Tag der deutschen Einheit

Roadtrip auf der B96: Von Sachsen über Berlin nach Sassnitz

Die B96 führt von Sachsen über  Berlin nach Sassnitz

Die B96 führt von Sachsen über Berlin nach Sassnitz

Foto: Reto Klar

Berlin feiert die deutsche Einheit. Und worüber sprechen die Menschen im Land? Eine Reportage entlang der B96.

Berlin. Unsere Reise beginnt mit einem krassen Klischee. Gibt es noch Deutsche, die den anderen Teil des Landes nicht kennen? Ja. Wir stehen in Zittau in einer Kulisse, die aus einem historisierenden DDR-Film stammen könnte. Verfallende Gründerzeithäuser, graue Fassaden, leere Schaufenster mit DDR-Dekor. Davor: Ein Mann in weißen Jeans, schwarzer Jacke und Glatze. Patrick Nilles ist 52 Jahre alt, kommt aus Franken und sagt: Ja, er sei das erste Mal hier. „Im Westen hat man uns früher bei der Bundeswehr gelehrt, dass der Osten der Klassenfeind ist. Da hat sich eine Hemmschwelle erhalten.“ Andererseits wollte er wissen, wie sein bester Freund aufwuchs, der vor vielen Jahren aus Zittau nach Franken zog. „Deswegen sind wir jetzt gemeinsam hier.“

Eigentlich haben die beiden eine ganz ähnliche Idee wie wir. Wie leben wir denn so, wir Deutschen, nach 28 Jahren „Einheit“? Was trennt uns noch? Nur die Vorurteile? Die beiden lachen. Gerade haben sie so ein Erlebnis gehabt. In einem Antiquariat hat ein Verkäufer Nilles dezent auf eine Ecke ganz hinten hingewiesen. „Da gab es alte Bücher aus der Nazizeit. Propaganda. Der hat wohl gedacht, Glatze, Sonnenbrille, schwarze Jacke...“, sagt Nilles. „Vielleicht sollte dem Mann mal jemand sagen, dass Skinheads keine Nazis sind? Wenigstens nicht im Original. Ich bin links.“ Dann laufen sie weiter, auf den Spuren ihres Freundes in Zittau, der sagt: Zurückziehen will er nicht mehr. „Das ist mir hier zu trist.“

Die B96 beginnt in Zittau und verläuft über rund 600 Kilometer bis nach Sassnitz auf Rügen. Mittendrin: Berlin. Was verbindet die Menschen entlang der Straße? Haben die im Süden andere Sorgen als im Norden? Wie weit weg liegt, gefühlt, der politische Planet Berlin? Als wir zur Reportage aufbrechen, ist das Streitthema dort noch die Beförderung des Verfassungsschutzpräsidenten, als wir zurückkehren, haben die CDU-Abgeordneten ihren Fraktionschef gefeuert.

In Zittau beginnt die B96 als Kreisverkehr um die Altstadt. Drinnen ist vieles liebevoll saniert, außen dominieren blinde Fenster und „Zu-verkaufen“-Schilder. Trotzdem, sagt Silke Nay, sei Zittau eine sehr lebenswerte Stadt. Sie ist 29, wird gerade zum zweiten Mal Mutter. Die erste Tochter trägt einen griechischen Namen, Panagiota. Griechische Wurzeln haben sie nicht. „Der Name hat uns einfach gefallen.“

Silke Nay arbeitet als Krankenschwester im Klinikum Zittau. „Ich bin hier geboren und würde nie wegziehen. Ich bin sehr zufrieden in Zittau, auch wenn manche es langweilig finden. Meine Schwester lebt in Dresden, sie ist immer auf dem Sprung, so ist das in der Großstadt, aber mir ist das zu viel.“ In Zittau sei alles entspannter. „Hier gibt es ja auch alles, Geschäfte, eine schöne Altstadt, Arbeit, nette Menschen.“ Nur in den Medien werde Sachsen manchmal übertrieben dargestellt, sagt sie, „was Rechtspopulismus angeht, aber auch, was die Belastung durch Asylbewerber betrifft.“ Ja, es gebe Rechtspopulismus, sagt sie, „irgendjemand hat die AfD ja gewählt.“ Die Partei kam bei den Bundestagswahlen 2017 auf rund 33 Prozent, im Wahlkreis Görlitz, zu dem Zittau gehört, verlor Michael Kretschmer, heute Ministerpräsident Sachsens (CDU), sein Direktmandat an die AfD. Aber wer die AfD-Wähler sind, sagt die junge Frau, „das bekommt man nicht mit.“ In Berlin ist die AfD Dauerthema. „Hier sprechen die Leute nicht darüber.“

Ein so großes Problem mit Flüchtlingen, wie viele sagen, gebe es gar nicht, sagt sie. „Sicher gibt es auch in Zittau mal Stress am Edeka, aber ganz ehrlich: Streit und Gewalt gab es vorher auch schon. Es wurde nur nicht jedes Mal gesagt, woher die Täter kommen. Ich muss das auch gar nicht immer wissen.“ Ein Polizist antwortet auf die Frage nach dem drängendsten Problem der Region knapp: „Die Grenze“. Gemeint sind die Drogen und Kriminalität im Dreiländereck von Deutschland, Polen und Tschechien.

