Berlin

Probearbeiten im Coworking-Space

Für ein Festival öffnen Berliner Anbieter für eine Woche ihre Büroräume. Die Erfahrungen der Nutzer aber sind unterschiedlich

Seit einem dreiviertel Jahr arbeitet Simon Chavanne an seiner Unternehmensidee im Coworkingspace Impact Hub Berlin.

Seit einem dreiviertel Jahr arbeitet Simon Chavanne an seiner Unternehmensidee im Coworkingspace Impact Hub Berlin.

Foto: Liz Parsons / (c)  Impact Hub Berlin

Berlin. Wer ein Unternehmen gründet, oder als Freiberufler sein Geld verdient, kann schnell genug haben von der Arbeit am heimischen Schreibtisch. Die eigenen vier Wände verlässt man nur selten, auch andere Leute sehen die „Heimarbeiter“ kaum. Verlockend erscheint es da, den Arbeitsplatz in einen Coworking-Space zu verlegen. Dieser bietet den räumlich ungebundenen Digitalarbeitern moderne Büroräume, Austausch mit anderen Gründern oder Selbstständigen – und guten Kaffee, womöglich sogar vom Barista des Hauses.

Immer mehr Berufstätige überzeugt das Konzept in Berlin

Über 100 Coworking-Spaces gibt es laut Senatsverwaltung für Wirtschaft mittlerweile in der Hauptstadt, die drittmeisten weltweit. Die Nachfrage nach den Arbeitsplätzen nimmt stetig zu, sagt Tobias Kremkau, Manager des Coworking-Spaces im St. Oberholz am Rosenthaler Platz. Immer mehr Unternehmen und Festangestellte würden die Räume für sich entdecken.

Um noch mehr Menschen auf die Möglichkeiten des neuen Arbeitens aufmerksam zu machen, initiiert das St. Oberholz mit anderen Anbietern in dieser Woche das Coworking-Festival. Bis Freitag können Interessierte kostenfrei in verschiedenen Gemeinschaftsbüros auf Probe arbeiten und sich auf Veranstaltungen über den Wandel der Arbeitswelt informieren.

Das Arbeitsumfeld prägt das Denken

Simon Chavanne hat seinen Arbeitsplatz in einem Coworking-Space gefunden. Der Gründer nutzt seit einem Dreivierteljahr das Impact Hub Berlin am Mehringplatz in Kreuzberg. Der Co­working-Space richtet sich an Gründer und Selbstständige, die sich mit nachhaltigen und sozialen Themen beschäftigen – und platzt laut den Betreibern mit 60 Arbeitsplätzen derzeit „aus allen Nähten“. Für Chavanne keine Überraschung. „Du denkst anders, je nachdem, wo du dich befindest“, sagt der 31-Jährige. Bei ihm gehe das hier besser als anderswo. Zu Hause könne er nicht arbeiten. „Da habe ich andere Gewohnheiten.“ Zudem schätze er den Austausch mit anderen Mietern im Coworking-Space, beruflich wie privat.

Ähnlich zufrieden berichtet Robert Rademacher über seinen gemieteten Arbeitsplatz. Der selbstständige Medienproduzent hat seinen Schreibtisch seit zwei Jahren bei Juggle Hub in Prenzlauer Berg. Nach langer Zeit im Homeoffice ist er dankbar für die Möglichkeit, die sich ihm durch Coworking bietet. „Ich hatte gemerkt, dass es mir fehlt, Leute beim Arbeiten um mich zu haben.“ Wenn man will, könne man sich ablenken, sagt er, etwa in der Bar im Eingangsbereich. Doch die Arbeit komme nicht zu kurz. „Hier kann man sich konzentrieren, wenn man sich konzen­trieren will“, sagt er.

Hinzu kommt die flexible Planung, die dem 39-Jährigen den Arbeitsalltag erleichtert. Durch Tarife kann er selbst bestimmen, wie oft und wann er seinen Arbeitsplatz überhaupt beanspruchen will. Zudem gibt es Kinderbetreuung im Haus. Auch Radermachers Tochter Joni spielte vor Eintritt in den Kindergarten dort. Und: Der Coworking-Space gibt ihm eine Antwort auf die Frage: „Was machen andere Leute eigentlich?“ Für ihn biete der Ort die beste Möglichkeit, einen Überblick über den Markt zu gewinnen und neue Geschäftsideen kennenzulernen.

Coworking-Spaces werden an den Stadtrand gedrängt

„Mit der Realität verbunden bleiben“, ist Anna Bianchi besonders wichtig. Es ist ihre erste Woche bei „Wonder – Women’s Coworking“, einem Coworking-Space in Prenzlauer Berg nur für Frauen. Zuvor arbeitete die 36-jährige Italienerin ein gutes halbes Jahr von daheim aus und merkte schnell: So ganz ohne zwischenmenschliche Kontakte will sie nicht arbeiten. „Realität“ bedeutet für sie, in Kontakt mit Menschen zu bleiben. Auch, während sie freiberuflich für eine Bildredaktion für Unternehmenskommunikation arbeitet.

Doch Bianchi äußert auch Kritik an dem Arbeitsmodell: „Ich finde es gut, aber nicht unbedingt besser.“ Neben der Vernetzung untereinander, sieht sie auch die Gefahr eines gegenteiligen Effekts. „Jeder ist in seiner Blase mit seinem Projekt beschäftigt“. Sie befürchtet, dass sich Coworking dann nicht viel anders als Homeoffice anfühle.

Zwar verkaufen sich Coworking Spaces nach außen auch über die Gemeinschaft und die sozialen Kontakte. In erster Linie stehen dahinter jedoch Unternehmen. Ob internationale Anbieter wie WeWork oder Mindspace oder lokale Firmen, sie alle versuchen mit dem Vermieten von Büroflächen Geld zu verdienen. Ein einfacher Schreibtischplatz kann so letztlich schnell 100 bis 200 Euro im Monat kosten.

Diese Ausrichtung stört auch Philipp Schöll. Der Grafikdesigner arbeitet seit mehreren Jahren selbstständig. In einem Coworking-Space wollte er das bisher jedoch nie tun. Stadtdessen arbeitet er in einer Bürogemeinschaft mit mehreren anderen Selbstständigen. Gemeinsam teilen sie sich so die Kosten des Büros. Aus seiner Sicht die bessere Alternative. In einem Coworking-Space jedenfalls wollte er nicht sitzen. "Da gibt es mittlerweile institutionelle Anbieter in allen Preisklassen, die meist versuchen, einen hip wirkenden Raum mit einem Privatbarista zu vermieten", sagt er. Und noch etwas stört ihn: "In Coworking-Spaces bleiben die Mieter gerne nur für ein paar Tage. Das ist mir zu anonym."

Dennoch sind gerade in Berlin die Gemeinschaftsarbeitsplätze weiter stark gefragt. Während jedoch die Nachfrage nach Coworking-Plätzen in der Hauptstadt dennoch weiter steigt, schlägt die Situation auf dem Berliner Immobilienmarkt auch auf die Coworking-Spaces durch, sagt Tobias Kremkau: „Wir sehen eine Verdrängung.“ Auch etablierte Orte würden in Zukunft weichen müssen. Neugründungen gebe es nur außerhalb des Zentrums, sagt er. Auch für die schöne neue Arbeitswelt gelten die harten Gesetze des Berliner Immobilienmarkts.

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