"Babylon Berlin"

Berlin in den 20ern: Alle essen und trinken bei Aschinger

Am Sonntag startet „Babylon Berlin“. Wir blicken auf das Berlin der Zwanzigerjahre. Teil 6: Wirtschaft – Beginn der Systemgastronomie.

Von außen unscheinbar: Aschingers Bierquelle. Hier eine Filiale in der Neuen Roßstraße in Mitte |

Von außen unscheinbar: Aschingers Bierquelle. Hier eine Filiale in der Neuen Roßstraße in Mitte |

Foto: akg-images / picture-alliance / akg-images

Berlin. Charlotte Ritter, die Protagonistin in „Babylon Berlin“, ist pfiffig und resolut. Als Aushilfe bei der Berliner Polizei wird die junge Frau von den männlichen Kollegen zwar nur selten ernst genommen – doch sie kann sich durchsetzen. Dennoch reicht der Job kaum zum Überleben. Charlotte Ritter lebt in Moabit in ärmlichen Verhältnissen. Ihr geht es Ende der Zwanzigerjahre so wie vielen Einwohnern der deutschen Hauptstadt: Die anklingende Weltwirtschaftskrise bestimmt den Alltag. Weil der deutsche Warenexport immer weiter zurückgeht, sinkt auch die Industrieproduktion. Er-ste Firmen brechen zusammen, Banken müssen schließen, viele Menschen verlieren ihre Arbeit.

Auch Charlotte Ritter bekommt einen Teil des Elends hautnah mit: Eines Tages geht die junge Frau in ihrer Mittagspause von der „Roten Burg“ aus über den Alexanderplatz. Ritter kommt an einer Menschenreihe vorbei: „Nähe alles“, steht auf einem Pappschild, das eine Frau in ihren Händen hält. Daneben steht ein Mann mit grauer Mütze. „Schuhmachermeister sucht Stellung“, steht auf seiner Tafel geschrieben. Ein anderer Mann hält schlicht „Suche Arbeit“ in die Höhe. Dann kommt plötzlich eine junge Frau auf Charlotte Ritter zugelaufen. Beide beginnen ein Gespräch. „Ick mach’ gerade Mittag. Hast du Hunger? Na komm, ick lad’ dich ein“, sagt Ritter zu der Bekannten.

Größter gastronomischer Betrieb in Europa

Wie so viele Menschen in dieser Zeit zieht es die beiden Frauen an diesem Tag in ein Aschinger. Mit 30 Bierquellen, 15 Konditoreien, acht weiteren Restaurants, 20 Verkaufsstellen sowie einigen Hotels ist Aschinger der größte gastronomische Betrieb Europas. In Berlin sind die Lokale Treffpunkt nahezu aller gesellschaftlichen Schichten. „In den großen Restaurationshallen von Aschinger traten reale Klassengegensätze hinter die behagliche Illusion gesellschaftlicher Gleichheit zurück“, schrieb Wolfgang Bernhagen 1987 in seinem Buch „Bier- und Kaffeegärten sowie Schnellgastronomie im alten Berlin“.

Die Grundsteine für den Aufstieg der Aschinger-Bierquellen waren aber bereits mehrere Jahre vor dem Beginn der weltweiten Wirtschaftskrise gelegt worden: In Berlin hatten zunächst Industrialisierung und Bürokratisierung zu mehr Angestellten und Beamten geführt. Immer mehr Menschen mussten deswegen in ihrer kurzen Mittagspause mit einem schnellen Imbiss versorgt werden. Grundsätzlich konnte von dieser Entwicklung die gesamte Berliner Gastroszene profitieren. Aschinger „erkannte den Zug der Zeit aber schneller als alle anderen und setzte das einmal entwickelte Konzept mit beeindruckender Konsequenz um“, bescheinigte auch der Historiker Karl-Heinz Glaser 2004 in seinem Buch „Aschingers Bierquellen erobern Berlin“.