In einem Dorf hinter Zittau heißt die B96 noch „Straße der Republik“, abzweigend „Straße der Pioniere“ – wie zu DDR-Zeiten. Am Straßenrand stehen wie Freiluftmuseen die typischen Umgebindehäuser der Lausitz, stolze Fachwerkhäuser mit Schnitzereien aus der Zeit, als die Niederlausitz das Land der Leinweber war. Viele verfallen. Eines davon hat Maik Haupt gekauft – obwohl er eigentlich etwas ganz anderes im Sinn hat als Traditionspflege.

Der amerikanische Traum von Eibau

Der Cadillac, Baujahr 1974, trägt noch das Nummernschild aus Louisiana. Sie haben ihn über Litauen gekauft. 8,2 Liter, 365 PS. „Der läuft, wir restaurieren ihn aber erst, bevor er zum TÜV kommt“, sagt Maik Haupt. Der feuerrote Pontiac Firebird gehört seinem Sohn. Maik (53) und Jeffrey (25) Haupt schrauben und schleifen im sächsischen Eibau seit vier Jahren an ihrem amerikanischen Traum – und das passenderweise an der B96, die auch „ostdeutsche Route 66“ heißt, weil sie wie das amerikanische Vorbild die Enden des Landes verbindet, wenn auch zwischen Nord und Süd.

Heckflossen-Schönheiten und wummernde Motoren als Symbole der Freiheit – in der DDR war alles, was aus Amerika kam, verpönt und verboten. Autos aus den USA reparieren zu können ist ein bisschen wie damals: „Man muss wissen, wie es geht und wo man die Ersatzteile herbekommt“, sagt Haupt Senior.

Die Freiheit, sagt er, sei der wichtigste Gewinn durch den Mauerfall. Andererseits sind da die Kehrseiten. „Wenn du als Ostdeutscher dein ganzes Leben gearbeitet hast und genauso wenig Rente bekommst wie jemand, der Hartz IV bezogen hat, was soll man da sagen?“ Oder wenn er sieht, wie viel Geld die Flüchtlinge bekommen. Wobei, in Eibau leben gar keine, nur in Zittau sei es „schlimm“. Hat seine Tochter gesagt. Eigentlich müsse man gegen die Ungerechtigkeiten der heutigen Zeit auch wieder protestieren, findet Haupt. „Aber montags nach Dresden zu fahren ist auch keine Lösung.“

Die gescheiterten Träume der B96 heißen „Pilgerschänke“, „Dönerimbiss“ oder „Zur dicken Hose“. Zum Ausgehen fehlt in der Lausitz offenbar vielen das Geld. Oder die Ansprüche sind gestiegen. Eine Tür, die niemanden abweist, finden wir in Bautzen: Die Stadt empfängt ihre Besucher mit dem spektakulären Blick auf einen Turm – und einer Notunterkunft für die Ärmsten. An diesem Abend sind es zwei Männer, die beim Verein Brücke e.V. übernachten, zwölf können unterkommen, doch in der letzten Zeit seien sie meist nicht voll belegt, sagt Betreuer Burkhard Woelke. Zu seinen Gästen gehört Joe (32), der Totenkopfringe an den Händen und Tattoos im Gesicht trägt und nachts mit dem Plüschtier seiner Tochter im Arm schläft. Sein Leben, so klingt es, ist nicht einfach, aber Bautzen sei eine gute Stadt mit herzlichen Menschen. „Wenn die Leute mir hier sagen, ey, du bist nicht von hier, das hör’ ich an deinem Dialekt, du kommst aus Meißen, dann muss ich lachen. Dann fühlt man sich zuhause.“ Meißen liegt eine Autostunde entfernt.

Die Hoffnung hängt am Gartenzaun...

Im Sommer 2016 haben in Bautzen erst Rechtsextreme Flüchtlinge gejagt, dann Linke die Rechten, das Ganze zog sich nächtelang hin. Mittendrin die Polizei und ein Bürgermeister, der versuchte, den Ruf seiner Stadt zu retten. Betreuer Woelke erinnert sich daran als „schlimme Zeit“, doch das sei nicht der Alltag in Bautzen. „Das Zusammenleben ist gut“, auch unter den Gästen der Notunterkunft, wo ab und zu Ausländer stranden. Auch Wohnungsnot wie in Großstädten gibt es hier nicht. In der Lokalzeitung lautet die Schlagzeile des Tages: Der Wohnungsleerstand in Bautzen sei zurückgegangen. Hier gilt das als Erfolg.

