

Bei dem Rundgang sind auch frühere Häftlinge dabei. Das Gefängnis soll nun Lernort für Berliner Schüler werden.

Folgen Sie auf eine Tour durch den DDR-Knast Keibelstraße

Im DDR-Knast Keibelstraße saßen zwischen 1949 und 1990 1949 mehr als 15.000 Häftlinge ein. Folgen Sie uns auf einem virtuellen Rundgang.

Folgen Sie uns auf eine virtuelle Tour durch das Gefängnis in der Keibelstraße

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Berlin. Gerhard Ratajczak wurde am 11. August 1961 verhaftet und in das Gefängnis in der Keibelstraße gebracht. 10 oder 12 Tage saß er dann in Untersuchungshaft, sagt Ratajczak heute. So genau wisse er das nicht mehr. „Die Tage hinter Gittern sind so eintönig. Da verliert man schnell das Zeitgefühl“, so der 90 Jahre alte Senior. Am gestrigen Mittwoch, dem Tag der Deutschen Einheit, ist Gerhard Ratajczak nun das erste Mal seit seiner Inhaftierung wieder in dem Knast unweit des Alexanderplatzes. Wenn Ratajczak über seine Zeit in dem Gefängnis spricht, bekommt er noch immer glasige Augen. An diesem Tag ist er aber auch hierhergekommen, um zuzuhören: Gerhard Ratajczak gehört zu der Besuchergruppe mit Lesern der Berliner Morgenpost, die hinter die Kulissen der früheren Haftanstalt schauen dürfen.

Frank Schulenberg, der eigentlich als Pressereferent in der Senatsbildungsverwaltung arbeitet, hat viele Details zu berichten: Ursprünglich hatte der Warenhauskonzern Karstadt das Gebäude errichtet. Das war 1930, erzählt Schulenberg. Doch schon vier Jahre später musste Karstadt einsehen, viel zu groß geplant zu haben. Nur die Hälfte der Büros seien von den Mitarbeitern besetzt gewesen. Karstadt zog deswegen aus und das Statistische Reichsamt, eine Behörde des Reichsfinanzministeriums, ein. Während der Nazi-Zeit sei hier auch die Verfolgung von Juden dokumentiert worden, sagt Schulenberg.

Mehr als 15.000 Häftlinge saßen in der Keibelstraße ein

Am Ende des Krieges lag ein Großteil Berlins in Schutt und Asche, auch das Haus an der Keibelstraße war schwer beschädigt. Noch schlimmer hatte es allerdings das damalige Polizeipräsidium am Alexanderplatz getroffen. Die sowjetische Besatzungsmacht entschied wenig später, aus den Resten an der Keibelstraße ein neues Haus für die Polizei zu errichten. 1949 legten Bauarbeiter dann den Grundstein für das Polizeigefängnis. Bis 1990 sollen hier mehr als 15.000 Häftlinge eingesessen haben, viele Kriminelle, aber auch politisch Verfolgte. Zu den prominentesten ehemalige Knast-Insassen zählen der Liedermacher Wolf Biermann und der Maler Norbert Bisky. Aber auch der frühere DDR-Verteidigungsminister Heinz Kessler saß hier hinter Gittern.

Das Gefängnis an der Keibelstraße war eine Untersuchungshaftanstalt. Bis zu sechs Monaten lang durften die Häftlinge dort festgehalten werden. „Die Insassen wurden verhört, teilweise sogar unter Folter“, erzählt Frank Schulenberg. Gegen die Übergriffe der Wärter seien die Häftlinge machtlos gewesen. „Es wurde massiv eingeschüchtert“, so Schulenberg. Häufig mussten sich zwei Häftlinge eine knapp sechs Quadratmeter große Zelle teilen.

Der Alltag sei für die Knast-Bewohner eintönig gewesen, erzählt Schulenberg den Lesern der Berliner Morgenpost: Um sechs Uhr früh mussten die Häftlinge den Schlafplatz auf der Pritsche verlassen. Bis zum Abend durften die Inhaftierten nur gehen, stehen oder sitzen. Wer Glück hatte und nicht mit einem der Aufpasser aneinander geriet, konnte auf das Dach des Gefängnisses zum Freigang. Leserin Felicitas Nalewalski ist beeindruckt von der Führung. „Aber wir bekommen glücklicherweise nur eine Ahnung davon, wie schlimm es hier gewesen sein muss“, sagt die Wilmersdorferin.

Gerhard Ratajczak kann sich mehr als 57 Jahre nach seiner Inhaftierung noch erstaunlich detailreich an seine Zeit in einer der Zellen erinnern. Ratajczak wurde wegen angeblicher Staatsverleumdung verhaftet, er saß dann in einem der oberen Stockwerke in Haft. Vor allem das Geräusch der sich öffnenden und schließenden Türriegel ist ihm im Gedächtnis geblieben. Kraawumm. Zwei Riegel je Tür. 140 Zellen. Nahezu pausenlos. „Das Geräusch hallte durch das ganze Gebäude. Es war unerträglich“, erzählt Ratajczak.

Gefängnis soll Lernort für Berliner Schüler werden

Auch Peter Lehmann saß einst in dem Haus an der Keibelstraße 1962 in Untersuchungshaft. Mit 18 Jahren wollte er aus der DDR fliehen. Doch noch in seinem Bett liegend wurde er verhaftet. Ein Bekannter hatte seine Pläne verraten. Später wurde Peter Lehmann dann in den Knast nach Rummelsburg gebracht. „Als ich da rauskam, war ich ein anderer Mensch“, sagt er. Lehmann begann zu trinken. Weitere Haftaufenthalte folgten. Über seine Zeit hinter Gittern hat er auch ein Buch geschrieben.

Nach der Wende wurde das Haus in der Keibelstraße noch bis 1996 als Gefängnis genutzt. Zuletzt warteten hier kriminelle Ausländer auf ihre Abschiebung. Danach aber wurde es still in dem Gemäuer. Filmproduktionsfirmen entdeckten den Knast: Für mehrere US-Serien, den Polizeiruf und auch für „Goodbye Lenin“ diente das frühere Gefängnis als Kulisse, erzählt Frank Schulenberg.

Mittlerweile nutzen die Senatsverwaltung für Bildung, die Berliner Immobilienmanagement GmbH und die Berliner Polizei das Haus. Und auch für den alten Zellentrakt hat der Senat nach langem Streit Verwendung gefunden: Bereits im Dezember sollen erste Schulklassen hier Workshops abhalten. Aus dem ehemaligen Knast in Berlin-Mitte soll ein Ort des Lernens werden.

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