Aschinger, 1892 von den Brüdern August und Carl Aschinger gegründet, hatte gegenüber den Konkurrenten deswegen auch Kostenvorteile. Experten betrachten die Berliner im Nachhinein auch als Pioniere der Systemgastronomie. In den 30 Bierquellen gab es immer und überall das Gleiche. Wer vor dem Lokal stand, wusste, was er bekommt. „Man konnte sich auf sein Aschinger verlassen“, schrieb Glaser. Für die gleichbleibende Qualität sorgte Aschinger selbst: In firmeneigenen Zen­tralbetrieben wurden die Speisen täglich frisch zubereitet, häufig in Küchenmaschinen, die von den Brüdern Aschinger eigens entwickelt worden waren. In der „Aschinger Werkstatt“ am Alexanderplatz gab es etwa einen Gasbratofen, in dem 60 Gänse auf einmal gebraten werden konnten. Beeindruckender war vielleicht nur der Eierkocher-Apparat, in dem 942 Eier zugleich gekocht werden konnten – ohne dass ein Ei das andere berührte. Nur durch diese industrielle Lebensmittelfertigung konnten die Kosten niedrig gehalten werden.

Ein Zufluchtsort, in dem man gut und günstig satt wird

Die Aschingers waren aber auch Marketing-Experten. Das große „A“ stand als wiedererkennbares Markenzeichen für Preis und Qualität. Zur Zeit der Weltwirtschaftskrise, als viele Berliner sich ihre Miete vom Mund absparen mussten, waren die Aschinger-Bierquellen zudem Zufluchtsort: Belegte Brote etwa lagen gut sichtbar in hygienischen Glasvitrinen, die im Erdgeschoss gelegenen Lokale waren hell, das Service-Personal adrett gekleidet. Für das Volk war ein Aschinger auch der Ort, um sich gut und günstig satt zu essen. Ein Blick auf die Speisekarte vom 24. Juni 1929 der 26. Bierquelle in der Königgrätzer Straße 129 zeigt, wie wenig die Berliner dafür bei Aschinger zahlen mussten: An diesem Montag gab es etwa „Thüringer Rotwurst mit sauren Specklinsen“ für 90 Pfennige oder „Sahnegulasch mit Butternudeln“ für 1,65 Mark. Noch günstiger waren die berühmten Aschinger-Gerichte wie „Terrine Löffelerbsen mit Speck“ und „Aschingers Bierwurst mit Salat“ für jeweils 50 Pfennige.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war der Neustart für Aschinger schwierig: Mehr als 80 Prozent der Lokale waren zerstört worden. 1976 musste die letzte Filiale am Bahnhof Zoo schließen. Wer genau hinschaut, entdeckt aber noch heute in Berlin Relikte des einst größten gastronomischen Unternehmens in Europa. Auf dem Treppengeländer im Coworking-Space „St. Oberholz“ am Rosenthaler Platz etwa ist nach wie vor das große, markante „A“ zu finden.

Lesen Sie in der nächsten Folge: Hauptdarstellerin Liv Lisa Fries im Porträt

„Babylon Berlin“. ARD, 30.09., 20.15 Uhr

Hier lesen Sie die weiteren Teile unserer Serie:

„Babylon Berlin“: Die Kunst im Zeitalter der Nervosität

Bahnhöfe sind die Kathedralen einer neuen Zeit

Eine Republik im blutigen Straßenkampf

Das Nachtleben in Berlin in den Zwanzigerjahren

So viel Verbrechen steckte in den Zwanzigerjahren in Berlin

+++ Berlin-Podcast +++ Diese Woche bei „Molle und Korn“: Die TV-Serie „Babylon Berlin“ hat Free-TV-Premiere in der ARD – und die Erwartungen sind hoch. Im Nahverkehr: Die S-Bahn muss Strafe zahlen wegen Minderleistung. Und: Alt-Berliner Wohnungen mit Bediensteten-Klingel.

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