Winzige Dörfer, verlassene Häuser, viel Feld und Wald – „und die Hoffnung hängt am Gartenzaun“, hat die Berliner Band „Silbermond“ 2015 über die Lieblings-Bundesstraße des Ostens gesungen, „und kaum ein Mensch kommt je vorbei / Im Hinterwald / wo mein Zuhause ist ...“ In Camminau hinter Bautzen kennen sie den Song alle, die Sängerin ist hier aufgewachsen.

Hoyerswerda: „Schauen Sie sich um!“

Hoyerswerda gilt als Symbol für eine Stadt, die nach dem Mauerfall nur verlor. Knapp die Hälfte der einst 70.000 Einwohner zog weg, bis heute werden Plattenbauten abgerissen, seit den Ausschreitungen gegen Ausländer 1991 hat die Stadt den Ruf der ausländerfeindlichen Hochburg. Bei den Bundestagswahlen bekam auch hier die AfD mit knapp 28 Prozent die meisten Stimmen.

Horst Tiebel (70), Rentner, ist im blauen Drillich mit dem Rad unterwegs – daran befestigt: zwei Deutschland-Fahnen. Er lacht. „Die hängen da immer, aber jetzt passen sie ja gut zum Tag der deutschen Einheit.“ Er sieht die Wiedervereinigung positiv. „Schauen Sie sich um, früher war hier ein großes Industriegebiet. In den 90-ern wurde vieles abgerissen, aber es gibt auch neue Firmen. Was soll ich sagen? Es war früher nicht alles schlecht – und heute ist auch nicht alles schlecht.“

Wir verlieben uns ein bisschen in den Rentner, der aus einem Film des Regisseurs Andreas Dresen stammen könnte. In „Gundermann“ hat Dresen gerade das Lebensgefühl der 90er-Jahre in Hoyerswerda verfilmt, als alles anders wurde – nur die Menschen nicht.

„Für aktive Arbeit und Leistung im sozialistischen Wettbewerb“, steht auf der Rückseite des DDR-Wimpels. „Sowas hat jeder damals gekriegt, eine Gelegenheit gab es ja immer“, sagt Tiebel. Er selbst hat 20 Jahre als Industrieelektriker im Kombinat Schwarze Pumpe gearbeitet, nach dem Mauerfall in einem Elektrobetrieb. Heute macht er Hausmeisterarbeiten, „jeden Morgen von sieben bis zehn, danach Garten“. – „Und mit dem Fahrrad mache ich drei Wochen Urlaub im Jahr! Mit 70! Warum nicht? Mit geht es ja gut.“ Für den Urlaub fährt er einfach los, von Hoyerswerda aus in die Welt, ein Stück entlang der B96 und dann bis an die Donau nach Linz oder anderswo hin. „Herrlich!“

Auch Marie Dankhoff (18) wird Hoyerswerda bald verlassen – zum Studium. Wir treffen sie auf einer der zugigen Wiesen, auf denen vor kurzem noch Plattenbauten standen. Sie kommt aus einem Supermarkt, in dem ungeduldige Rentner in der Kassenschlange vor sich hinmeckern. Neben den Parkplätzen wuchert ein Spielplatz zu. Wo sind die Kinder?

Viele sind weggezogen, sagt Marie. Sie ist hier geboren, aufgewachsen in einem Dorf in der Nähe, demnächst geht sie zum Studium nach Chemnitz. Ihr Fach heißt Rehabilitationssport, das finde sie interessant – aber es war auch ein Kompromiss, „denn ich muss dafür nicht so weit wegziehen“. Sie wollte auf jeden Fall in Sachsen bleiben. „Ich mag die Landschaft und die Menschen, man versteht sich hier mit den Leuten.“

Marie findet es wichtig, in Sachsen zu bleiben. Vielleicht auch als Gegengewicht zu den vielen Älteren in der Stadt. Wer im Bergbau gearbeitet habe, sagt Marie, dem gehe es heute gut, „die Bergbaurenten sind relativ hoch“. Andere Rentner sehe sie Flaschen sammeln. Manche wohnen hier in der Nachbarschaft.

Hat sie Bedenken wegen der Ereignisse in Chemnitz in diesem Sommer, als dort Asylbewerber gejagt wurden, rechte und linke Demonstranten aufeinander losgingen, Auftritte von Rechtsextremen Schlagzeilen machten? Ja, sagt sie, „es ist ein Mensch getötet worden und es gab diese Demos von rechts und von links. Aber die allermeisten Chemnitzer wollen das alles nicht, sie sind ganz normale Leute.“ An einem Tag, an dem keine Demo war, habe sie in Chemnitz binnen zehn Minuten 47 Polizeiautos gezählt. Marie meint: Viel Ärger werde auch von außen in Orte wie Chemnitz getragen. Dort passiere jetzt das, was mit Hoyerswerda nach 1991 geschah, als auch dort eine tagelange Angriffe auf Ausländer gab und rechtsradikale Ausschreitungen.

In der „Seelounge“ am Bergbau-See

Zwischen Hoyerswerda und Senftenberg zwinkern entlang der B96 blaue Seen-Augen durch die Bäume: Aus ehemaligen Tagebau-Gruben wird derzeit eine gigantische Seenlandschaft. In Großkoschen führt eine Straße „Zur Südsee“. Am Ufer des Senftenberger Sees warten pinkfarbene Liegestühle auf die letzten Sommergäste. Wie sehr sich Deutschland seit dem Mauerfall verändert hat, ist hier sichtbar. Warnschilder vor „gekippten Böden“ und Erdrutschgefahr erzählen allerdings auch davon, dass vieles noch unsicher und unfertig ist – auch im übertragenen Sinn. Vor vier Jahren hat Matthias Schwedler (48) seine „Seelounge“ am Ufer von Großkoschen eröffnet. Schon zu DDR-Zeiten war hier Feriengebiet. „Damals kamen die meisten Gäste aus Sachsen, heute kommen sie aus ganz Deutschland, neuerdings viele auch Tschechien. Viele kommen zum Zelten, immer mehr zum Radfahren“, sagt Schwedler.

Mit seinem Kollegen Christian Hirschfeld (35) bereitet er jetzt die Nachsaison vor, „wir wollen noch bis Ende Oktober öffnen, im Winter lohnt es nur noch an schönen Sonntagen.“ Was er sich von der Politik wünscht? „Ein Konzept für den Tourismus, um über den Winter zu kommen.“ Sein Mitarbeiter ergänzt: Solange in der Region nur der Mindestlohn gezahlt werde, sei es schwer, dauerhaft qualifiziertes Personal zu bekommen. Zwar profitiere die Region von der überregionalen Werbung für das Lausitzer Seenland, sagen beide. Aber sie wünschen sich Lösungen von der Politik auch in schwierigen Fragen. Ansonsten, sagt Schwedler, fange er „als Gastronom lieber gar nicht erst mit Politik an, das führt zu nichts.“ Was in Berlin passiere, „ganz ehrlich, das ist mittlerweile nur noch albern“.

Warum es die B96 in Berlin zweimal gibt

Kurz vor Berlin teilt sich die B96 – sozusagen eines der letzten Relikte der Teilung in der ansonsten wiedervereinten Stadt. Weil durch den Mauerbau die eigentliche Route über von Lichtenrade bis Reinickendorf abgeriegelt war, schilderte man die 96a in Ost-Berlin über Köpenick, Prenzlauer Berg und Pankow aus. In Lichtenrade steht an der B96 an der Stadtgrenze seit 2009 ein stählernes Denkmal: Es zeigt Menschen, die über die Mauer klettern. Hier treffen wir Martin Tschugg (48), der mit dem Rad aus Neukölln von der Arbeit kommt – und auf den das Denkmal irgendwie ziemlich gut passt. Er sei an der B96 aufgewachsen, am Mariendorfer Damm, erzählt er. „Zu Mauerzeiten war dort auch viel Verkehr, allerdings nicht hier unten an der damaligen Mauer, wo wir jetzt stehen.“ Hier trafen sie sich als Kinder zum Spielen im wilden Grün vor der Mauer. „Durch den Grenzübergang durften nur die Müllautos zu den Deponien nach Brandenburg fahren.“ Heute wohnt Tschugg direkt an der ehemaligen Grenze. „Jeden Morgen laufe ich mit dem Hund eine Runde durch das Grün, wo früher der Todesstreifen war.“

Tschugg arbeitet im Rathaus Neukölln, die 30 Kilometer Heimfahrt über der Mauerweg sind für ihn Entspannung nach der Arbeit. Die Wiedervereinigung in Berlin? „Wunderbar, dass wir das erlebt haben“ – und politisch so gut wie abgehakt. „Für den Radverkehr sollte mehr getan werden“, sagt Tschugg. „Und gegen die Fremdenfeindlichkeit und die AfD. Diese Probleme werden nicht von alleine wieder verschwinden, und sie beschränken sich nicht, wie viele glauben, nur auf einzelne Orte .“

In West-Berlin verlief die B96 über die damalige Entlastungsstraße in Tiergarten, heute führt sie durch den Tiergartentunnel. Und damit direkt unter dem Kanzleramt und dem Reichstag hindurch. Näher kann man der großen Politik nicht kommen – eigentlich. Denn als wir am Mittwochabend oben am Kanzleramt stehen, ist alles abgeriegelt. Überall stehen schon Gitter und weiße Zelte für die Feier am 3. Oktober. Am Paul-Löbe-Haus, wo die Abgeordneten ihre Büros haben, bauen Fernsehteams hektisch ihre Kameras auf. Wie geht es weiter nach dem Sturz von Fraktionschef Kauder? Dazwischen flanieren in aller Ruhe Touristen, um ein letztes Foto vom Reichstag im Sonnenuntergang zu machen.

Ein Trabi aus Stein

In Pankow, wo die Bäume höher und die Häuser flacher werden, steht seit einigen Jahren an der B96a ein Trabi … aus Stein. Moment, aus Stein? Tatsächlich, es ist der Trabi, von dem man zur 25-Jahr-Feier der Einheit schon mal gelesen hatte: Carlo Wloch, Steinmetz und Restaurateur am Berliner Schloss und anderen Monumentalbauten, hatte das Symbol des DDR-Alltags aus einem einzigen Steinblock gehauen. Und der „Pappe“, wie der kleine Zweitakter im Volksmund hieß, im Wortsinn Gewicht verliehen. Im Original wog der Trabant 600 Kilo, Wlochs Werk wiegt neun Tonnen.

Wloch hätte seinen steineren Trabant gern am Brandenburger Tor oder am Berliner Schloss gesegen, vielleicht war es zu schwer, jedenfalls sollte es nicht sein. Nun steht der Tonnen-Trabi hinterm Zaun am Eingang des Zions-Friedhofs an der B96a, der „Ost-Route“ der Bundesstraße. Zwischen Grabsteinen, auch das kann man symbolisch sehen, aber Grabsteine sind eben auch Wlochs Geschäft. Und hier sieht den Trabi wenigstens jeder.

Der Bildhauer gibt gern Auskunft über die berühmte Skulptur. „Es bleiben oft Leute am Zaun stehen, fotografieren, wollen wissen, ob der Trabant wirklich aus einem Stück ist.“ Und ob man ihn kaufen kann? „Kann man“, sagt Wloch. Es gebe auch Interessenten. Mit dem Preis sei es wie mit dem Original zu DDR-Zeiten: „Damals ließ man das Fenster einen Spalt offen, dann konnten Interessenten ein Angebot auf einem Zettel einwerfen.“ Weil DDR-Bürger viele Jahre auf ein Auto warten mussten, waren die Preise entsprechend.

Wloch hat die Schlagzeilen des Tages mit Sorge gelesen. Von hinten guckt ihm eine Kohl-Büste über die Schulter, als er sagt: Alle, die jetzt Merkels Verdienste klein redeten, sollten bedenken, was sie geleistet habe. Nicht nur als erste Ostdeutsche in ihrem Amt. „Es ist Merkel, die alle diese großen Männer in Schach hält. Selbst Putin und Trump werden bei ihr leise. Und für Europa gibt es keine bessere politische Kraft als sie.“

Bei Schildow hinter Berlin verrottet ein blauer Fischerkahn malerisch am Straßenrand wie ein Versprechen auf das Ziel, das viele hier haben: Die Ostsee. In Birkenwerder vereinigen sich die West- und die Ostroute aus B96 und B96a wieder. Der kleine Platz wirkt wie eine Inszenierung des Begriffs „deutsche Kleinstadt“. Rundum liegen das Rathaus, die Postbank, ein Imbiss und der Ratskeller. Gegenüber mäht jemand akribisch einen großen Park. Im Rathausflur hängen Ergebnisse eines Malwettbewerbs, Grundschüler haben Einhörner gemalt, das Gewinnerbild glitzert. Im Büro der SPD-Landtagsabgeordneten nebenan vergilbt ein Bericht aus dem Landtag vom April, darunter stehen Handbücher über Reichsbürger.

Wenn es vor dem „Curry B96“ rummst

Vom Tresen hat Christa Dickfoß alles im Blick, was auf der B96 passiert, ihr Imbiss steht in Teschendorf direkt am Bürgersteig. „Curry B96“ steht oben daran. Davor rummst es immer mal wieder, sagt sie. „Mal sind es nur Auffahrunfälle, mal wird eine offenstehende Tür abgefahren, mal bleibt ein Lastwagen liegen. Aber ich habe auch schon ein Boot die Straße entlang rollen sehen.“ Schlimm sei der Stau – fürs Geschäft. „Selbst wenn alles steht, steigen die Leute nicht aus. Alle haben es eilig, selbst im Stau.“

Wichtigstes Thema bei Curry B96: „Die Ausländer!“, sagt die Imbissfrau, die jeden Tag mit dem Bus über Oranienburg zur Arbeit kommt. Es seien dort einfach zu viele. „Ich bin schon der Meinung, dass es Menschen gibt, die es verdienen, bei uns aufgenommen zu werden. Aber wenn ich sehe, dass Frauen schon mit mehreren Kleinkindern hier ankommen, und dann sind sie schon wieder schwanger... oder die ganzen jungen Männer – wer soll denn deren Länder wieder aufbauen?“ Die Sachsen rücken vorsichtig einen Tisch weiter. Ihre Tochter sei in Berlin von zwei Ausländern überfallen worden, sagt die Imbissfrau. Gibt es in Teschendorf Ausländer? „Nein. Hier ist es schön.“

Von Gransee in die Welt

Wovon träumen die Menschen ein paar Kilometer weiter in einem Städtchen wie Gransee, an der B96, Ecke Vogelsangstraße, die kopfsteingepflastert ist wie vor 100 Jahren? Julia Weißhahn lebt im Nachbardorf und geht hier aufs Gymnasium. „Ich wünsche mir einen guten Schulabschluss, dafür lerne ich schließlich. Dann will ich Polizistin werden – Kommissarin.“ Sie weiß auch genau, wie die Ausbildung verläuft: „Ein duales Studium, für das ich aber nach NRW oder Hamburg muss.“ In Geografie haben sie gerade die Deutschlandkarte aus Schülersicht durchgenommen. Wo gibt es Unis? Wo preiswerte Wohnungen? Und wie findet man eine? Gransee in Brandenburg hat knapp 6000 Einwohner und vielleicht nicht die besten Perspektiven. Aber es entlässt seine Schüler, so sieht es aus, lebenspraktisch gebildet in die Welt. Später, sagt Julia, möchte sie wieder in die Heimat zurück. „Wenn man Kinder hat, will man, dass sie so aufwachsen wie wir. Nicht zwischen Beton, sondern zwischen Wiesen und Freiheit.“

Gransee, findet sie, sei eine schöne Stadt. Und friedlich. Ausländer? „Ja, einige unserer Mitschüler sind als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Die Sprachschüler, die an unserer Schule einen Deutschkurs besuchen, sind alle sehr freundlich.“

Auf der Weiterfahrt folgen uns vier Paar dunkle Samtaugen durch einen Zaun: gepunktetes Damwild in einem Garten. In Dannenwalde, in früheren Zeiten Grenzort zwischen Brandenburg und Mecklenburg-Strelitz, hockt ein rundes, rosafarbenes Kirchlein am Straßenrand, dahinter ein ebenfalls schön restauriertes Gutshaus. Die neugotische „Kirche am Weg“ birgt Kunstausstellungen, es gibt einen Förderverein, der die Instandsetzung möglich machte und das Besuchern das liebevoll restaurierte Kleinod aufschließt. Es steht für die Geschichte entlang der B96 – und für gelebten Bürgersinn.

„Dann ist Fürstenberg tot!“

Kurz vor Fürstenberg stehen im Wald die Reste einer russischen Kaserne. Zwei Wandfriese, die schießende Soldaten und schützende Hände zeigen, dazu russische Inschriften, noch gut erhalten. Davor: Ein Paar, das fotografiert. Andrea und Heiko (beide 54) aus Wolfsburg, sind auf der Suche nach verlorenen Orten wie diesem. Die Suche nach Überbleibseln der Geschichte ist ein Hobby, das mit dem Internet aufkam – die Bilder werden im Netz geteilt. Die beiden sind im Urlaub, genauer: auf dem Rückweg nach Wolfsburg, wo sie seit zwölf Jahren arbeiten. Gebürtig sind sie aus Sachsen-Anhalt. Leben mit der deutschen Geschichte diesseits und jenseits der einstigen Mauer: Im Oktober, sagen sie, gibt es für sie zwei Feiertage, den 3. und den 7. Oktober. Den Tag der deutschen Einheit und den Gründungstag der DDR.

Am Ortseingang von Fürstenberg begrüßen uns Schilder: „B96 raus!“ – „Diese Gemeinde wehrt sich gegen die B96“. Seit 20 Jahren wird hier um eine Umgehungsstraße gestritten, denn Autos und Schwerverkehr donnern durch schmale Gassen und direkt über den Marktplatz. Friedrich Roth (76) hat ein Plakat an seinem Gartenzaun befestigt. Schon zu DDR-Zeiten habe es den Plan für eine Umgehungsstraße gegeben, sagt er, in den 90-ern versprach der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) das Geld für den Bau. Doch der scheiterte, weil die neue Straße über das Gelände des ehemaligen Jugend-KZs in Fürstenberg verlaufen sollte. Seitdem wird gestritten. Die Menschen leben, wie Roth, weiter mit dem Lärm und streiten. Ost- oder Westumfahrung? Oder wollen gar keine, weil mit dem Verkehr Touristen und Kunden für die Geschäfte kommen?

Roth sagt: „Wenn viele kleine Leute viele kleine Schritte tun, können sie viel verändern.“ Sein Nachbar Steffen, ein paar Jahrzehnte jünger als Roth, ist gegen eine Umfahrung. „Dann ist Fürstenberg tot! Guck doch mal, wie viele Leute hier auf dem Weg an die Ostsee noch einkaufen!“ Wenigstens die Lkw könnten doch raus, meint Roth. – „Und wer soll deinen Edeka beliefern?“ Roth winkt über die Straße. „Erich, komm mal rüber!“ Doch Nachbar Erich, etwa in Roths Alter, sieht das nochmal anders. „Es hat alles sein Für und Wider. Für die Geschäftsleute wäre eine Umfahrung schlecht, für die Anwohner gut.“ Und warum passiert nichts? Liegt es an der Politik? Auch, sagen die drei. „Aber auch an der Uneinigkeit der Bürger.“ So streiten sie weiter, aber sie mögen sich trotzdem. Wäre es nicht an der Politik, endlich einen Kompromiss zu schaffen? Sie lachen.

Deutschrap im Stadtpark

Der Stadtpark von Fürstenberg ist eine Idylle mit Booten am See. Hier treffen sich Muhib (22), Irik (16), Rahmanullah (19) und Ayaz (22). Sie stammen aus Albanien, Syrien und Afghanistan, leben teils schon seit mehreren Jahren in Deutschland. Irik ist nicht in der Schule, die anderen lernen Deutsch und hoffen auf Arbeit, die sie nicht finden. Fürstenberg sei schön, aber ein bisschen langweilig, sagen sie. Zum Zeitvertreib hören sie Deutschrap aus einer Handy-Box und singen den Refrain mit. Die Menschen in Fürstenberg seien freundlich, sagen sie, aber als wir an der Straße ein Foto von den vier Jungs machen, runzeln manche Passanten die Stirn, ein Auto hupt, jemand wechselt die Straßenseite.

In Weisdin, Mecklenburg-Vorpommern, steht eine weitere Rundkirche an der Straße. Diese ist in prächtigem Barock ausgeschmückt. Kirchen wie diese erzählen vom Reichtum entlang der einstigen Chaussee. Nördlich von Neubrandenburg wandelt sich das Bild. Die Bundesstraße wird hier auf die A20 geleitet. Die alte Trasse holpert, geflickt wie eine alte Hose, malerisch durch Felder, Sölle und Seen. Am Rand kann man sehen, was passiert, wenn Ortschaften vom Verkehr abgekoppelt werden. Die vorpommersche Kleinstadt Altentreptow zum Beispiel: Im gut erhaltenen historischen Ortskern aus dem Mittelalter ist die Zeit 1990 stehen geblieben. Häuser verfallen, es ist still wie am Sonntag. Menschen sieht man nur an den Supermärkten am Stadtrand. Im Ort steht ein altmodischer, B96-gelber Wegweiser: „Fernverkehr“. Man kann das lesen wie „Fernweh“.

Der besorgte Bürger von Sassnitz

Der „Sachsenblick“ in Sassnitz ist eine Sackgasse, die vielleicht so heißt, weil man von ihrem Ende fast bis nach Sachsen blicken kann – jedenfalls sehr weit über Schiffe, Hafen und Meer. Vielleicht ist sie auch einfach nach den Touristen benannt, die in Scharen von anderen Ende der B96 kommen – die wiederum hier endet.

Gegenüber zweigt vom Kreisverkehr eine Merkelstraße ab, die jedoch nach einem anderen Merkel benannt ist, nicht nach der Kanzlerin. Hier treffen wir einen Mann, der seinen Namen nicht sagen will – aber sehr gern reden. Über Merkel. „Ich wäre froh, wenn sie weg wäre“, sagt er, „mit ihr beginnt der Untergang Deutschlands.“ Warum das? „Mit ihrer sogenannten Integration hat sie Deutschland gespalten. Sie weiß nicht, was sie redet, sie ist fern von der wirklichen Welt. So eine Stimmung wie heute gab es schon einmal. Mehrfach. Und man sieht ja, wohin das führt.“

Wovor will dieser Mann genau warnen? Vor der Überfremdung des Landes? Oder dem Wiederaufkommen des Rechtspopulismus? Er muss erstmal nachdenken. Und wir auch. Ein wohlsituierter Herr, frisiert und gekleidet wie die Mittelschicht, was macht ihn so besorgt? Später läuft er uns noch hinterher, um seine Angaben zu den Fischkuttern zu korrigieren. Er wirkt nicht wie einer, dem etwas fehlt. Außer vielleicht jemand, der zuhört.

Natalia, Ernest, Hubert, Nikolaj, Mateusz, alle 18, sind an diesem Tag die bestgelaunten Besucher von Sassnitz. Die Schüler einer polnischen Seefahrtschule sind mit ihrem Segelschulschiff eine Woche im Hafen zu Gast. Sie schauen ihn sich von oben an – und lassen sich in ihren Matrosenuniformen bewundern. Sie sind keine Soldaten, sondern studieren zivile Seefahrt. Sie träumen von den USA, den Bahamas, Jamaika oder auch Dubai.

Mit Blick auf den Tag der deutschen Wiedervereinigung sagen sie: Es sei gut, dass sie heute reisen können, wohin sie wollen. Andererseits ist es in Polen auch heute noch schwer, Arbeit zu finden. Die Generation ihrer Eltern zog nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in die Welt, um die Familien daheim zu ernähren. Sie selbst haben die Seefahrtschule deswegen gewählt, um wenigstens ihre Ausbildung in Polen zu machen.

Wenn man verstehen will, wie die große Politik real bei kleinen Leuten ankommt, muss man ganz ans Ende der B96 fahren, in den Hafen von Sassnitz. Von weitem wirkt der alte Fischereihafen mit seinen bunten Schiffen wie eine Spielzeugwelt. Ein bunter Kutter namens „Heimat“ empfängt die Gäste mit Matjes und Fischbrötchen. An Deck stehen nicht Fischer, sondern Restaurantfachkräfte. Die „Heimat“ ist zuletzt 2003 ausgelaufen. Danach baute sie der Kapitän zum Fischladen um.

Merkels enttäuschte Fischer

Am Kai dahinter räumt Jens Engelbrecht gerade seinen Kutter auf – er ist einer der letzten Fischer von Sassnitz und gerade vom Fischfang zurückgekommen. Der Fang sei an diesem Morgen ganz ordentlich gewesen, sagt er. Und dass er ansonsten eigentlich gar nichts mehr sagen will. Nicht zu seinen Fischen, nicht zur Politik, was für ihn ein und dasselbe ist. Engelbrecht ist Fischer „in fünfter Generation, mein Sohn ist die sechste“.

Zu DDR-Zeiten lagen hier im Hafen die Kutter dicht an dicht, jetzt sind es vielleicht noch eine Handvoll, die ausfahren. Ende vergangenen Jahres hat die EU die Fangquoten für Hering massiv gesenkt, die Bestände sollten sich erholen, hieß es, Wissenschaftler hätten das empfohlen. Es war nur eine von vielen Einschränkungen für die Küstenfischer, erzählt Engelbrecht. Rund um die neuen Windkraftgebiete vor der Insel dürfen sie nicht mehr fischen, „aus Sicherheitsgründen“, dazu kommen immer neue Naturschutzgebiete, neue Auflagen für die Boote, jetzt gerade hat der Ostseehering auch noch das MSC-Gütesiegel verloren. „Es sind nur noch die Naturschutzverbände, die uns sagen, was wir machen sollen.“ Die großen Konzerne dagegen dürften weiter die See leerfischen. Engelbrecht ist frustriert. „Dabei machen wir kleinen Küstenfischer doch gar nichts kaputt.“ Die letzten Fischer von Sassnitz fühlen sich wie die sprichwörtlichen kleinen Fische im großen System.

Und die Politik? Immerhin ist dies doch Angela Merkels Wahlkreis, hier wird noch immer mehrheitlich CDU gewählt? Engelbrecht hat Merkel vor einigen Jahren tatsächlich persönlich getroffen. Sie hat auch zugehört. „Aber unsere Anliegen werden doch von den Politikern gar nicht weiter durchgereicht. Wenn Brüssel eine Quote festlegt, verschärfen sie die deutschen Beamten noch.“ Er deutet auf das neue, gläserne Fischgeschäft gegenüber. „Merkel? Fragen Sie da mal.“

Im dem modernen Verkaufsraum des „Kutterfisch“ drängeln sich ab frühmorgens die Touristen. Über den Stehtischen hängt eine Fotografie – gleich zweimal, wie um die Bedeutung zu unterstreichen. Vier Fischer sitzen darauf in einem verqualmten Raum, nachdenklich ins Gespräch vertieft mit einer jungen Frau. Von der Seite fällt Licht in dicken Strahlen wie auf einem holländischen Gemälde. Das Foto ist berühmt, eine Ikone es wurde oft interpretier und nachgedruckt. Es zeigt Angela Merkel in ihrem ersten Wahlkampf 1990. Heute wirkt es wie Fischerfolklore aus einer längst vergangenen Zeit.

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